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THE SOCIAL NETWORK (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. THE SOCIAL NETWORK
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. DAVID FINCHER
Drehbuch. AARON SORKIN
Musik. TRENT REZNOR . ATTICUS ROSS
Kamera. JEFF CRONENWETH
Schnitt. KIRK BAXTER . ANGUS WALL
Darsteller. JESSE EISENBERG . ANDREW GARFIELD . JUSTIN TIMBERLAKE . ROONEY MARA u.a.

Review Datum. 2010-09-25
Kinostart Deutschland. 2010-10-07

Es gab eine Zeit, da Mark Zuckerberg in seinem Facebook-Profil THE WEST WING als Lieblingsserie führte. Vor Kurzem verschwand der Eintrag kommentarlos, was verdächtig scheinen muss in einem Forum, wo, was ohne Kommentar bleibt, gleichsam nicht existiert (und wo man mich, dies als Befangenheitserklärung vorweg, nicht findet). Eine Serie über ein demokratisch geführtes Weißes Haus, in dem alle sich lieb haben, in dem der Präsident als gütiger pater familias über seine Untergebenen wacht, eine Serie über die kuschlige Seite der Macht: Wie kann dieses Modell für den jüngsten Milliardär und Firmenchef der Erde, Gründer zudem der größten und einflussreichsten aller Online-Communities, so urplötzlich an Reiz verlieren?

Die Antwort ist fast zu offensichtlich, um wahr zu sein: Aaron Sorkin, Autoren-Mastermind hinter THE WEST WING, hat über Zuckerberg ein nicht sehr freundliches Drehbuch geschrieben, das eine Zeitlang als heißester Scheiß in Hollywood galt und schließlich, was die Betriebstemperatur nicht eben senkt, in den Händen von David Fincher landete. THE SOCIAL NETWORK heißt das fertige Produkt, und schon der bescheiden absolute Titel verrät, dass es ums Große Ganze geht, die Amerikanische Parabel in Algorithmenform: Individuum > Gesellschaft, Loyalität : Ego² = Verrat, Freundschaft + Geld = Runtime Error. Ein berechenbares Schema im Grunde, schliche sich nicht als Fehlgröße jene gesunde Legendenskepsis ein, die Fincher seit ZODIAC auszeichnet.

Im Film erscheint Zuckerberg als sardonisches Arschloch in Flipflops, mit verengtem Blick und trockener Kehle auf den Punkt gespielt von Jesse Eisenberg. Im Herbst 2003, frisch in Harvard eingeschrieben, weckt er mit einem Hacker-Bubenstreich das Interesse der geschäftstüchtigen Winklevoss-Zwillinge, blonden Kleiderständern von der Elitestange, die den verdrießlichen Nerd mit der Programmierung einer campusinternen Dating-Site beauftragen. Das Konzept übernimmt Zuckerberg so freizügig, wie er den mündlichen Vertrag ignoriert, und innerhalb weniger Wochen ist TheFacebook, noch inklusive großkotzig vorangestelltem Monopol-Artikel, netzfertig.

Für bare Biopic-Münze sollte man das alles nicht unbedingt nehmen. Sorkins messerscharfes Skript, das auf dem spekulativen Bestseller "Milliardär per Zufall" von Ben Mezrich basiert, entwirft am Beispiel Zuckerberg vielmehr eine Genie-Ästhetik fürs 21. Jahrhundert, aufschlussreiche Ironien und Brüche inklusive: Ein Soziophobiker, der die Massen vereint, ein Outcast ohne einen Funken Unternehmergeist, der die tragisch ambitionierte Konkurrenz mittels kalter Verachtung aussticht. In Meetings mit Werbekunden lümmelt er im Hoodie und schnalzt mit der Zunge; sein Kapital ist eine vage Idee von Coolness, die mit Kohle - aus Philanthropie weniger denn Privileg - zunächst nicht kompatibel scheint. Bald dann natürlich doch, die Sache landet vor Gericht, mehrfach sogar, weil Zuckerberg auf dem Weg zum Erfolg nicht bloß die Winklevosse behumst hat, sondern auch seinen besten Freund (geschlachtetes Bambi: Andrew Garfield).

