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ROGUE ONE: A STAR WARS STORY (USA 2016)

von Andreas Günther

Original Titel. ROGUE ONE: A STAR WARS STORY
Laufzeit in Minuten. 133

Regie. GARETH EDWARDS
Drehbuch. CHRIS WEITZ . TOY GILROY
Musik. MICHAEL GIACCHINO
Kamera. GREIG FRASER
Schnitt. JOHN GILROY . COLIN GOUDIE . JABEZ OLSSEN
Darsteller. FELICITY JONES . DIEGO LUNEZ . MADS MIKKELSEN . FOREST WHITAKER u.a.

Review Datum. 2016-12-13
Kinostart Deutschland. 2016-12-15

Als alles entschieden scheint, ist er nochmal da. Es wird dunkel im Raumschiffgang, das Geräusch einer Atemmaske vernehmbar. Ein roter Stab flammt auf. Er gehört zum Lichtschwert, das Darth Vader trägt und das ihn erhellt. Darth Vader ist die mit Abstand am meisten verkaufte Figur im STAR WARS-Merchandising. Im Vergleich mit ihm nahm sich sein Nachfolger Kylo Ren alias Adam Driver in STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHT bösewichttechnisch absolut zwergenhaft aus. Und hat die dazugehörige Figur nennenswerte Verlaufszahlen erreicht? So hat STAR WARS EPISODE VII - DAS ERWACHEN DER MACHT seine wirtschaftliche Daseinsberechtigung für Disney schon allein darin, dass Darth Vader wieder dabei sein kann. Doch dass die Wiederkehr so auratisch ausfällt, ist bei einem Spin-Off nicht zu erwarten gewesen. Und erst recht nicht, dass sich mit Fug und Recht behaupten lässt, der Spin-Off übertreffe den letzten Hauptfilm der Saga in eigentlich allen Belangen.

Misst man ROGUE ONE: A STAR WARS STORY daran, was und wie er erzählt, stammt dieser Film aus einer anderen Galaxie als sämtliche anderen Teile der Saga. Dem werden alle Fans zustimmen können. Doch damit wird sich der Konsens auch schon erschöpfen. Die einen werden sich darüber freuen, dass die erfolgreichste Space Opera aller Zeiten erwachsen werden kann, während auf manch andere ein regelrechter Kulturschock wartet. Für diese Rezension ist ROGUE ONE: A STAR WARS STORY eindeutig ein Grund zu großer Freude.

Vor etwa einem Jahr war an dieser Stelle zu lesen, wie läppisch sich STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHT ausnimmt: Explosionen statt Erzählen, hingeschluderte Charaktere, verkrüppelte Spannungsbögen, Nostalgieklitterung, Magie als Ramschartikel, pubertärer Ballerjubel. Die Essenz von STAR WARS wurde zum Abklatsch ihrer selbst. ROGUE ONE: A STAR WARS STORY liefert nun die dringend benötigte Frischzellenkur, die geradezu euphorisch stimmt. Der Preis ist der Verzicht auf eine wesentliche Prämisse der Saga: Die Magie von Gut und Böse ist nicht mehr Urgrund der Konflikte. Es herrscht interplanetarische metaphysische Obdachlosigkeit vor. Dystopische Science Fiction alternativer Bauart und mit nihilistischem Neigungswinkel wirft ihre Schatten auf STAR WARS.

"Trust the force - Vertraue der Macht", flößt Mutter Lyra Erso (Valene Kane) ihrer kleinen Tochter Jyn (Beau Gadson) ein, bevor sie sie zur Flucht drängt, weil Imperiumstruppen die Familie als Geiseln nehmen wollen. Es heißt nicht mehr: 'Die Macht sei mit Dir.' Auf vielerlei Weise zeichnet sich das Drehbuch von Chris Weitz und Tony Gilroy durch Präzision aus. Auch ihr weitgehend pathosfreier und vielleicht gerade deshalb so bedeutungstragender Sprachgebrauch lohnt das genaue Hinhören.

Die Macht ist nicht so einfach mit einem. Es ist nicht Auserwähltheit wie bei Rey (Daisy Ridley) in STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHT, die die erwachsene Jyn Erso (Felicity Jones) auf die Seite der Rebellen verschlägt. Es sind eher Reflexe und die Launen einer gefährlichen Sozialisation. Die Mutter wird von den Imperiumstruppen erschossen, Vater Galen Erso (Mads Mikkelsen) baut für sie eine Superwaffe, mit der ganze Planeten ausgelöscht werden können. Jyns Ziehvater Saw Gerrera (Forest Whitaker) ist zwielichtiger Anführer einer Rebellensplittergruppe, der unter Verfolgsungswahn leidet. Noch verstörender ist die Begegnung mit Cassian Andor (Diego Lunez), der für die Rebellen einen desertierten Imperiumspiloten sucht. Aus übertriebener Vorsicht tötet er kaltblütig einen ängstlichen Informanten. Auch die Maschinen haben einen ambivalenten Lebenslauf. Er sei ein umprogrammierter Imperioumsandroid, stellt sich Jyn Cassians Lulatsch von Roboter-Assistent K-2SO (Alan Tudyk) vor: Ein originelles Geschöpf, das es mit C3PO und R2D2 aufnehmen kann. Wenn jemand an die Macht glaubt, wie der blinde Kämpfer Chirrut Îmwe (Donnie Yen), kann ihm das Vorteile verschaffen, aber es ist seine Privatregelion, die weitgehend ohne Nachahmer bleibt.

