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TOP GIRL ODER LA DÉFORMATION PROFESSIONELLE (Deutschland 2014)

von Fabian Olbrich

Original Titel. TOP GIRL ODER LA DÉFORMATION PROFESSIONELLE
Laufzeit in Minuten. 95

Regie. TATJANA TURANSKYJ
Drehbuch. TATJANA TURANSKYJ
Musik. NIELS LORENZ
Kamera. LOTTA KILIAN
Schnitt. STEPHANIE KLOSS . RICARDA ZINKE
Darsteller. JULIA HUMMER . RP KAHL . SUSANNE BREDEHÖFT u.a.

Review Datum. 2015-05-02
Kinostart Deutschland. 2015-01-15

Da, wo der Erfolg der oberen Mittelschicht anhand von guter Kleidung, gutem Essen, guten Wohnungen - finanziert durch gute Jobs - sichtbar wird, in der politischen, kulturellen und zeitgeistprägenden Mitte der Bundesrepublik Deutschland, in Berlin, da, hinter dem blendenden Glanz der Oberfläche eines guten Lebens, da lauert etwas im Schatten: Die Angst dieser gesellschaftlichen Klasse vor dem sozialen Abstieg. Die Regisseurin Tatjana Turanskyj nahm 2011 mit EINE FLEXIBLE FRAU einen ersten Anlauf, die Versprechen der heutigen erfolgsorientierten und gewinnmaximierten Arbeitswelt zu dekonstruieren. Mit der Figur der Greta Mondo, einer arbeitslos gewordenen Architektin kurz vor ihrem 40. Geburtstag, näherte sie sich dem Paradigma der identitätsstiftenden Bedeutung von Arbeit an, indem sie Gretas Scheitern inszenierte.

Nun folgt der zweite Teil von Turanskyjs geplanter Trilogie zum Thema Frauen und Arbeit. Zeigte sie in Teil eins, wie klein der Unterschied zwischen dem Wohlgefühl, in der gesellschaftlichen Mitte angekommen zu sein, und der Ernüchterung ist, an deren Peripherie zu geraten, fragt sie mit TOP GIRL ODER LA DÉFORMATION PROFESSIONELLE, welche Überschneidungen es zwischen den Aufsteigern und Absteigern in der vom Geruch des Booms zehrenden Hauptstadt gibt. Um den programmatischen Zusammenhang von Arbeit und Verausgabung zu exemplifizieren, wählt sie das größtmögliche Extrem körperlicher Arbeit: die Prostitution beziehungsweise den geheimnisvoller klingenden, aber im Grunde dasselbe darstellenden Escortservice. Mit der 29-jährigen Helena porträtiert sie den Alltag und Beruf einer Sexarbeiterin. Spätnachts, mit ihren Kräften am Ende, tritt sie durch den heimischen Türsturz, zu müde, um mit der eigenen Mutter, die auf ihre Tochter aufpasste, eine Tasse Tee zu trinken. Julia Hummer ist Helena und Jacky - ihr Arbeitsname.

TOP GIRL erzählt sich unaufgeregt in kühlen Bildern, in denen die Tristesse der winterlichen Straßen Berlins demonstrativ lakonisch eingefangen ist. Ihre Freier, grau und braun gekleidete Business-Typen, Versicherungsvertreter und Programmierer, sind effizient in ihrem Gefühlsleben, trennen Liebe von Sex und wissen, was sie von einer professionellen Escortdame zu erwarten haben. Helena/Jacky passt sich dem an. Der zeitökonomische Pragmatismus, der die Arbeitswelt beherrscht, bestimmt auch die Regeln des Sexmarktes. "Zeit ist Geld", so lautet die Grundregel des kapitalistischen Wirtschaftens auch hier, die Helena/Jacky dem Freier David (RP Kahl, Regisseur von BEDWAYS) zu verstehen gibt, als dieser sich für Helena zu interessieren beginnt, nicht nur für Jacky.

Ein Kniff Turanskyjs ist es, die Vergangenheit Helenas/Jackys, die sich zudem als Schauspielerin erfolglos versucht, aus der Erzählung auszusparen. Nur die bereits elfjährige Tochter lässt darauf schließen, dass irgendetwas oder irgendjemand im späten Teenageralter Helena aus der Bahn geworfen hat, dass sie aus der Not heraus diese Form der Arbeit wählte. Man ertappt sich selbst bei konservativen Gedanken, wollte man über Helenas/Jackys bisherigen Lebensweg spekulieren, um ihren Abfall von der Norm zu bestimmen. Eine gescheiterte Existenz ist Helena nicht, und Turanskyj schreibt ihr genug Selbstbewusstsein ein, dass eine kitschige Pretty-Woman-Lösung für sie nicht in Frage kommt. Als der sich zaghaft annähernde David Helena/Jacky fragt, ob man einen Drink zusammen nehmen wolle, wie das ganz "normale" Paare auch tun, sprengt die wie von posttheoretischer Aufgeklärtheit aufgeladene Frage aus Jackys Mund, was denn überhaupt normal sei.

Und doch bleibt Helena/Jacky nichts weiter übrig, als die einmal eingenommene Rolle weiterhin auszufüllen. Für sie gibt es kein Entrinnen, geschweige denn die Möglichkeit einer anderen, vielleicht besseren Zukunft, denn das hieße, aus dem System der Ausbeutung durch Arbeit auszusteigen. Doch sie bleibt gefangen in einer unausgesprochenen Abhängigkeit. Turanskyj bestätigt in TOP GIRL ganz beiläufig das Schreckensszenario einer verlorenen Generation, die sich selbst genug ist, die dem Individualismus und dem Hedonismus frönt und dazu Dienstleisterinnen wie Helena/Jacky braucht, die sich fügen, um das dekadente, narzisstische Spiel der Elite zu ermöglichen. Helena muss trotz zunehmender Langeweile und wachsendem Frust mitspielen, andernfalls wäre ihre Existenz gefährdet.

Turanskyj erzählt in einem Nebenstrang, welche Konsequenzen das alles für die Familie zeitigt. Helenas Mutter Lotte (Susanne Bredehöft), eine einstige Sängerin, die jetzt Klavierunterricht gibt, entdeckt im fortgeschrittenen Alter noch einmal die Liebe neu und findet in den postfeministischen Versprechungen einer sexuellen Selbstbestimmung durch Schönheitschirurgie ein neues Selbstbewusstsein. Helena nimmt ihre Mutter in deren Begehren weder ernst noch taugt sie ihr zum Vorbild. Ihre Tochter wiederum orientiert sich lieber an der Oma als an ihr, da jene ohnehin öfter zu Hause ist. Eine Vaterfigur ist übrigens nicht anwesend. Stattdessen die bizarre Abstraktion eines Versorgermodells: Ein gutverdienender Mann, der gegen Sex die Miete zahlt.

Ob das heißt, das Arbeit im schlimmsten Fall zur Entfremdung von sich selbst und seinen Liebsten führt, scheint hier am Ende als Fragezeichen auf. Vielleicht das Thema des hoffentlch bald folgenden dritten Teils. Für die nächste Generation, die von Helenas Tochter, denkt man noch, kann es nur besser werden.











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