Hinter der Fassade aus Gegenwartsmythologie versteckt sich also ein regelrecht pupsiger Zank zwischen ein paar Ivy-League-Jüngelchen (später noch: Justin Timberlake), ein Fall für die Jahrbücher und Justizakten. Nichtsdestotrotz bzw. gerade deswegen ist THE SOCIAL NETWORK ein äußerst scharfsichtiger (und nebenbei auch extrem unterhaltsamer) Film. Das Facebook-Prinzip, Privates zum Zwecke maximaler Öffentlichkeitswirkung hochzupimpen, macht er sich ebenso klug zunutze, wie er es genüsslich der Lächerlichkeit preisgibt. Denkbar glanzlos gestaltet sich in Sorkins Version etwa die Geburtsstunde der Website, als nächtliche Nicht-mal-Schnaps-sondern-Light-Beer-Idee, die auf Geltungssucht und Notgeilheit fußt. Wie man auf der fertigen Seite ja kaum eine Statusmeldung der Sorte "backe gerade Kuchen!" lesen kann, ohne von einem Gefühl fundamentaler Armseligkeit überspült zu werden, hält sich auch die Ehrfurcht vor Facebooks Anfängen in Grenzen.

Sorkins spitzzüngiges Verbal-Tennis pariert Fincher mit zackigen Schuss-Gegenschuss-Salven und spielt auch sonst ein gewohnt souveränes Match. Das elitäre Milieu präparieren er und sein alter FIGHT CLUB-DP Jeff Cronenweth mit chirurgischem Händchen hervor, lassen die glasklaren Bilder aber zugleich von heimlichen Neurosen beschlagen: Wenn Zuckerberg in einer brillanten Vorspannmontage den Harvard-Campus durchmisst, gewinnt man den Eindruck, einem Freimaurer beim Klosterwechsel zuzusehen und nicht einem Untergraduierten auf dem Weg ins Dorm. Zuckerbergs ewig unbefriedigte Sehnsucht, in die exklusive Klübchengesellschaft Harvards vorzudringen, ist ihm tatsächlich ein stärkerer Triebmotor als die erotische Kränkung, die das Drehbuch ihm, etwas arg auf Klischee gebürstet, andichtet. Die kahlen Räume der Anwaltskanzleien, in die er statt dessen Einzug hält, sind ihm schon deswegen ein Gräuel, weil sie seinem hehren Selbstbild widersprechen.

Zur Ikone taugt Zuckerberg ironischerweise nur, weil er eben keine Club-Mentalität besitzt, weil er bürgerliche Werte wie Fairplay und Teamgeist mit Füßen tritt, kurz: weil er kein soziales Wesen ist. Im Geek Empire zählt allein radikale Distinktion. Bestes Gegenbeispiel sind die Adonis-Brüder Winklevoss, die zwar in jeder antiken Sage den Helden spielen dürften, in der Corporate Culture aber nur untergehen können, weil sie (als Ruder-Champions sogar sehr buchstäblich) mit dem Strom schwimmen; auch, weil ihr Charisma in der Dopplung bereits verwässert. Zuckerbergs Schicksal, per narrativem Vorgriff und Reznor-Soundtrack von vornherein besiegelt, ist dagegen die totale Isolation. Als halbtragischer Cyber-Gatsby sitzt er am Ende vorm Profil seiner Daisy und klickt: refresh, refresh, refresh. THE SOCIAL NETWORK mag, noch einmal, nicht die Wahrheit über Mark Zuckerberg erzählen: In der Welt, die er mitgeprägt hat, wird es trotzdem das Bild von ihm sein, das bleibt.











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