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KAPITELWAHL

BEDWAYS (Deutschland 2010)

von Lutz Granert

Original Titel. BEDWAYS
Laufzeit in Minuten. 76

Regie. RP KAHL
Drehbuch. RP KAHL
Musik. SISSIMETALL
Kamera. FABIAN KNECHT
Schnitt. SUSAN ALBERA . STEPHANIE KLOSS
Darsteller. MIRIAM MAYET . MATTHIAS FAUST . LANA COOPER . LAURA TONKE u.a.

Review Datum. 2011-10-19
Erscheinungsdatum. 2011-03-04
Vertrieb. KOCH MEDIA

Bildformat. 1.33:1
Tonformat. DEUTSCH (DD 5.1/DD 2.0)
Untertitel. DEUTSCH . ENGLISCH
Norm. PAL
Regional Code. 2

FILM.
Berlin ist nicht nur historisch gesehen die deutsche Metropole der Gegensätze. Wo früher Sozialismus von Demokratie, Planwirtschaft von Marktwirtschaft durch eine Mauer pingelig voneinander getrennt wurden, regiert heute die Vielfalt. Für eingebildete Bohemiens mit zu großen Brillen auf den zu schmalen Gesichtern ist in Mitte ebenso Platz wie für echte Intellektuelle, die nach künstlerischen Ausdruck streben. An der Definition vom "Puls der Zeit", dem Spiegelbild dessen, wie heute "gelebt und geschaffen wird" scheiden sich die Geister. Und bei RP Kahl weiß man lange nicht so recht, in welche Gruppe er mit seinem in jedem Fall frechen Experiment BEDWAYS einsortiert werden kann. Gehört er zu den leeren Phrasendreschern, die sich in der betonten Künstlichkeit ihrer Kunst suhlen oder zu den großen Autoren, die wirklich "etwas mitzuteilen" haben.

Das Set ist zugleich das Setting, ist eine Wohnung in Mitte, die mehr aus sichtbarem Putz und Scheinwerfern als aus Interieur besteht. Das verwundert nicht, ist doch BEDWAYS ein Film übers Filmemachen und noch dazu ein erotischer. In nahezu ekelhaft realer DV-Optik sehen wir, wie Regisseurin Nina (Miriam Mayet) ihre beiden Hauptfiguren Hans (Matthias Faust) und Marie (Lana Cooper) platziert. Was sie mit dem Film erreichen will, weiß sie nicht, nur, dass Hans und Marie Sex haben ist wichtig. Wir bekommen ein Making Of zu sehen, schauen vor und hinter die Kulissen von improvisierten Probeaufnahmen, wobei das Starren auf die Bilder von Körperlichkeit, von Nacktheit, von Sex - am Ende gar über einen großen Videoschirm - das auffälligste ist. RP Kahl geht bewusst auf Konfrontationskurs mit der künstlerischen Seriösität, indem er in großen Lettern in Kapitel einteilt, für jeden Tag der Probeaufnahmen, die zunehmend mit der Realität verschwimmen. Die Darsteller sprechen merkwürdig abgehackte Dialoge, am Ende steht ein Foucault-Zitat. Rein künstlerisch ist BEDWAYS ein Schlag ins Gesicht des Arthouse-Kinogänger, indem es seine gängigen Stilmittel nicht in durchkomponierte Bilder und pointierte Drehbuchhaken einbettet, sondern in grobkörnige Einstellungsimprovisationen.

Doch beweist Kahl hinter all diesen zunächst aufgeblasen wirkenden Plattitüden und dem geltungsbedürftigen Inszenierungsgestus ein Fünkchen Genialität, indem er mit den Ansprüchen des Publikums und Sehkonventionen spielt. In einem Interview - im Bonus-Material der DVD zu finden - spricht er von Luhmanns Ansichten zur Liebe als auf Kommunikation beruhender Gefühlsdeutung und von Roland Barthes. Quasi "Vorbilder" für das Drehbuch. Das kann als pseudointellektuelles Geschwurbel abgetan werden - wenn man sich nicht darauf einlassen kann. Der wirklich feingeistige Zuschauer wird eine interessante Auseinandersetzung mit dem state of the art des erotischen Independentfilms der Marke 9 SONGS oder INTIMACY erkennen und wie dieser hinterfragt wird. Das ist die eigentlich Leistung von BEDWAYS, der mal mit betont affektierten Bildkompositionen irritiert, mal mit seiner schonungslosen Direktheit und pornographischen Ansätzen verstört. In jedem Falle regt er jedoch auf und zum Denken an - fernab eines durchästhetisierten, ultrabrutalen Schock-Pornos eines gewissen Lars von Trier. Dessen Kino ist nicht am Puls der Zeit, sondern nichtssagender künstlerischer Ausdruckswillen in Reinkultur. RP Kahl gelingt das Gegenteil, auch wenn er zwischen schnöseliger Affektiertheit und direktem Realismus nicht jedes Mal traumwandlerisch sicher unterwegs ist. Berlin ist immer noch eine Stadt der Gegensätze, BEDWAYS bannt die audiovisuelle Antwort dieser Widersprüchlichkeit auf Film.

DVD.
Bild- und Tonqualität gehen in Ordnung. Grobkörnigkeiten sind dem Stil des Films geschuldet. Leider ist das Bonusmaterial etwas sehr spärlich geraten. Neben dem bereits angesprochenen Interview zwischen Miriam Mayet und Rolf Peter Kahl sind nur noch ein Musikvideo von MyPark und drei Trailer zu finden.








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