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DIE STADT DER BLINDEN (Brasilien/Japan/Kanada 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. BLINDNESS
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. FERNANDO MEIRELLES
Drehbuch. DON MCKELLAR
Musik. MARCO ANTÔNIO GUIMARAES
Kamera. CÉSAR CHARLONE
Schnitt. DANIEL REZENDE
Darsteller. JULIANNE MOORE . MARK RUFFALO . GAEL GARCIA BERNAL . DANNY GLOVER u.a.

Review Datum. 2008-09-14
Kinostart Deutschland. 2008-10-23

Mitten in der Rush Hour – die roten und grünen Ampeln regeln vorbildlich den dichten Verkehr – erblindet ein Mann aus heiterem Himmel am Steuer seines Wagens. Das Kleinraumchaos, das er um sich herum erzeugt, ist ein Vorgeschmack auf das, was kommt: Am nächsten Morgen erblindet der Augenarzt des Mannes (Mark Ruffalo), dann eine seiner Patientinnen (Alice Braga), und von da ab breitet sich die Blindheit wie eine Epidemie aus. Die Regierung gerät in Panik und lässt die Blinden vom Militär in ein stillgelegtes Sanatorium sperren – ohne Helfer, ohne Aufseher, vollständig sich selbst überlassen.

Was folgt, ist das altbewährte Mikrokosmos-Szenario, direkt kopiert aus dem A bis Z der Verhaltensforschung: Zunächst bemühen sich die Blinden noch so gut es geht um zivilisiertes Verhalten, es gibt Grüppchenbildung und Kommunenstimmung, eine Hand wäscht die andere, und die Frau des Arztes (Julianne Moore), die als einzige von der Krankheit verschont geblieben ist, rangiert die Blinden in einer traurigen Polonaise durch die Flure. Dann pinkelt der erste achtlos in die Ecke, und um Hygiene und Ordnung ist's geschehen; bereits in der nächsten Einstellung (eine Geschwindigkeit übrigens, die den Film vielfach holprig wirken lässt) sieht man zugemüllte, versiffte Flure und Menschen, die in ihrer eigenen Scheiße ausrutschen. Bald beginnt draußen das Militär zu schießen, die Essensrationen werden immer knapper, und als sich dann noch ein kindlich grausamer Anarcho (Gael García Bernal) als Diktator aufspielt, der einen Tauschhandel von Lebensmitteln gegen Sex anstößt, geht auch der letzte Rest Menschenwürde zum Teufel.

Das Problem an solcherlei Szenarios ist, dass sie schnell experimentell und kühl wirken. Die Eskalationsschraube läuft gut geölt und vorhersehbar, dreht sich immer noch eine Gemeinheitswindung weiter: bis einer weint, bis einer zuschlägt, bis einer stirbt. In der Theorie gibt es wahrscheinlich eine parallel dazu angesetzte Publikumsreaktionskurve – etwa: Entsetzen, Wut, Erschütterung –, aber die allzu offensichtliche Konstruktionsweise, das übereilte Tempo und die Verknappung des Plots auf sein Gerüst erstickt jegliche Emotionen im Keim. Hinzu kommt, dass der Film eine unerträgliche Tendenz zur Überinformation hat: sämtliche Ereignisse und ihre Bedeutung müssen nicht nur gezeigt, sondern immer auch wörtlich ausformuliert, beschrieben und erklärt werden (was der elliptischen, schwer zugänglichen Prosa José Saramagos, dem Autor der Romanvorlage, im übrigen diametral entgegensteht). Es reicht nicht aus, Menschen beim langsamen Verlust ihrer Würde zu zeigen; nein, sie müssen immer schön dazu sagen: "Wir verlieren langsam all unsere Würde." Es reicht nicht aus, eine Allegorie auf moralische Blindheit zu inszenieren; nein, es muss urplötzlich und aus dem Nichts ein Off-Erzähler (Danny Glover) her, der peinliche Schulinterpretationshilfen gibt wie "Ich glaube, wir sind nicht erst blind geworden: wir waren vorher schon blind." Hierin besteht wohl die Hauptmisere des Films: Er lehrt uns mit der Keule Binsenweisheiten, anstatt uns beobachten und selber komplexere Schlüsse ziehen zu lassen, die der Stoff ja beileibe bereit hält.

Dabei dürfte DIE STADT DER BLINDEN seinen Bildern durchaus etwas mehr Vertrauen schenken: Fernando Meirelles, der schon mit CITY OF GOD und THE CONSTANT GARDENER bewiesen hat, dass er ein eigenwilliger Stilist ist, setzt die Geschichte in eisig kalten Tönen in Szene. Die klinisch grauen Gänge des Sanatoriums strahlen vom ersten Moment an ein Gefühl klaustrophobischen Unbehagens aus, was durch den Einsatz erratischer Schärfeeffekte noch verstärkt wird; und je größere Ausmaße die Verwahrlosung und das Chaos annehmen, desto unberechenbarer wird auch die Bildgestaltung. Hier gelingen sogar einige sehr effektive Spannungsmomente, die vor allzu großer (und eigentlich angemessener) Drastik allerdings zurückschrecken. In der Coda des Films liefert Meirelles zudem ähnlich bedrückende Bilder von einer toten, halb entvölkerten Großstadt wie zuletzt sein Kollege Alfonso Cuarón in CHILDREN OF MEN. Einzig der permanente Einsatz von Überbelichtungen und Weißblenden zur Verbildlichung der Blindheit wirkt arg naiv und effektheischend.

Darstellerisch ist wenig Aufregendes zu berichten: Julianne Moore gibt gewohnt überzeugend die Leidensschwester mit der richtigen Mischung aus Fragilität und innerer Kraft, und Gael García Bernal darf immerhin mit zynischem Gusto Stevie Wonder nachäffen. Die anderen Darsteller haben aber wenig, womit sie arbeiten können. Die stilistische Qualität der Dialoge ist erbarmungswürdig unbeholfen, und die Figurenzeichnungen sind zum Großteil unterernährt und typenhaft: von der barmherzigen Samariterin (Moore) bis zum gewissenhaften Arzt (Ruffalo), von der Hure mit dem goldenen Herzen (Braga) bis zum weisen alten Mann (Glover) ist jedes Klischee vertreten. Entsprechend groß bleibt die Distanz zum Zuschauer, und wenn DIE STADT DER BLINDEN am lang hinausgezögerten Ende tatsächlich noch eine sentimentale Kehre in Richtung Happy End schlägt, passiert mit das schlimmste, was einem Film überhaupt passieren kann: er ist uns schlichtweg egal.











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