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METROPOLIS (Deutschland 1927/2010)

von Benjamin Hahn

Original Titel. METROPOLIS
Laufzeit in Minuten. 145

Regie. FRITZ LANG
Drehbuch. THEA VON HARBOU
Musik. GOTTFRIED HUPPERTZ
Kamera. KARL FREUND . GÜNTHER RITTAU . WALTER RUTTMANN
Schnitt. FRITZ LANG
Darsteller. BRIGITTE HELM . ALFRED ABEL . GUSTAV FRÖHLICH . RUDOLF KLEIN-ROGGE u.a.

Review Datum. 2011-05-05
Kinostart Deutschland. 2011-05-12

METROPOLIS ist ein Phänomen. In seiner Zeit gescholten und missachtet, gekürzt, zensiert und auf Linie gebracht, entwickelte sich das Stummfilmepos von Fritz Lang über die Jahrzehnte zu einem der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte und fand schließlich - als erster Film überhaupt - sogar den Weg auf die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO.

Eigentlich ist das reichlich erstaunlich, denn METROPOLIS ist ein Film, der irgendwie alles ist und doch nichts richtig. Es gibt kaum ein Genre, das dieser Film nicht bedient: Mal gibt er sich sozialkritisch und kommentiert reichlich kommunistisch daherkommend die Ausbeutung der Arbeiter, dann wechselt er zu einer naiv-kitschigen "Romeo & Julia"-Liebesgeschichte, wandelt sich plötzlich zu einer Rachetragödie, nutzt Elemente der Science Fiction, kombiniert diese mit selbstzweckhaften Effektaufnahmen und wenn sein Hauptdarsteller dann schließlich ausgelaugt durch wilde Verfolgungsjagden im Fieberwahn von wankenden Skeletten fantasiert, dann findet man sich auf einmal im Horrorfilm wieder.

Nichts lässt dieser Film aus und weil er so viel zeigen will, aber (in seiner Premierenfassung) gerade einmal 153 Minuten dafür Zeit hat, rast er in einem schwindelerregenden Tempo durch seine Handlung, gleich so als hätte er sich ein Beispiel an jenen rastlosen Maschinen genommen, mit denen er eröffnet. Doch METROPOLIS kann auch eigentlich gar nicht anders, denn das von Fritz Langs damaliger Ehefrau Thea von Harbou verfasste Drehbuch kann eigentlich nur deshalb von seiner Banalität ablenken, weil es mittels unzähliger Nebenhandlungen und arg konstruierten Wendungen eine ganze Batterie an Nebelkerzen zündet. Die heute oftmals unterstellte Genialität seiner wilden Motiv-Mixtur verdankt der Film einzig und allein der Ablenkung von der kitschigen Grundstory und dem Zwang sein Publikum bei Laune halten zu müssen. Dass zeitgenössische Kritiker wie H.G. Wells, der den Film in seiner (gekürzten) Exportfassung sah, daraufhin in METROPOLIS nicht mehr als einen "albernen" Film entdecken konnten, verwundert aus heutiger Sicht nicht, bleiben doch auch die Charaktere des Films nur bloße Schablonen. Neue zwar, wie im Falle Rotwangs, der später Vorlage für fast jeden verrückten Wissenschaftler der Filmgeschichte werden sollte, aber nichtsdestotrotz sind die Handelnden in Langs Film bloße Stereotypen.

