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UNDER THE SHADOW (Iran/Jordanien/Katar/Großbritannien 2016)

von André Becker

Original Titel. UNDER THE SHADOW
Laufzeit in Minuten. 84

Regie. BABAK ANVARI
Drehbuch. BABAK ANVARI
Musik. GAVIN CULLEN . WILL MCGILLIVRAY
Kamera. KIT FRASER
Schnitt. CHRISTOPHER BARWELL
Darsteller. NARGES RASHIDI . AVIN MANSHADI . BOBBY NADERI . RAY HARATIAN u.a.

Review Datum. 2017-04-23
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Im Jahr 2016 sorgte ein Film auf Festivals rund um den Globus immer wieder für Furore: UNDER THE SHADOW von Babak Anvari. Die Gründe für die teils euphorischen Reaktionen sind dabei ausgesprochen vielfältig. Ein Punkt sticht jedoch heraus. Die geschickte Einflechtung politischer Themen in einen klassischen Gruselstreifen. Und tatsächlich, abseits der auch sonst sehr soliden Inszenierung, sind es vor allem die soziopolitischen Implikationen die der Koproduktion das gewisse Etwas geben und sie aus dem Genre-Standard herausragen lassen.

Angesiedelt ist Anvaris Geschichte im Iran der achtziger Jahre. Das Land befindet sich im Krieg. Die Hauptstadt Teheran ist zwar bislang von Angriffen verschont geblieben, es ist allerdings nur eine Frage der Zeit bis die Gewalt auch dort die Zivilbevölkerung erfasst. In dieser Atmosphäre ständiger Bedrohung lebt die junge Mutter Shideh (Narges Rashidi) mit ihrer kleinen Tochter Dorsa (Avin Manshadi). Für Shideh selbst hat das Leben kaum noch etwas zu bieten. Aufgrund ihrer Beteiligung an politischen Protesten ist es ihr untersagt ihr Medizinstudium zu beenden, ihr Mann wird an die Front geschickt und ihr gesamter Alltag verläuft als zähe Wiederholung der immer gleichen Tätigkeiten. Als ihre Tochter plötzlich von unheimlichen Erscheinungen berichtet tut sie dies zunächst als kindliche Übertreibungen ab. Als nach einem Bombeneinschlag zahlreiche Nachbarn das Haus verlassen und Shideh und Dorsa in eine fast allumfassende Isolation manövriert werden, eskalieren die Ereignisse. Shideh wird bewusst, dass eine böse Macht (ein Djinn) im Begriff ist ihrer Familie das Leben zur Hölle zu machen und sie dabei völlig auf sich allein gestellt sind.

Noch stärker als der vergleichbar ungemütliche DER BABADOOK betont UNDER THE SHADOW das menschliche Drama. Die eigentlichen Horror-Elemente werden insofern erst recht spät in die Geschichte eingebaut. Die (gut getimten) Schocks sind dann tatsächlich auch erst im letzten Drittel zu finden. Vorher arbeitet Anvari mit unheilvollen Andeutungen, die meist sehr dezent den Handlungsverlauf kreuzen. Im Gegensatz zum gemeinhin reichlich überschätzten oben genannten Grusel-Hit ist die Figur der Tochter glücklicherweise nicht als nerviges ADHS-Kind angelegt. Stattdessen muss man die hervorragende, sehr nuancierte, Darstellung der Jungschauspielerin loben, die hier entscheidend dazu beiträgt, dass die konfliktbeladene Bindung zwischen Mutter und Tochter nicht zur Geduldsprobe für das Publikum wird. Das überzeugende Schauspiel von Narges Rashidi als starke (gleichsam unterdrückte) Frauenfigur tut ihr Übriges und führt dazu, dass die Koproduktion als Drama hervorragend funktioniert.

Bei den Horror-Anteilen schafft es der Film hingegen nicht gänzlich zu überzeugen. Am stärksten sind die Szenen in denen Anvari das Grauen im Kopf des Zuschauers lässt und es in wenig konkrete Bilder hüllt. Die wenigen Jump-Scares, die ja mittlerweile zum Genre-Standard gehören, sind jedoch nicht immer gelungen. Als deutliches Zugeständnis an (westliche) Inszenierungsformen im Horror-Kino sind diese sogar eher störend. Glücklicherweise ist das Zusammenspiel der Settings (das kriegsgebeutelte Land/die zerrüttete Kleinfamilie/eine Frau auf der Suche nach Selbstverwirklichung) der sehr eigenen Horror-Atmosphäre aber sehr zuträglich und ein großer Pluspunkt für die Stimmung des Films.

Insofern reicht es nicht ganz zum großen Wurf. UNDER THE SHADOW punktet als stark gespieltes Familiendrama, das ebenfalls als Gesellschaftsportrait funktioniert und teils sehr pointiert Einsichten in ein Land zwischen Emanzipationsbestrebungen und zunehmend virulenten Unterdrückungsmechanismen gibt. Als Horrorfilm wählt Anvari hingegen den falschen Weg und orientiert sich zu stark an vergleichbaren US-Werken jüngeren Datums. Die Mythologie rund um die Djinn-Wesen ist als Motiv zwar noch relativ frisch und unverbraucht, wird durch eine nicht immer gelungene Effektarbeit in ihrer Wirksamkeit mitunter empfindlich gestört. Dennoch lohnt dieser kleine Festivalliebling. Anvari zeigt uns mit klaren, nichtsdestotrotz sehr düsteren Bildern ein fast schon apokalyptisches Untergangsszenario, bei dem im kleinem (die Familie) und großem Maßstab (die iranische Gesellschaft) ein gleichermaßen fatalistisches Unheil seinen Lauf nimmt. Trotz vorhandener Schwachstellen ein empfehlenswerter Film.











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