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TRUE GRIT (USA 2010)

von Björn Lahrmann

Original Titel. TRUE GRIT
Laufzeit in Minuten. 103

Regie. JOEL COEN . ETHAN COEN
Drehbuch. JOEL COEN . ETHAN COEN
Musik. CARTER BURWELL
Kamera. ROGER DEAKINS
Schnitt. JOEL COEN . ETHAN COEN
Darsteller. JEFF BRIDGES . HAILEE STEINFELD . MATT DAMON . JOSH BROLIN u.a.

Review Datum. 2011-02-23
Kinostart Deutschland. 2011-02-24

Rooster Cogburn und LaBoeuf, ein Streithahn und ein Rindvieh, US Marshal der eine, Texas Ranger der andere, sind die Helden des neuen Coen-Films. So jedenfalls wollen es die Credits, die Jeff Bridges und Matt Damon an der Spitze führen, dann den Titel, dann die Banditennebendarsteller Josh Brolin und Barry Pepper, und ganz zum Schluss: Hailee Steinfeld. Man merke sich diesen Namen, er wird einem demnächst öfter begegnen, vielleicht schon die Tage bei der anstehenden Oscarverleihung. Steinfeld spielt, und zwar absolut hinreißend, Mattie Ross, ein resolutes Madamchen von 14 Jahren, das im wildwestwinterlichen Arkansas aufbricht, die Ermordung ihres Vaters zu rächen. Der einäugige, schießwütige, versoffene Cogburn soll ihr dabei helfen für 50 Dollar Whiskeysold, LaBoeuf schließt sich dem Duo aus Pflichtgefühl an. Eine Geschichte wie aus einem uralten Folksong, von den Coen-Brüdern erzählt wie… ein Coen-Film.

Tatsächlich basiert TRUE GRIT auf einem Roman von Charles Portis, der nach Verfilmung nicht unbedingt schreit: Weniger klassischer Westernstoff als eigenbrödlerische Pikareske, arm an dramatischer Inzidenz, reich dafür an sprachlichem Zeit- und Humorkolorit. Letzteres dürfte die Coens vornehmlich gereizt haben, wie schon bei ihrer letzten Adaption NO COUNTRY FOR OLD MEN wurde ein Großteil des Dialogs ungefiltert von der Seite übernommen. Urkomisch mithin das Frontier-Palaver, das ständig pendelt zwischen höflich-gespreizten Umstandsformeln und knapp gebellten Ruppigkeiten, gespickt mit Wörtern wie braggadocio und nincompoop, die sogar Flüche wie verhinderte Lyrik klingen lassen. Zugleich wirkt der Film über weite Strecken, gerade wegen des exzellenten Skripts, wie eine kostümierte Lesung - eine hervorragende Lesung zwar in hervorragenden Kostümen und Kulissen, jedoch ganz ohne die elaborierten, bös-ironischen Schicksalsmechanismen, in die Coen-Figuren sich sonst so häufig und zum Gewinn eines perfid veranlagten Publikums verwickelt finden.

Als kauziges, bei aller Geradlinigkeit eher richtungsloses Hangout Movie muss TRUE GRIT sich vollends auf sein Darsteller-Trio verlassen und fährt damit im Grunde nicht schlecht. Bridges hat sich den marodesten Schotterpistenbariton aller Zeiten antrainiert und tut so, als wäre vor ihm noch niemand auf die Idee gekommen, dass Bärte sich zum Reinnuscheln eignen. Wie schon jeder einskommafünfte Rezensent bemerkt hat, ist seine Figur eine hochprozentige Mischung aus 70% Dude und 30% Duke (für nincompoops: das ist der Spitzname von John Wayne, der die Rooster-Rolle bereits 1969 in der Henry-Hathaway-Verfilmung des Buchs gespielt hat, die den Coens jedoch angeblich nichts als blasse Kindheitserinnerung ist). Bridges' schnapsdrosseliges Gezänk mit dem lächerlich aufrechten Damon wird schlichter und breiter, je mehr der eine dem Trunk verfällt und je weniger der andere seine wundgebissene Zunge beherrscht. Beide verdrängen leider mit der Zeit Steinfeld, die als puritanischer Neunmalklug herrlich abgebrüht feilscht, Zigaretten dreht und die Bibel zitiert.

Das Ensemble täuscht dennoch nicht darüber hinweg, dass es dem Film an erzählerischem Impetus und Genrebewusstsein fehlt. Klassische Postbellum-Themen wie die Entwicklung des amerikanischen Rechtsstaats, der einerseits clevere Bürger wie Mattie mit legalen Druckmitteln ausstattet, andererseits föderale Freibeuter wie Cogburn auf die Anklagebank verweist, werden zwar angeschnitten, jedoch zugunsten zielloser Reiterei durch Hochglanzprärien sehr schnell ad acta gelegt. Die Suche nach dem dreckigen Gauner und Vatermörder Tom Chaney (Brolin) ist lange Zeit reinster MacGuffin, zumal es um das emotionale Fundament der Geschichte ohnehin wacklig bestellt ist: Weder Matties Rachedurst noch Roosters gelegentliche Momente von Altersmelancholie fügen sich in das allgemeine Coen'sche Desinteresse an allem, was Sentiment ist. Völlig dissonant zur lakonischen Grundstimmung verhält sich Carter Burwells biederromantischer Score, an dem jede Harmonie zu viel ist und der gerade deswegen die Misere des Films auf den Punkt bringt: Er verschmäht just die Konventionen, die zu zitieren er nicht müde wird. TRUE GRIT ist somit genau das nicht, was der Titel verspricht: von echtem Schrot und Korn.











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