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SONG TO SONG (USA 2016)

von Andreas Günther

Original Titel. SONG TO SONG
Laufzeit in Minuten. 129

Regie. TERRENCE MALICK
Drehbuch. TERRENCE MALICK
Musik. MARICE RAVEL
Kamera. EMMANUEL LUBEZKI
Schnitt. REHMAN NIZAR ALI . HANK CORWIN . KEITH FRAASE
Darsteller. ROONEY MARA . MICHAEL FASSBENDER . RYAN GOSLING . NATHALIE PORTMAN u.a.

Review Datum. 2017-05-24
Kinostart Deutschland. 2017-05-25

Es ist ein großes Glück für das derzeitige Kino, dass Terrence Malick so aktiv ist. Angesichts so vieler Mogelpackungen im Arthouse-Bereich lässt Malicks Können und Wagemut wieder Vertrauen in die Filmkunst fassen. Hier reizt einer gründlich ihre Möglichkeiten aus und bietet ein ästhetisches Erfrischungsbad, das vom üblich gewordenen visuellen Müll reinigt. In KNIGHT OF CUPS hat sich Malick so radikal wie noch nie auf die Spur des filmischen Bewusstseinsstroms begeben. Diesem Weg folgt er in SONG TO SONG mit einem weiteren kühnen Schritt. Den Bannkreis unendlicher Introspektion durchbricht er auf eine Viererkonstellation hin und reflektiert immanent, was er in KNIGHT OF CUPS nur implizit zu verstehen gegeben hat, nämlich die unhintergehbare Fiktionalität und Narrativität, Metaphorizität und Theatralität noch der persönlichsten Erlebnisse, Emotionen und Erinnerungen.

Cook (Michael Fassbender) ist ein ekstatisch lebender Libertin und eiskalt geschäftstüchtiger Musikproduzent in Austin, Texas. Drei Menschen bindet er in prositutionsförmigen Beziehungen an sich: Die Möchtegern-Musikerin Faye (Rooney Mara), die sich als Housesitterin und Maklerin über die Runden bringt, den ambitionierten Songschreiber BV (Ryan Gosling) und die ausgebildete Lehrerin Rhonda (Natalie Portman), die als Kellnerin jobbt. Cook setzt mal Lockangebote, mal Einschüchterung ein. Faye stellt er einen Plattenvertrag in Aussicht, obwohl von ihrem Talent wenig zu erkennen ist und nicht zuletzt sie selbst am meisten daran zweifelt. BV weiß Cook nachhaltig über die Qualität seiner Songs zu verunsichern. Rhondas Mutter, die ihr Haus verloren hat, kauft er ein neues. Sie dürfe alle Geschenke behalten, falls sie sich wieder trennen würden, versichert Cook, als er Rhonda heiratet. Troztdem bricht Rhonda nicht mit ihm, als er sie zwingt, mit Nutten Sex zu haben.

Daneben drehen sich die Menschen in Cooks Orbit auch umeinander, nicht nur um ihn. Als Faye noch mit Cook zusammen ist, "mitspielt", wie sie sagt, um nach oben zu kommen, lernt sie bereits BV kennen und lieben. Weil sie Cook nicht gänzlich aufgeben mag und bei seinen Sexspielchen mitwirkt, trennt sich BV von ihr. Seine Liebe zu Amanda (Cate Blanchett) torpediert seine Mutter. Faye lässt sich von einer Frau verführen, auf deren Haus sie aufpassen soll. Rhonda unterhält sich mit einer der Prostituierten, die Cook engagiert hat, und was die Frau ihr zu erzählen hat, wird einen furchtbaren Entschluss in ihr reifen lassen. BV und Faye versuchen derweil einen Neuanfang.

Ganz eng fasst die Kamera die Akteure ein, die bald wie im Halbschlaf, bald hyperaktiv agieren. Sie befinden sich meist an Nicht-Orten wie Parkplätzen, Parkhäusern, leeren Appartmenets oder im Backstage-Bereich von Musikbühnen. Aus dem Off whispern die Figuren ihre großen und kleinen Bekenntnisse, wie um die rumorende Stille nicht zu stören, die den meisten Einstellungen unterliegt. Damit brechen die Musikerauftritte von Iggy Pop und Patti Smith, zelebrieren dionysische Klangräusche respektive zärtlich-traditionelles Singersongwritertum. Sie markieren die Alternativen, wie sich die Libido investieren lässt: In Sex bis zur totalen Verausgabung oder in innige Eintracht mit der Perspektive eines gemeinsamen Lebens.

