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NIGHTMARE DETECTIVE 2 (Japan 2008)

von Jenny Jecke

Original Titel. AKUMU TANTEI 2
Laufzeit in Minuten. 99

Regie. SHINYA TSUKAMOTO
Drehbuch. SHINYA TSUKAMOTO . HISAKATSU KUROKI
Musik. CHU ISHIKAWA . SHIN-ICHI KAWAHARA
Kamera. SHINYA TSUKAMOTO . TAKAYUKI SHIDA
Schnitt. SHINYA TSUKAMOTO . YUZI KUROKI
Darsteller. RYUHEI MATSUDA . YUI MIURA . WAKO ANDÔ . HANAE KAN u.a.

Review Datum. 2009-10-13
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Die Gedanken von anderen Menschen zu hören ist in NIGHTMARE DETECTIVE 2 ein Fluch, wie er schrecklicher nicht sein könnte. Dabei leben die Figuren in einem äußerlich verstummten Japan unterkühlter Familien und vereinsamter Teenager. Von der allseitig kommunizierenden, mit ständiger Erreichbarkeit gesegneten Persönlichkeit der Moderne ist in Shinya Tsukamotos Film nämlich nichts mehr zu sehen oder zu hören. In NIGHTMARE DETECTIVE kam der Tod noch durch das Telefon, das die atomisierten Großstädter benutzten, um sich mit einem Unbekannten zum gemeinsamen Selbstmord zu verabreden. Am anderen Ende der Leitung wartet in der Fortsetzung nur noch eine Mailbox, die niemals abgehört werden wird. Deswegen scheitern alle Versuche der 15-jährigen Yukie (Yui Miura), ihre vielbeschäftigte Mutter zu erreichen, als sie diese am meisten braucht. Nachts allein zu Hause fürchtet sie sich davor, einzuschlafen, denn eine Mitschülerin hat es in ihren Träumen auf sie abgesehen. Hilfe sucht Yukie beim Albtraumdetektiv Kyoichi (Ryuhei Matsuda), der seine Begabung – das Eindringen in die Träume anderer - noch immer verabscheut und von Erinnerungen an den Selbstmord seiner Mutter geplagt wird. Sein Mitleid für Yukie hält sich in Grenzen, denn sie trägt die Schuld an ihrer Misslage selbst. Mit ihren Freundinnen hatte sie der überängstlichen Schülerin Kikukawa einen grausamen Streich gespielt, für den sie nun in ihren Träumen die Verantwortung tragen muss. Kyochies Interesse an dem Fall wird jedoch geweckt, als er in der Angst Kikukawas das Leiden wiedererkennt, welches seine Mutter einst in den Tod getrieben hatte.

Es ist die Angst vor allem, was lebt; die Angst vor dem Leben selbst. Der verstummten Gesellschaft, deren Individuen unermesslich weit voneinander entfernt zu sein scheinen, ist nur noch die Flucht in die eigenen Gedanken und Träume geblieben, um sich abzureagieren. Was im tagtäglichen Leben nicht gesagt werden kann, weil die Fähigkeit zur Kommunikation selbst zwischen Eltern und ihren Kindern der Verkümmerung anheim gefallen ist, findet im Unausgesprochenen seine umso drastischere Übersteigerung. Diese Gedanken voller Aggressionen, welche die Köpfe der Menschen beherbergen, kann Kikukawa hören. Es ist eben jener Fluch, den sie mit dem Nightmare Detective Kyoichi teilt. Was als übernatürlicher Thriller relativ gradlinig beginnt, entfernt sich deshalb recht bald vom Täter-Opfer-Schema des Vorgängers, denn in variierenden Graden wird hier jeder von derselben gesellschaftlichen Neurose geplagt. Bezeichnenderweise ist Kyoichi ein widerwilliger Superheld der Imagination, der im ersten Teil das Böse in den Träumen der Opfer bekämpft hat und nun die Rolle eines traumwandelnden Therapeuten übernimmt.

In der Darstellung der unerträglichen Angst seiner Figuren findet der Film sein effektivstes Ausdrucksmittel. Durch zahlreiche Point of View-Shots dem Zuschauer den Blickwinkel der Figuren aufzwingend, ist dieser gezwungen, sich in der klaustrophobischen Kälte mitsamt ihrer Vereinsamung wiederzufinden, aber auch das Unverständnis eines kleinen Jungen zu teilen, dessen liebevolle Mutter von hysterischen Angstzuständen gequält wird. Wie es sich für eine mehr als gelungene Fortsetzung gehört, bewegt sich NIGHTMARE DETECTIVE 2 jedenfalls weiter in die Psyche und Vergangenheit seiner titelgebenden Hauptfigur, deren dauergenervter, mürrischer Art Ryuhei Matsuda mehr Tiefe, aber dankbarerweise nicht mehr gute Laune verleihen darf.

Im Gegensatz zum ersten Teil wandelt hier der Plot nicht auf den Pfaden eines Whodunnits, sondern taucht in der zweiten Hälfte stark in surrealistische Gefilde ab, die einer konventionellen Erzählung zuwider laufen würden. Dieser Schritt wird nicht zum eigenen Schaden getan, denn auf der Ebene des Unbewussten sind in dieser Welt mehr Gefühlsregungen - positive und negative - äußerbar, als es in der Wirklichkeit mit ihrer allgegenwärtigen Distanzierung je möglich sein könnte. Die Realität ist nicht vielmehr als der Ort physischer Manifestation seelischen Leids. Ein konventioneller Superheld wäre folglich machtlos im Japan Tsukamotos. Dagegen ist der Nightmare Detective der richtige Mann am richtigen Ort, der wie jeder gute Held auch mit den eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Gerade deswegen facht der Film die Hoffnung an, dass es einmal einen "Nightmare Detective 3" geben wird.

NIGHTMARE DETECTIVE 2 ist ab dem 16. Oktober als Kauf-DVD im Handel erhältlich.











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