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MAX PAYNE (USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. MAX PAYNE
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. JOHN MOORE
Drehbuch. BEAU THORNE
Musik. MARCO BELTRAMI . BUCK SANDERS
Kamera. JONATHAN SELA
Schnitt. DAN ZIMMERMAN
Darsteller. MARK WAHLBERG . MILA KUNIS . BEAU BRIDGES . CHRIS "LUDACRIS" BRIDGES u.a.

Review Datum. 2008-11-04
Kinostart Deutschland. 2008-11-20

MAX PAYNE ist weniger eine Verfilmung als eine Verdauung: Der legendäre Third-Person-Shooter von Remedy, auf dem das jüngste Wahlberg-Vehikel basiert, bezog seine Energie vorrangig aus dem bunten Gratin filmischer Codes, das er sich einverleibt hatte. Hauptingredienz war die aus MATRIX bekannte Bullet-Time-Technologie, gewürzt mit eleganter Zweihandballerei à la John Woo, überbacken mit einer fingerdicken Schicht Film-Noir-Ästhetik. Das Spiel wurde dadurch bekanntermaßen groß und stark, aber was macht man mit dem unverwertbaren Rest? Richtig: Man scheißt ihn unbesehen zurück auf die Leinwand. Beim Film-Fäkal-Vergleich offenbaren sich in der Tat erstaunliche Parallelen: MAX PAYNE ist, wie Stuhl, monochrom (wenngleich nicht braun, sondern eisfarben), unförmig-weich (wenngleich nicht in figürlicher, sondern narrativer Hinsicht) und sorgt auf Dauer für Arschmuskelkater (wenngleich nicht in der Rosette, sondern im Sessel). Das Drehbuch enzymatisiert den Plot der Vorlage auf seine Schwundstufe zurück: Titelheld Max (Mark Wahlberg) ist ein miesepetriger Cold-Case-Detective, der seit Jahren mit den Zähnen mahlt, weil er den Mörder seiner Frau und Tochter immer noch nicht dingfest machen konnte. Durch Zufall (besser gesagt: Autorenwillkür) gerät er an eine gefährlich dreinschauende Ostblockbiene (Mila Kunis) und mit ihr auf die Spur einer brutalisierenden Designerdroge, deren User als Erkennungsmerkmal einen Walkürenflügel auf die Hand tätowiert haben – was verdächtig dem Logo jener Arzneimittelfirma ähnelt, für die Max' Frau tätig war. Na, ob da wohl ein Zusammenhang besteht?

Als halbwegs gewiefter Zuschauer reimt man sich den Rest der Geschichte schnell zusammen, was auch nötig ist, denn: Der Film selber interessiert sich scheinbar nicht die Bohne dafür. Lustlos und schludrig erzählt er seine Handlung weniger durch als vielmehr beiseite, wie ein Hindernis, das es vor dem finalen Shoot-Out noch schnell wegzuräumen gilt. Über eine Stunde lang ist Max dazu verdammt, ziellos durch eine bei SIN CITY abgekupferte faux noir-Kulisse zu stolpern, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass das Wetter immer beschissen ist, Männer breite Lederhosenträger anhaben und im Polizeibüro jede Tür mit einer beschrifteten Milchglasscheibe versehen ist. Praktisch motivationsfrei, da sein in goldenen Rückblenden verkitschtes Familientrauma nicht mal zum MacGuffin taugt, läuft Max durch x-beliebige Flure, durchforstet x-beliebige Akten und schnauzt x-beliebige Leute zusammen, die zwar immer einen Namen, aber keinen erkennbaren Handlungszusammenhang besitzen. Wozu auch? Sind ja bloß austauschbare Figurenhülsen, die das katastrophale Drehbuch immer dann in den Mix wirft, wenn mal wieder eine Lücke bis zum nächsten Plot Point zu füllen ist.
Selbige zieht sich der Film mit einer solch schamlosen Offenheit aus dem Arsch, dass man ihn dafür fast bewundern möchte. Nehmen wir zum Beispiel folgende Szene: Max möchte wissen, was es mit den Flügeltattoos auf sich hat. Zu diesem Behuf spaziert er in einen Tätowiersalon, dessen Inhaber händeringend Keith Richards imitiert, und bittet ihn um seinen Katalog. Natürlich findet sich das fragliche Tattoo – wohlgemerkt: das geheime Erkennungszeichen eines Drogenbundes – gleich auf der ersten Seite. Max zeigt auf das Bild – und im nächsten Moment zieht der Tätowierer ein Buch über nordische Mythologie unterm Tresen vor und doziert fachkundig über die Bedeutung von Walküren. So einfach kann man sich's machen!

