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SOUTHLAND TALES (Deutschland/USA/Frankreich 2006)

von Martin Eberle

Original Titel. SOUTHLAND TALES
Laufzeit in Minuten. 145

Regie. RICHARD KELLY
Drehbuch. RICHARD KELLY
Musik. MOBY
Kamera. STEVEN B. POSTER
Schnitt. SAM BAUER
Darsteller. DWAYNE JOHNSON . SEANN WILLIAM SCOTT . SARAH MICHELLE GELLAR . MANY MOORE u.a.

Review Datum. 2008-04-08
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Mit seinem ersten Langfilm landete der damals 26-jährige Richard Kelly 2001 einen Überraschungshit. Seine sehr seltsame coming of age Geschichte um einen Adoleszierenden, der in engen Kontakt mit einem Hasen steht und das Ende der Welt voraus sieht, war zwar kein Knüller an den Kinokassen, hat aber bei Produktionskosten von ca. 4,5 Millionen Dollar allein auf dem DVD-Markt bis jetzt über 6 Millionen Dollar eingespielt. DONNIE DARKO sollte Kellys Geburtsstunde als Wunderkind und seine carte blanche für den nächsten Film sein. Der durfte dann schon über 17 Millionen kosten, bei absoluter künstlerischer Freiheit für den Regisseur.

Das mit der Freiheit hatte sich dann, als SOUTHLAND TALES bei seiner Erstaufführung in Cannes die Zuschauer aus dem Saal trieb und die vornehmlich amerikanischen Kritiker auf die Palme. Zu lang, zu wirr, zu unkonzentriert, einfach auch zu doof sei SOUTHLAND TALES geraten. Wunderkind Kelly wurde zurück in den Schnittraum geschickt, musste umbauen und um 15 Minuten kürzen. Um immer noch auf stolze 145 Minuten Lauflänge zu kommen.

Auch die neue Version ist weit davon entfernt, eine klare Geschichte zu erzählen. Nach einem kleineren terroristischen Atomschlag in der nahen Vergangenheit spaltet sich in der nahen Zukunft Southland, das ehemalige Kalifornien, vom Rest der USA ab. Unter der Ägide eines sehr seltsamen Wissenschaftskonsortiums (sehr schön: eine von der Leine gelassene Bai Ling als trunkene Muse dieser Clique) blüht der Polizeistaat auf, wird eine ozeanische Energiequelle angezapft, steigt die Kriminalitätsrate und gerät das Raum-Zeit-Kontinuum aus dem Tritt.
Neben den skurrilen Wissenschaftlern um Baron Von Westphalen (Wallace Shawn) greifen ein ambitionierter Filmstar (hübsch verspult: Dwayne "The Rock" Johnson), eine hellseherische Pornodarstellerin (besser als gedacht: Sarah Michelle Gellar), ein verdrogter Irakkriegsveteran (ungewohnt düster: Justin Timberlake), ein verwirrter Polizist und sein nicht minder konfuser Zwillingsbruder (immerhin sehr, sehr gut aussehend: Seann William Scott) in die Geschehnisse ein.

Vorweg gesagt: wer DONNIE DARKO gehasst hat, wird auch die SOUTHLAND TALES nicht ertragen. Auch wenn die Geschichte um Nuancen klarer erzählt wird als beim Vorgänger, wirft sich Kelly ungehemmt in sein konfuses Konstrukt. Wie ein junges Kätzchen spielt er mit dem einen Strang, um ihn dann, sobald es sich langweilt, zu vergessen und sich einer anderen Storyline zu widmen. Und auch wenn er die großen Themen der Zeit anreißt, Irakkrieg, Energiekrise, Polizei- und Überwachungsstaat, die Revolution, so tut er das mit einem Unernst und einer Unbefangenheit, den schwer Besorgte und komplett Überzeugte einfach verachten werden.

Das hat aber, bei entsprechend entspannter Erwartungshaltung, seinen ganz eigenen Charme. Popkulturell auf der Höhe, mit einigen schönen Stücke aus dem Plattenregal, Rubrik Indie, und dem Soundtrack von Moby, kreiert Kelly eine seltsam samtene, sanfte Stimmung, die unter dem süssen Zuckerguss noch so die ein oder andere harte Nuss verbirgt. Wo BRAZIL und DAS FÜNFTE ELEMENT heute überambitioniert und aufgesetzt wirken, setzt SOUTHLAND TALES anders an, aufgedrehter, hysterischer, leichter und viel, viel verwirrter.

Schon DONNIE DARKO war Ausdruck der Verwirrung eines jungen Menschen, der sich in unserer seltsamen Welt nur schwer zurecht finden kann. SOUTHLAND TALES steigert das Durcheinander noch und kommentiert damit den gesellschaftlichen Zustand unserer Welt. Totalüberwachung bis in das Privateste, riesige Datensammlungen von googlemail, den Sicherheitsbehörden, freiwillige Selbstauskunft bei studiVZ über intime Details, die Orwell'sche Fantasien schon längst abgehängt haben, polizeistaatliches Gebahren ohne jedwede Rechtsgrundlage, ob auf Guántanamo oder in Heiligendamm, das notorische Nichtziehen von Konsequenzen, um die Klimakatastrophe wenigstens etwas abzubremsen, Zustände, die relativ widerstandslos in unserem Leben einen festen Platz gefunden haben, die aber die einfache Frage "warum eigentlich?" recht ratlos im Raum schweben lässt. SOUTHLAND TALES ist der Versuch einer Bestandsaufnahme, ein Kommentar zur Zeit, der in seiner Verspultheit manchmal nervt, meistens aber erfreut und vor allem sehr allein in einer sonst eher langweiligen Filmlandschaft steht. Dafür gebührt Richard Kelly Respekt, auch, wenn es für ihn bedeutet, dass nach den einfach mal so verblasenen 17 Millionen Dollar der entfesselte Filmemacher entweder an die Leine kommt oder mit seinem eigenen Geld produzieren muss. Aber da handelt Kelly mit Blick auf seine Karriere getreu dem Motto, das er seinem Film vorangestellt hat:

This is the way the world ends. Not with a whimper but with a bang.











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