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MOTHER (Korea 2009)

von Jenny Jecke

Original Titel. MADEO
Laufzeit in Minuten. 128

Regie. BONG JOON-HO
Drehbuch. BONG JOON-HO . PARK EUN-KYO . PARK WUN-KYO
Musik. LEE BYEONG-WOO
Kamera. HONG KYUNG-PYO
Schnitt. MOON SAE-KYOUNG
Darsteller. KIM HYE-JA . WON BIN . JIN GOO . MOON JE-WOON u.a.

Review Datum. 2010-08-03
Kinostart Deutschland. 2010-08-05

Bong Joon-hos Figuren müssen so einiges durchmachen in ihrem kurzen Zelluloidleben. Der Regisseur und Co-Autor entreißt sie in MEMORIES OF MURDER und THE HOST aus der Gewöhnlichkeit des Alltags und dokumentiert anschließend ihre daraus resultierenden manischen Zustände. Einen Serienmörder jagen, heißt es in ersterem, die Tochter aus den Tentakeln eines Monsters befreien, in letzterem. Wiederholt müssen durchschnittliche Männer über sich und ihre Fehler hinaus wachsen. Verspätet erwachsen werden sie durch die Erfahrung, wenn auch ihre Suche nicht immer zum Ziel führt. Der gelernte Soziologe Bong, der trotz großer Erfolge seit Jahren im Schatten von Kollegen wie Park Chan-wook und Kim Ki-duk steht, hat sich den kleinen Leuten verschrieben, jenen von denen man am wenigsten erwartet, dass sie solch unbändige Energien freisetzen können. Die titelgebende Mutter (TV-Darstellerin Kim Hye-ja) in seinem neuen Film gehört zu dieser Spezies.

Als weibliches Pendant zu Song Kang-hos Antihelden, muss sie eines Tages mitansehen, wie ihr geistig behinderter Sohn von der Polizei abgeführt wird. Ein Schulmädchen soll Do-joon (Won Bin, der kleine Bruder aus TAEGUKGI) umgebracht haben. Die Mutter ist entsetzt und ihr Instinkt, ihn zu schützen, nicht zu bezwingen. Was Bong nun seiner Hauptfigur aufbürdet, ist ein Spießrutenlauf, aber keiner, der als Gerichtsdrama endet. Im Gegenteil: Das Mitleid für ihr Schicksal verebbt recht schnell, als die Mutter - von ihrem Anwalt im Stich gelassen - die Untersuchung in die eigenen Hände nimmt. Dermaßen im Tunnelblick verhaftet, ist sie nicht immer zimperlich, wenn es darum geht, Beweise für die Unschuld des Filius zu sammeln. Dass auch die liebevolle Beziehung zu diesem recht bald durch dezente Andeutungen getrübt wird, sägt weiter an der Sympathie für diese "Heldin".

Kim Hye-jas unterkühlte Tour de Force der Erniedrigungen und moralisch zweifelhaften Ermittlungen bildet das Herzstück eines Films, der seinen Regisseur im Prozess der Reife zeigt. Bong Joon-ho, zuvor auf ganz andere Weise, aber ähnlich stark verspielt wie Kollege Park, nimmt sich hier sehr zurück und überlässt seiner Hauptdarstellerin weitgehend das Rampenlicht. Der typisch skurrile Humor, den er in den Serienmörderstreifen ebenso untergebracht hat wie in den Monsterfilm, hellt auch in MOTHER hin und wieder das düstere Geschehen auf. Wenn die Polizei versucht, mit einer Puppe den Tathergang nachzustellen und dieser vor laufenden Kameras immer wieder der Kopf abfällt, spiegelt sich darin erneut Bongs in Satire gekleidetes Unbehagen gegenüber staatlichen Institutionen wider. In MEMORIES OF MURDER musste ebenfalls die Polizei mit ihren altertümlichen Methoden herhalten, in THE HOST bekam von der Armee bis hin zur Ärzteschaft jeder sein Fett weg.

Doch anders als im direkten Vorgänger tanzt Bong hier nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig. Mit den Genre-Konventionen spielt er, ohne den Ernst der Lage aus den Augen zu verlieren. Zudem werden die politischen Allegorien insbesondere zur koreanischen Vergangenheit in MOTHER merklich zurückgeschraubt. Stattdessen bildet der kleinstädtische Mikrokosmos voll Verlogenheit und dunkler Geheimnisse den Hintergrund. Ein intimes Psychodrama ist ihm so gelungen, das nicht ganz an die innovative Größe von MEMORIES OF MURDER heranreicht. Doch soll das kein Wermutstropfen eines astreinen Filmerlebnisses sein, denn an in ihrer Einfachheit äußerst intensiven Momenten fehlt es dem Film sicher nicht. MOTHER liefert hinreichend Beweise, dass sich ein Regisseur treu bleiben kann, ohne haltlos in die Egomanie abzustürzen. Bong Joon-ho ist die Gratwanderung zwischen künstlerischer Evolution und Bewahrung der eigenen Markenzeichen mit Leichtigkeit geglückt.











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