So wüst wie die Seelen und die Moral sind die Landschaften. Die Wüste in STAR WARS EPISODE VII - DAS ERWACHEN DER MACHT hat exotischen Glanz. Die zentralasiatisch anmutende Steppe in ROGUE ONE: A STAR WARS STORY hingegen wirkt unwirtlich bis lebensfeindlich. In dieser Umgebung zu revoltieren ist Aufbäumen gegen den sicheren Untergang, als dessen aussagekräftigste Metapher die Vernichtungswaffe des Imperiums gelten darf. Die weiß und nun auch schwarz gepanzerten Stromtrooper sind Abgesandte eines graumsamen, vom Todesstern beherrschten Himmels, denen sich die wilden, dunkel gekleideten, Mensch wie amphibisch-menschliche Mischwesen umfassenden Rebellen als in den Elementen des Erdhaften wie des Wassers beheimateten Widerständler entgegenstellen.

Nichtsdestoweniger ist die Solidarität der Rebellen brüchig, durchsetzt von Mißtrauen und divergierenden Interessen. Das Imperium hat Jyn interniert. Bei einem Überfall auf einen Gefangenentransporter erlangt sie die Freiheit. Aber sie legt sich mit den Befreiern so brutal an wie zuvor mit ihren Wachen. Denn sie weiß, die Rebellen wollen bloß, dass sie sie zu ihrem Vater Galen führt, den Waffenkonstrukteur im Dienst des Imperiums, direkt unterstellt Lord Vaders Schergen Orson Krennic (Ben Mendelsohn). Sie kann nicht glauben, dass er Komplize von Darth Vader sein soll, aber die Fakten sprechen gegen ihn. Dann taucht ein desertierter Pilot des Imperiums (Riz Ahmed) auf, der behauptet, eine geheime Botschaft von Galen Erso zu besitzen, die eine Schwäche in der Superwaffe bloßlegt. Oder handelt es sich nur um eine Finte des Imperiums? Nur die gemeinsame Erfahrung der Gefahr vermag Jyn und den Piloten, Cassian und Chirrut einigermaßen zu verbinden. "Rogue One", gibt der Pilot spotan an, als sie vom Rebellenhauptquartier nach dem Namen ihres Raumschiffes gefragt werden. Alles geschieht in einem Augenblick und kann im nächsten vergehen.

Daran haben Regie und Schnitt auch die Kampfchoreographien ausgerichtet. Es kracht und explodiert wie immer. Lichtsalven aus Pistolen und Gewehren verschmoren die Gegner. Aber die Action entspringt instinkthaften, in Sekundenbruchteilen abgerufenen Routinen. Die Inszenierung von Gareth Edwards (GODZILLA zelebriert Zerstörung mit sinnlicher Genauigkeit und schauerlicher Kosequenz. Das ist etwas ganz anderes als das verweilende Auskosten von Abrams. Sattdessen gibt es das Risiko des Irrtums. Jyn schießt einen hochgewachsenen Adroiden zu Asche. K-2SO taucht dahinter auf: "How did you know that it wasn't me?" Und es gibt das Zögern. Edwards und seine Autoren lassen wunderbar offen, ob Cassans erste Verhinderungen, den angeblichen Imperiums-Kollaborator Galen mit einem Fernschuss zu töten, den telepahtischen Fähigkeiten Irruts oder einem beharrlich niedergehenden Regen zuzuschreiben ist, der Cassan unablässig in die Augen läuft. Der Regen als Hüter ethischer Prizipien? Dann hat sich Gott in eine trostlose Natur zurückgezogen. Gleichzeitig sind Regen, grau verhangener Himmel und etwas Wind ebenso verblüffende Garanten des Realismus wie eine äußert raumbewusste Handkamera. So werden die unglaublichsten Ereignisse glaubhaft, zumal ROGUE ONE: A STAR WARS STORY mit ironischen Gags sehr, sehr sparsam umgeht.

Nun ist das Geschichtenerzählen im STAR WARS-Universum nicht unendlich dehnbar. ROGUE ONE: A STAR WARS STORY stößt an seine Grenzen. So wie es den Kampffliegern mit den zitronengelben Schutzbrillen huldigen muss, muss es auch einen "Cause", einen Grund zur Rebellion geben. Der heißt "Hope", Hoffnung, was schwächlich klingt, aber nun mal eine Konvention der STAR WARS-Saga erfüllt. Sich auch über diese scheinbare Selbstverständlichkeit hinwegzusetzen, vielleicht einmal die Suche nach dem Grund zum Kämpfen selbst in den Mittelpunkt zu stellen wie in den Filmen von Akira Kurosowa, denen ROGUE ONE: A STAR WARS STORY in ihrer abenteuerlichen Düsterkeit in allen Bedeutungen dieses Wortes so ähnelt, würde eine Fortzsetzung zweifellos lohnenswert machen.











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