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MEEK'S CUTOFF (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MEEK'S CUTOFF
Laufzeit in Minuten. 104

Regie. KELLY REICHARDT
Drehbuch. JONATHAN RAYMOND
Musik. JEFF GRACE
Kamera. CHRIS BLAUVELT
Schnitt. KELLY REICHARDT
Darsteller. MICHELLE WILLIAMS . BRUCE GREENWOOD . WILL PATTON . PAUL DANO u.a.

Review Datum. 2011-11-06
Kinostart Deutschland. 2011-11-10

Kleines Inventar der Hölle: Voll sei sie von Bären, Bergen und Indianern, sagt Stephen Meek, der entgegen seinem Namen alles ist, nur nicht bescheiden. Bruce Greenwood spielt den großspurigen Trapper, den es um 1850 tatsächlich gegeben hat, als indiekompatible Schwundstufe zu Jeff Bridges' Cartoon-Westerner aus TRUE GRIT: markig-melancholisch. Ziemlich ähnliche Landstriche werden hier wie dort durchquert, karge Hügelketten mit dem okkasionellen Fluss dazwischen, wer weiß, ob sich die Coens und Kelly Reichardt beim Dreh nicht gar über den Weg geritten sind. Die Filme freilich sind grundverschieden, statt schwarzer Lakonie wird wohlkalibrierter Ernst gepflegt, statt dem in Hollywood grassierenden Blaustich dominieren Sand- und Aschfarben. MEEK'S CUTOFF macht auf den ersten Blick in unverfälschten Realitäten: Drei Planwagen zuckeln durch die Prärie, halten Rast, zuckeln weiter. Gespräche beschränken sich aufs Nötigste: Bibelverse, der Weg, das Ziel (Oregon). Gewehre werden in mühseliger Feinarbeit gestopft, Lagerfeuer bereitet; man isst aus groben Holzschalen, die die Frauen später im Strom auswaschen.

Aus derlei historischen Alltagsbildern sticht schon früh eines heraus, das zum Modus nüchterner Beobachtung nicht so recht passen will: Am abendlichen Horizont zieht die winzige Karawane eine Anhöhe hinauf, während sich in kaum merklicher Überblendung bereits die nächste Einstellung davorschiebt, ein gegenläufiger Abhang, der den Trek für einen irritierenden Moment in der Luft schweben lässt. Ist hier doch Metaphysischeres im Gange, als es den Anschein hat? Verwunderlich wär's kaum: Western (und, Gott bewahre, Anti-Western) sind ohne Transzendenzmoment schon seit Jahrzehnten nicht mehr zu haben, und wer MEEK'S CUTOFF als solchen begreift (was man kann, aber durchaus nicht muss), mag eine leidlich faszinierende reductio ad absurdum thematischer Vorläufer wie WAGON MASTER oder WESTWARD THE WOMEN darin erkennen. Aus insularerer, den Genreballast Genreballast sein lassender Perspektive ist der Stoff hingegen nicht mehr, nicht weniger als die folgerichtige Fortschreibung von Reichardts eigener kleiner Filmografie.

Wie OLD JOY und WENDY & LUCY ist auch CUTOFF eine Außenseitergeschichte, erstmals bei Reichardt mit Mehrheitsfokus erzählt. Anders als Kurt, der gutmütige Schrat aus dem Debüt, oder die störrische Drifterin Wendy ist Meek, der die Pilgerfamilien vom Ausgang der alten an die Schwelle der neuen Zivilisation bringt, ohne selbst zur einen oder anderen zu gehören, in seinen Sympathien akut gefährdet: Seine Prahlerei will keiner hören, seinen Fährten traut niemand über den Weg, und als ein Indianer gefangengenommen wird, steht er mit seiner lynchgeilen Hardlinerpolitik auf verlorenem Posten. Unter Führung von Michelle Williams, die einmal mehr jene unnahbare Strenge zeigt, die ihr eigenartigerweise zu Starruhm verholfen hat, macht die Gruppe mit Meek kurzen basisdemokratischen Prozess. Regelrecht cut off wird er, abgeschnitten und herausgedrängt aus dem Film, dessen Titelheld er doch sein sollte. Reichardt lässt es geschehen, ohne eindeutig Position zu beziehen: Williams' Figur ist zugleich Empowerment-Ikone und puritanische Ziege, das freie Land zugleich ein klaustrophobisches Beckett-Vakuum (der enge 4:3-Frame tut sein Übriges). Der Sehnsuchtsort im Westen, dem all diese Strapazen gelten, verbleibt konsequent im negative space des sozialen Zwischenraums, den Reichardt hier zum dritten Mal (und vergleichsweise allzu souverän) erschließt. Man kann das Offene an ihrem Kino nach wie vor lieben - irgendwo ankommen wäre trotzdem mal schön.











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