Obwohl die Handlung rudimentär oder sogar banal klingt, ist der Film erzählerisch enorm dicht, nämlich als Gefühlsgeschichte(n) von geheimnisvoller Intensität. Jeder Empfindungssplitter scheint ein eigenes Bild zu erhalten, und im Bild erscheint, ohne Rücksicht auf Realismus, nur das, was dem Ausdruck einer Empfindung dient. Faye und BV beginnen ein Beziehungsgespräch in einem leeren Appartement und setzen es im nächsten Bild nahtlos vor einem Motel fort, in anderer Kleidung und mit einer anderen Haarfarbe für Faye, wie um den Stimmungswechsel zu markieren, der von einem Satz zum anderen stattgefunden hat. Als die beiden in BVs Elternhaus in der Küche abtrocknen, stehen sie ganz im Bann der Heimeligkeit, die die bronzefarbene Ausstattung mit den altmodischen, aber wie neu schimmernden Geräten verbreitet. Diese Küche ohne Menschen darin ist zu sehen, wenn Faye später wieder einmal und gegen die eigene Intutiton auf Distanz zu BV geht.

Das Gemeinte, die Sehnsucht nach Heimeligkeit, ist hier deutlicher abzulesen als in den meisten Momenten des Films. Er besteht aus vielen Chiffren im Sinne des Symbolismus, aus eigenwilligen Verrätselungen, die für Fülle wie Leere der Bedeutung stehen können. Das ganz Singuläre lässt sich eben nicht aussagen und bricht sich doch irgendwie Bahn. So wie in jenem Augenblick, als sich Rhonda von der Maske und dem Regenschirm hinter ihr, reglosen surrealen Requisiten par excellence, durch verwischt-verweinten Lidschatten in ihrer ganzen humanen Fragilität abhebt. Das Ausdrucksverlangen ist bei allen Akteuren so viel größer als das Wissen darum, was sie eigentlich sagen. Malick gelingt die Diagnose eines Zeitalters, in dem Kommunikation mehr zählt als die Botschaft, was zu tiefer Verwirrung führt.

Dabei hängt Malick keineswegs einer naiv-romantischen Auffassung von Kommunikation an. Ganz im Gegenteil verabgründigt er die Repräsentation und das Theatralische, das jeder Interaktion innewohnt und von unmittelbarer Ausdrucksfähigkeit abtrennt. "Wollen wir jetzt eine Szene machen?" ruft BV im Streit mit Cook und lässt demonstrativ eine volle Bierflasche auf dem Boden zerplatzen. Malick macht geradezu parodistisch die Gemeinplätze sichtbar, ohne die keine Erzählung funktionieren kann, indem er Bilder zu Metaphern zuspitzt. BV sitzt auf dem Hosenboden mit staubbedeckten Stiefeln auf Cooks Veranda, bis Cook ihn hochzieht: Er hilft ihm ganz anschaulich auf die Beine für seine Gehversuche als Songschreiber.

Diese Gemeinplätze werden so weit verdichtet, dass sie Formeln mündlichen Erzählens gleichen. Wie BVs Mutter die Beziehung ihres Sohnes zu Amanda kaputtmacht, ist fast schon ganz mündliche Anekdote. Als BV kurz den Tisch in einem Restaurant verlässt, sagt seine Mutter zu Amanda: "Sie sind unglücklich". BV kommt zurück. Amanda sitzt stocksteif da, dann steht sie entschlossen auf und geht. BV ruft ihr vergeblich nach. Er fragt seine Mutter, was passiert ist. Sie antwortet: "Sie ist nicht die Richtige für dich." Einen solchen Vorfall schildert das Kino nie so lakonisch und komprimiert, so kommt er nur in Berichten aus dem Leben vor: "Also, ich geh' nur mal kurz vom Tisch weg, und als ich wiederkomme, geht meine Freundin plötzlich. Ich frage meine Mutter, was passiert ist..."

Es sind kunstvolle Überzeichnungen, die dazu dienen, die Wirklichkeit - die innere wie die äußere - besser zu erkennen. "Was siehst du da vorne", fragt Cook einmal. "Einen Swimmingpool", antwortet BV. "Nein, das ist eine Bühne", sagt Cook.











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