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SKYFALL (Großbritannien 2012)

von Hasko Baumann

Original Titel. SKYFALL
Laufzeit in Minuten. 145

Regie. SAM MENDES
Drehbuch. NEAL PURVIS . ROBERT WADE . JOHN LOGAN
Musik. THOMAS NEWMAN
Kamera. ROGER DEAKINS
Schnitt. STUART BAIRD
Darsteller. DANIEL CRAIG . JUDI DENCH . JAVIER BARDEM . RALPH FIENNES u.a.

Review Datum. 2012-10-24
Kinostart Deutschland. 2012-11-01

Dem neuen James Bond-Film konnte, nein musste man als Fan mit Skepsis entgegen sehen: Die Totalkatastrophe EIN QUANTUM TROST noch im Nacken, konnte die Nennung von Hollywood-Kitschnudel Sam Mendes als Regisseur keineswegs für Beruhigung sorgen. Und dann versprachen erste Stimmen auch noch eine weitere Psychologisierung des doch so liebgewonnenen Superagenten; ebenfalls kein Grund zu Freude angesichts der Metamorphose Bonds zum muffeligen Jason Bourne-Klon in EIN QUANTUM TROST. Muß man den Mythos 007 denn wirklich so entkleiden? Die Ereignisse, mit denen SKYFALL beginnt, deuten in diese Richtung - obwohl nichts davon wirklich neu ist: M gibt Bond auf - kennen wir aus STIRB AN EINEM ANDEREN TAG. Bond wird als Relikt bezeichnet - kennen wir aus GOLDENEYE. Bond muß sich aufgrund seines fortgeschrittenen Alters physischen Tests unterziehen - kennen wie aus dem Außer-der-Reihe-Film SAG NIEMALS NIE. Und doch, SKYFALL geht noch einen Schritt weiter, wenn er nämlich Bonds Wurzeln offenbart, und das in einer Klarheit, die Ian Fleming für seine Figur nie vorgesehen hat.

Daß diese Enthüllung jedoch nicht zur Entzauberung wird, ja geradezu zwingend wirkt, hat dieser herausragende Film zum einen dem gewitzten und tatsächlich spannenden Drehbuch von Purvis, Wade und Logan zu verdanken, zum anderen der luxuriösen Regie von Sam Mendes, der das Geschehen von seinem Stammkameramann Roger Deakins in berückend schöne Bilder tauchen lässt. Zusammen gelingt ihnen das kleine Wunder, die Figur James Bond zu vermenschlichen, auf der anderen Seite aber den Mythos anzufüttern, mit der Auffrischung alter Elemente sogar zu erneuern. Das gilt für den neuen, sehr jungen Q (Ben Whishaw), der 007 in die Gegenwart holt ("Haben sie explodierende Füllfederhalter erwartet? Das machen wir nicht mehr"), genauso wie für den guten alten Aston Martin, der seinen Schleudersitzknopf immer noch im Schaltknüppel versteckt.

Auf dieser Basis kann sich SKYFALL sogar einen schwer küchenpsychologischen Basisplot erlauben, in dem Bond und der rachsüchtige Ex-Agent Silva (Javier Bardem) um die Liebe ihrer Übermutter M kämpfen, die von Judi Dench mittlerweile doch arg trutschig gespielt wird. Beide Männer wurden enttäuscht von Mama, nur einer hält ihr die Treue, der andere will sie tot. Bardem kann getrost der bizarrste Bösewicht genannt werden, der je 007 das Leben schwer machte; und obwohl seine grosteke Tuntentour für so manchen Lacher gut ist, verleiht er seinem blondierten Baddie stets die nötige Gefährlichkeit. Daß er dabei ein wenig an Heath Ledgers Joker erinnert, nimmt nicht Wunder, denn auch das, was der Film für James Bond an Vergangenheit bereit hält, erinnert beinahe zu sehr an Christopher Nolans Batman-Interpretation.

Doch zum Glück ist Bond immer noch Bond, was Sam Mendes mit einer spektakulären Eröffnungssequenz auch sofort unter Beweis stellt: Da überschlagen sich Autos, rasen Motorräder über die Dächer des Markts in Istanbul, da prügeln sich zwei Männer auf einem fahrenden Zug und purzeln VW Käfer auf die Straße - mittendrin der wunderbar in die Rolle gewachsene Daniel Craig, der sich nach einem Sprung auf einen in voller Fahrt von einer Baggerschaufel zerrissenen Waggon noch den exzellent sitzenden Tom Ford-Anzug gerade zieht. Damit aber, das muß gesagt werden, hat SKYFALL die Sensationen hinter sich gelassen. Im Verlauf des Films gibt es zwar noch ein paar Schußwechsel und die pittoreske Prügelei zweier Silhoutten vor den bunten Farben einer LED-Werbung in Shanghai, aber die immer ausgefalleneren Kapriolen zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die man von 007 gewohnt ist, fehlen ebenso wie die explodierende Festung des Bösen im Finale - tatsächlich gibt sich das große Finish mit einem nachtschwarzen Shootout geradezu introspektiv.

Ein untypischer James Bond-Film also, der sich auf der anderen Seite so "bondig" anfühlt wie schon lange keiner mehr. Ein Film, der sich nicht nur die Übersicht und den nötigen Atem in der Action erlaubt, sondern auch die exotischen Locations mit den elegischen Aufnahmen bebildert, die sie verdient haben. Ein Film auch, der Witz nicht mit Alberei und Gewalt nicht ausschließlich mit Zynismus verwechselt - und der einen mit einer gut gezeichneten Nebenfigur wie Ralph Fiennes' Chef für Spionage und Sicherheit auch mal für eine Weile im Unklaren lässt. Mittendrin Daniel Craig, der James Bond nun endlich zweidimensional zeichnen darf: Mit den modischen Narben auf Körper und Seele, wie sie die Helden der Gegenwart wohl tragen müssen, aber auch mit einem ausgesprochen süffigen Spaß an der Arbeit. Selbstgefällige Kommentare von Boulevardmedien wie Spiegel Online ("Heul doch, James") kann man getrost ignorieren: SKYFALL ist großes Kino.











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