Derart bemerkenswerte Konstruktionsfaulheit zieht sich hier durch sämtliche kreative Instanzen. Die Regie stochert blind in ein paar Inszenierungsideen herum, besitzt aber nicht die Ausdauer, eine solche mal länger als fünf Minuten durchzuziehen: Vorm Vorspann erzählt Max seine Geschichte per Voice-Over – danach nie wieder. In der ersten Prügelszene blitzt, wann immer er eins auf die Nuss kriegt, die Leinwand rot auf – danach nie wieder. Und beim Finale, wo Max selber unter Drogen steht und dabei Weltenbrand und Rachedämonen halluziniert, verschenkt der Film seine einzige Chance auf ein bisschen Anarchie: statt konsequenter Perspektivierung von Max' horrorvisionsgetränktem Blick werden bloß ein paar ausgelutschte CGI-Mätzchen zwischen die stockkonservative Außensicht gesprenkelt. Die Kamera bewegt sich den gesamten Film über zwar ununterbrochen, erzeugt aber statt Dynamik einen einschläfernden Zeigestock-Effekt: von Füßen, die gehen, gleitet sie zur Hand mit dem Schlüssel zur Tür, die sich öffnet, zum Auge, das sieht, zum Objekt, das gesehen wird. Dass es inmitten solch inkompetenter Herumprobiererei auch zwei, drei gelungene Momente gibt, ist quasi künstlerischer Kollateralschaden.
Darstellerisch ist ebenfalls alles im farblosen Bereich: Wahlberg, presslippig und mit gemeißelter Doppelfalte zwischen den Augenbrauen, sieht wie immer so aus, als käme er gerade vom Zahnarzt und hätte vergessen, sich die Wattebäusche aus den Backen entfernen zu lassen. Beau Bridges hat als Max' väterlicher Freund deutlich mehr Haare und sichtlich weniger Lust als vor 20 Jahren in den FABELHAFTEN BAKER BOYS, Ludacris sieht als hartgekochter Bulle in Stetson und Trenchcoat genau so aus, wie er heißt, und Mila Kunis' beeindruckendste Leistung besteht darin, ihre Augen trotz zentnerschwerem Lidschatten die ganze Zeit offen zu halten.

Wenn das bis zum Schluss aufgesparte Action-Rambazamba sich dann endlich Bahn bricht, ist es vor allem eines: infernalisch laut. Das wuchtige Sound Design bringt bei jedem Schuss die Ohren zum Bluten, und die Musik erhebt sich zu immer hysterischeren Crescendi. Um es jedoch mit dem Titel eines alten Disney-Streifens auszudrücken: Es kracht, es zischt, zu seh'n ist nischt. Beziehungsweise wenig mehr als Marky Mark, der sich endlos und stumpf ein Bürogebäude hochballert, Etage für Etage (oder Level für Level) in Schutt, Asche und herumwirbelndes Schreibmaschinenpapier legt, bis auf dem Dach der Endgegner harrt. Zwischendurch kommt, weil's halt sein muss, auch eine Art Bullet-Time-Update zum Einsatz, das man aber besser in Tea Time umgetauft hätte, denn: zwischen Mündungsfeuer und Einschlagspunkt vergeht so viel Zeit, dass man problemlos einen Earl Grey ziehen lassen könnte. Den kann man angesichts eines so kalten, einschläfernden Brockens wie MAX PAYNE auch dringend gebrauchen. Außerdem soll er ja wirklich gut für die Verdauung sein.











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