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NOKAN - DIE KUNST DES AUSKLANGS (Japan 2008)

von Andreas Neuenkirchen

Original Titel. OKURIBITO
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. YOJIRO TAKITA
Drehbuch. KUNDO KOYAMA
Musik. JOE HISAISHI
Kamera. TAKESHI HAMADA
Schnitt. AKIMASA KAWASHIMA
Darsteller. MASAHIRO MOTOKI . RYOKO HIROSUE . TSUTOMU YAMAZAKI . KAZUKO YOSHIYUKI u.a.

Review Datum. 2009-11-26
Kinostart Deutschland. 2009-11-26

Überrascht war man, als NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS 2009 den Oscar für den besten ausländischen Film gegen Favoriten wie DIE KLASSE oder WALTZ WITH BASHIR gewann. Überrascht allerdings nur, weil man den Film überhaupt nicht kannte. Tatsächlich ist NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS mit seiner Mischung aus schweren Themen und leichter Herangehensweise plus Einblick in fremde Kultur genau die Art von Film, an die der Auslands-Oscar besonders gerne vergeben wird. Und das ist auch gut so.

Als das Orchester von Cellist Daigo (Masahiro Motoki) aufgelöst wird, zieht er mit seiner Frau Mika (90er-Jahre Popstar Ryoko Hirosue) zurück in die Provinz seiner Kindheit, wo seine Mutter ihm das alte Familienhaus vermacht hat. Eines Tages findet er die schwammig formulierte Stellenanzeige einer Agentur, die sich offenbar um Reisevorbereitungen kümmert. Reisebüro, denkt er, und bewirbt sich. Die Reise aber, auf die sich die Agentur spezialisiert hat, ist die letzte. Der kauzige Chef Sasaki (Tsutomu Yamazaki) sucht jemandem, der ihm hilft, Leichen für die Bestattung und den Übertritt ins nächste Leben herzurichten. Sicherlich für wenige Menschen in aller Welt ein Traumjob, aber in Japan besonders heikel, da nach buddhistischer und shintoistischer Vorstellung alle Berufe, die mit Toten in Berührung kommen, als unrein gelten. Herr Sasaki ist sehr entscheidungsfreudig, deshalb hat Daigo den Job schon, bevor ihm überhaupt klar ist, worum es geht. Entsprechend schwer tut er sich damit. Seiner Frau verschweigt er zunächst die Natur seiner neuen Tätigkeit. Freunde, die etwas davon spitz kriegen, wenden sich ab. Als auch Mika davon Wind bekommt, stellt sie ihn vor die Wahl: Die Leichen oder ich. Da identifiziert sich Daigo aber bereits zu sehr mit dem Beruf und seinen würdevollen Ritualen, die in erster Linie den Lebenden helfen, von ihren Lieben Abschied zu nehmen und den eigenen Weg weiter zu gehen.

Da der erfrischend gutmütige Film keinem was zuleide tun mag, ist natürlich das letzte Wort mit Frau und Freunden noch nicht gesprochen. Niemand wird verurteilt, jeder Ignorant bekommt die Chance zur Leuterung, und Daigo sogar die zur posthumen Aussöhnung mit seinem Vater, der die Familie mit unbekanntem Ziel verlassen hatte, als Daigo noch ein kleiner Junge war. Trotz der Todesthematik ist NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS ein sehr leichter, optisch heller und unerwartet komischer Film geworden. Besonders überrascht dabei die Furchtlosigkeit einiger Scherze, und noch mehr das geschmackvolle Understatement, mit der sie umgesetzt wurden. Wenn Daigo und sein Chef bei der Vorbereitung einer toten Frau vor versammelter Trauergemeinde feststellen, dass es sich tatsächlich zumindest biologisch um einen toten Mann handelt, oder wenn der schüchterne Daigo halbnackt als Aushilfsleiche für ein Demonstrationsvideo herhalten muss, sind das Gags, die auch in einer amerikanischen Ekel-Teenie-Komödie verwurstet werden könnten. Allerdings kaum so zart und unaufgeregt wie in NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS, wo nicht auf größtmöglichen Brüll-Effekt gesetzt wird, sondern uns auch der derbste Scherz noch etwas über die Beteiligten verrät, anstatt sie zu bloßen Transporteuren der Pointe zu machen oder sie gar vorzuführen.

Gerne wird kolportiert, NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS sei der erste nicht-kommerzielle Film von Regisseur Yojiro Takita, der bislang mit Erotik- und Fantasy-Filmen erfolgreich war. Dass NOKAN nicht kommerziell ist, stimmt nur bedingt. Sicherlich ist ein Film, in dem keine Bluse aufplatzt und keine Schwerter klirren, der breiten Masse schwieriger zu vermitteln als ein greller Blockbuster. Aber eigentlich hat NOKAN alles, was kommerzielles Kino, also Unterhaltungskino, ausmacht: Humor, Tragik, sympathische Charaktere, gut aussehende Darsteller, große Gefühle, schöne Bilder, flottes Erzähltempo und donnernde Musik. Derart donnernde Musik ist normalerweise ein klares Zeichen dafür, dass ein Film seinen Bildern und Darstellern nicht traut und dem Publikum Emotionen anderweitig einhämmern muss. In diesem Fall aber ist der dominante Soundtrack nicht nur verzeihlich, sondern künstlerisch legitim. Schließlich ist die Hauptfigur Musiker, und neben dem Tod und dem Leben ist die Musik das dritte große Thema des Films. Erst als Daigo aufhört Berufsmusiker zu sein, entdeckt er seine bedingungslose Liebe zur Musik. Das vermittelt der Film ebenso souverän, wie er allen Fettnäpfchen voller Kitsch und Melodram ausweicht, die in seinem Weg stehen. Und das sind einige. Die Filmsprache von NOKAN – DIE KUNST DES AUSKLANGS ist alles andere als neu. Aber so gewählt, wie sie hier gesprochen wird, ist das schon große Kunst. Und großer Kommerz.











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