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SYMBOL (Japan 2009)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. SHINBORU
Laufzeit in Minuten. 93

Regie. HITOSHI MATSUMOTO
Drehbuch. HITOSHI MATSUMOTO . MITSUYOSHI TAKASU
Musik. YASUAKI SHIMIZU
Kamera. YASUYUKI TOUYAMA
Schnitt. YOSHITAKA HONDA
Darsteller. HITOSHI MATSUMOTO . DAVID QUINTERO . LUIS ACCINELLI LILLIAN TAPIA u.a.

Review Datum. 2010-09-09
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Falls ich für SYMBOL auch mal einen dieser salbungsvollen Kritikersätze stiften dürfte, die aus Werbezwecken auf Kinoposter und DVD-Hüllen gedruckt werden, dann bitte diesen: "Die größte Qual seit MARTYRS." Tatsächlich haben der feuchte französische Diskurshorror und die weitgehend unblutige japanische Komödie gemein, dass sie ihren Protagonisten vor den großen Erkenntnisgewinn allerlei Zumutungen und Entbehrungen gestellt haben. Bei SYMBOL ist es aber stärker noch als bei MARTYRS vor allem der Zuschauer, der leiden muss, bevor er das Licht sieht.

Erdacht, inszeniert und hauptsächlich bespielt von Komiker Hitoshi Matsumoto, wirkt SYMBOL, als hätte Helge Schneider mit sich selbst in der alleinigen Hauptrolle CUBE inszeniert. Das klingt zwar super, aber während man dem Film ausgesetzt ist, ist der erste kleine Erkenntnisgewinn der, dass es wohl doch ganz gut ist, dass Helge Schneider nicht der Regisseur von CUBE ist.

In Mexiko fahren eine falsche Nonne und ein echter Ringer zu einem Ringkampf. Aber das ist erst mal egal, denn irgendwo anders erwacht ein Mann in einem weißen Raum ohne Fenster und Türen. Da gibt es lediglich einen Knopf, der an einen angedeuteten kleinen Penis mit Hodensack erinnert. Als er gedrückt wird, erscheinen in den Wänden und im Boden noch mehr kleine Penisse. Gedrückt machen sie ein albernes Geräusch und werfen einen Gegenstand in den Raum. Ein Megafon, eine Zahnbürste, einen Comic, Sushi ohne Sojasauce, eine Vase usw. Jeder Knopf macht immer denselben Gegenstand, offenbar ohne Mengenbegrenzung. Nach allerlei Albernheiten begreift der Mann, dass er diese Gegenstände nutzen kann, um einen Weg aus dem Raum zu finden. Es wird ein langer Weg. Und ja, es hat etwas mit dem Ringkampf in Mexiko zu tun. Allerdings genauso viel hat es mit meiner und deiner Geschichte zu tun, und der von meiner Nachbarin, und der von Menschen, die du, ich und meine Nachbarin gar nicht kennen.

Das Problem von SYMBOL ist der Humor. Er folgt enervierend häufig dem Schneiderschen Notlösungsprinzip der repetierenden Improvisation bzw. improvisierten Repetition: Wie lange kann ich eine einzige Nonsens-Idee durch Wiederholung in die Länge ziehen, bis entweder mir oder dem Publikum die Lust vergeht? Matsumotos Meisterschaft steht hier der von Helge Schneider in nichts nach: Er kann sehr lange auf einer Pointe, die längst nicht mehr lustig ist, herumhacken, bevor der erlösende Schnitt zu etwas völlig Anderem kommt.

Die vorläufigen Erlösungen sind die Szenen der Parallelhandlung in Mexiko. Man weiß zwar zunächst überhaupt nicht, was die sollen, aber sie sind wenigstens lebendig inszeniert und gespielt, und sie handeln von echten Menschen, die einen nicht ohne Unterlass auf den Senkel gehen.

Die nachhaltige Erlösung aber ist das Ende. Nicht etwa (nur), weil der Film damit vorbei ist, sondern weil die Auflösung der Geheimnisse unerwartet sinnig und stimmig ist, wo zuvor nur Unsinn und Unstimmigkeit war. Nun ist es technisch unmöglich, dass ein gutes Ende einen bis dahin schlechten Film qualitativ komplett umpolt. Aber SYMBOL ist ein Film, der das Unmögliche beinahe hinbekommt. Die Auflösung gefällt, denn hier kann endlich auch der befreit lachen, der in der ersten Stunde keine Veranlassung dafür gesehen hat. Gelacht wird auch jetzt nicht über den Film, der hat längst das Komödiantische und allen anderen irdischen Tand hinter sich gelassen, sondern über sich selbst. Weil man dieses Ende nicht hat kommen sehen, obwohl es rückblickend gar nicht anders hätte kommen können. Man hätte es sehen müssen, die Zeichen waren überall. Man verzeiht dieser Auflösung gerne, dass sie - wie zuvor die Humorversuche - länger auf sich selbst herumreitet, als zum Verständnis notwendig wäre. Diesmal funktioniert es, weil Helge Schneider inzwischen die Regie an Stanley Kubrick übergeben hat, und das ist immerhin schön anzusehen.

Macht das Ende auch keinen guten Film aus einem schlechten, so macht es doch aus einem indiskutablen einen diskutablen. Bei dieser Reise ist das Ziel das Ziel. Wie beschwerlich oder vergnüglich man den Weg dorthin empfindet, hängt in erster Linie davon ab, wie brüllend komisch man Flatulenz findet.











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