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MUTANTS (Frankreich 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MUTANTS
Laufzeit in Minuten. 85

Regie. DAVID MORLET
Drehbuch. LOUIS-PAUL DESANGES . DAVID MORLET
Musik. THOMAS COUZINIER
Kamera. NICOLAS MASSART
Schnitt. ROMAIN NAMURA
Darsteller. HÉLÈNE DE FOUGEROLLES . FRANCIS RENAUD . DIDA DIAFAT . NICOLAS BRIANCON u.a.

Review Datum. 2009-09-09
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

"Leise rieselt der Schnee
Innereien-Sorbet
Blutig rot glänzet der Wald
Freue dich, Zombie-Gewalt!"

Mal wieder hat's die Menschheit bös' erwischt: Grippewelle, sintflutartig. Influenza mutabilis, um genau zu sein, die die Befallenen in schwarzäugige Rohfleischfresser mit vier Nasenlöchern verwandelt. Da wird ein Schnupfen gleich doppelt zur Qual, und der bleibt bekanntlich nicht aus in der kalten Jahreszeit. Das Setting: Frankreich, ein Wintermärchen. Ein einsamer Krankenwagen pflügt durch die eisblaue Berglandschaft, wenn's sein muss auch schon mal mitten durch Leute auf der Straße. Gerettet wird nur noch das eigene Leben. Man ist unterwegs zur Militärbasis NOAH, die gesunden Restexemplaren der Gattung Mensch einen Archenplatz verspricht. Pärchenweise wäre schön, insofern trifft es sich gut, dass die dreiköpfige Wagenbesatzung bei einem blutigen Handgemenge flugs auf zwei reduziert wird: Sonia (Hélène de Fougerolles) und Marco (Francis Renaud), ein veritables Liebespaar, sie Krankenschwester, er – hab ich vergessen, ist aber auch egal, denn: bei besagtem Zwischenfall infiziert sich Marco mit dem Virus. Obwohl Sonia vermutet, immun und damit potenzielle Impfstoff-Trägerin zu sein, wird ihr bald klar, dass der Liebste nicht mehr zu retten ist. In einem verlassenen Gebäude am Waldrand verbringen die beiden, was ihnen an gemeinsamer Zeit noch bleibt.

David Morlets Regiedebüt MUTANTS beginnt als eine Art Komplementärstück zu einem anderen aktuellen Seuchenfilm, CARRIERS. Beide richten ihren Fokus weniger auf die Bedrohung selbst als auf den Umgang der Überlebenden mit den Kontaminierten, die peu à peu zu Pflegefällen werden. Wo jedoch die adoleszenten Egoisten aus CARRIERS ihre Menschlichkeit zunehmend verwirken, indem sie Mutter, Vater, Freund und Feind unterschiedslos dem Siechtum überlassen, präsentiert sich MUTANTS als Chronologie einer Liebe in den Zeiten der Cholera. Statt eskapistisch das Weite zu suchen, zieht sich der Beziehungsraum um Marco und Sonia auf Kammerspielmaße zusammen: Eine Halle, ein Flur, ein Bad bilden den Schauplatz von Marcos zäher Transformation, bei der er nacheinander Haare, Nägel, Zähne und, aus sämtlichen Löchern, literweise Blut verliert. Sonia, die letzte Hippokratin in einer Welt voll Hypokriten, wäscht, pflegt und bandagiert, was sie kann. Doch mit fortschreitender Inkubationszeit beginnt neben Marcos Körper auch die Beziehung zu bröckeln.

Wohl kaum eine Standardfigur des Horrorkinos besitzt einen derart weiten Bedeutungsradius wie der Zombie, und als neuerlicher Auslotungsversuch desselben ist MUTANTS prinzipiell eine begrüßenswerte Sache. Selten hat sich ein Film so geduldig den Komplexen Scham und Nächstenliebe gewidmet, die der Zombifizierungsprozess bei den Beteiligten auslöst. Allein: über einen gut gemeinten Versuch kommt Morlet nicht hinaus. Aus der klirrenden emotionalen Kälte der Erzählung können sich seine arg chiffrenhaften Protagonisten nie als Wärmepunkte herauslösen, sie bleiben Statthalter für echte Figuren und damit in ihrem Leid profund uninteressant. Die Dialoge sind auch nicht gerade Bergman, man schreit sich halt gegenseitig "Je t'aime" ins Gesicht und, dass irgendwie alles scheiße ist. Faszinierende Details – wie etwa, dass das Virus, bevor es im Genpool rumpanscht, erst alle körperlichen Wunden seines Wirts heilt, oder, dass man nie herausfindet, was genau das riesige Gebäude in der Wildnis für eine Funktion hat – werden kurz angerissen und dann achtlos fallen gelassen. Von den handgemachten Mutationseffekten darf man angesichts des kleinen Budgets auch nicht die Welt erwarten, im einen Moment bläst Marco vor lauter Blutsuppe im Mund die Backen auf, im nächsten hat er sich bereits übergangslos in einen der Grottenolme aus THE DESCENT verwandelt.

Verwandeln tut sich auch der Film in seiner zweiten Hälfte, und nicht unbedingt zum besseren: Aus dem introspektiv gemeinten, introspektionslosen Beziehungsdrama wird, mutatis mutandis, ein kreativitätsbefreiter Standard-Schnetzler, der bis zum Autoscheibenklopfschock noch das hinterletzte Stereotyp für sich reklamiert. Ein hartgekochter Flüchtlingstrupp taucht auf in der Waldeinsamkeit, bestehend aus: Zyniker, Zynikermäuschen und dem bedrohlich Schweigsamen, der eigentlich total nett ist. Ihnen auf den Fersen: Zombies, Zombies, Zombies. Bäh, bah, buh, enge Gänge, rennende Füße aus Untersicht, Plasmafontänen, und die Shakycam brummkreiselt sich halb zu Tode. Still und starr ruht indes der Zuschauer, kalt gelassen von so viel heißer Luft. Letztlich bleiben von MUTANTS bloß ein paar seltsam poetische Inszenierungskniffe für Morlets noch junges Portfolio und jede Menge Schnee.











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