Woher also kommt nun also die Faszination METROPOLIS? Nun, zum einen hat der Film auf seiner visuellen Ebene nachfolgende Generationen stark beeinflusst. So bezieht sich z.B. Ridley Scotts BLADE RUNNER in seiner Gestaltung der Stadt der Zukunft auf die Bauten von Langs Team um die Architekten Otto Hunte und Erich Kettelhut. Und wer in STAR WARS zum ersten Mal C-3PO sieht, könnte in dem goldenen Kostüm durchaus Brigitte Helm vermuten.
Doch nicht nur der Einfluss auf spätere Regisseure hat METROPOLIS zum Mythos werden lassen, sondern der Film steht auch stellvertretend für den Wandel im Umgang mit dem Medium Film an sich. 1927 im Kino gefloppt, wurde der Film zum Sargnagel der Ufa, aus den Kinos genommen, gekürzt und die abgetrennten Fragmente und Originalkopien größtenteils vernichtet, da sie aus kaum lagerungsfähigem Filmmaterial bestanden. Die per Vertrag mit der Paramount und MGM in die USA verkaufte, zeitgleich abgedrehte Exportfassung wurde bereits noch vor dem deutschen Kinostart umgearbeitet, um etliche Motive beraubt und dem damaligen Geschmack des amerikanischen Publikums angepasst. Doch anders als viele Filme gleichen Schicksals war METROPOLIS immer präsent. Es ist der eine verschollene Film, der nie gänzlich verschollen war und an dem man exemplarisch aufzeigen kann, wie Filme in Schutt und Asche gelegt wurden. Der Vergleich mag hart sein, aber so wie das Bild eines verstümmelten Kindes mehr über einen Krieg aussagen kann als jede noch so detaillierte Analyse, so ist der Torso METROPOLIS bis heute das Paradebeispiel für die Brutalität der Filmindustrie. Ändern wird sich das nie, denn auch bei der jetzt in den deutschen Kinos und im Herbst dann wohl auf DVD und Blu Ray veröffentlichten Fassung fehlen noch einige Minuten. Dennoch aber ist die im vergangenen Jahr in Wiesbaden angefertigte Rekonstruktion die wohl vollständigste Fassung, die wir und unsere Kinder je sehen werden. Möglich wurde das nur durch das Wunder von Buenos Aires über das man sich jedoch an anderer Stelle, vorzugsweise in der Dokumentation DIE REISE NACH METROPOLIS, erkundigen möge. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass im Jahr 2008 in den Archiven des Filmmuseums Buenos Aires eine 16-mm-Kopie mit bisher verloren geglaubten Szenen wiedergefunden wurde. Dieses Material - immerhin fast eine halbe Stunde - wurde dann in Wiesbaden rekonstruiert und in die Münchener Fassung von 2001 eingepflegt, sodass in der nun vorliegenden Version "nur noch" ca. 8 Minuten der Premierenfassung von 1927 fehlen.

Doch nicht nur wegen seiner tragischen Geschichte und seiner visuellen Einflussnahme ist METROPOLIS zum filmhistorisch bedeutsamen Klassiker avanciert. Viele der in diesem Artikel angeführten Kritikpunkte gehören zum Standardrepertoire bei der Auseinandersetzung mit einem ganz speziellen Filmtypus: dem Sommerblockbuster. Seitdem im Sommer 1975 DER WEISSE HAI das Publikum aus der Sonne in den kühlenden Schatten der Kinosäle zu locken, hat sich in Hollywood die Tradition der sogenannten Sommer-Blockbuster entwickelt. Typisches Merkmal ist oftmals eine nicht allzu anspruchsvolle, aber abwechslungsreiche Geschichte, die auf eine sehr effektlastige und temporeiche Weise erzählt wird und die nach Möglichkeit mit Versatzstücken aus verschiedensten Genre operiert um eine möglichst große Bandbreite des Publikums unterhalten zu können. Den Letzteres ist ihr oberstes Ziel: Keine aufwendig verpackte, Moralin-saure Didaxe, keine auf nur eine Sparte zugeschnittener Stoff, keine tiefgründige Handlung, sondern einfach nur eine möglichst viele Zuschauer ansprechende Unterhaltung. 2 Stunden Spaß, nicht zwingend sinnbefreit, aber dennoch im Endeffekt reichlich simpel gehalten. METROPOLIS bietet in gewisser Weise genau das, wenn auch mit stellenweise deutlich mehr Anspruch.

Ohne es zu wissen, hat Fritz Lang mit seinem Film so etwas wie den Urahn der Sommerblockbuster geschaffen und war damit seiner Zeit weit voraus. Sehr weit, wie man am desaströsen Einspielergebnis erkennen kann. Hat man sich aber als heutiger Zuschauer an das Fehlen von gesprochener Sprache gewöhnt, dann entdeckt man in METROPOLIS einen überraschend jung gebliebenen Film, der trotz seines salomonischen Alters von immerhin 84 Jahren frisch und agil wirkt. Selbst die Effekte, gerade bei solchen Filmen immer die Achillesferse, wirken nicht gerade altbacken. Gut, man sieht ihnen ihr Alter an und auch die Kamera bleibt in diesen Momenten für heutige Konventionen ungewohnt statisch, aber trotzdem funktionieren sie und versetzen einen auch nach so langer Zeit immer noch in Staunen. Vielleicht wirkt er gelegentlich ein wenig überholt, ja, aber der Urgroßvater des Popcornkinos ist trotz seines Alters immer noch ein verdammt guter Geschichtenerzähler.

Das, aber auch seine tragische Geschichte und seine weitreichende Einflussnahme, machen METROPOLIS zu Recht zu dem Meisterwerk als das er in die Filmgeschichte eingegangen ist.











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