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SIN CITY (USA 2005)

von Hasko Baumann

Original Titel. SIN CITY
Laufzeit in Minuten. 124

Regie. ROBERT RODRIGUEZ . FRANK MILLER
Drehbuch. FRANK MILLER
Musik. ROBERT RODRIGUEZ . JOHN DEBNEY . GRAEME REVELL
Kamera. ROBERT RODRIGUEZ
Schnitt. ROBERT RODRIGUEZ
Darsteller. BRUCE WILLIS . MICKEY ROURKE . CLIVE OWEN . BENICIO DEL TORO u.a.

Review Datum. 2005-06-24
Kinostart Deutschland. 2005-08-11

SIN CITY ist vielleicht die werkgetreueste Comicverfilmung, die bisher das Licht der Leinwand erblickt hat. Diese Tatsache ist aber nicht unbedingt hundertprozentig positiv zu bewerten. In vielerlei Hinsicht muß sich Robert Rodriguez die Vorwürfe gefallen lassen, die ihm bei FROM DUSK TILL DAWN zu Unrecht gemacht wurden: Daß er hier unbändigen Spaß bei der Kreation von the ultimate cool gehabt hat, sich der Spaß aber nicht immer auf den Zuschauer überträgt. Der Look stimmt allerdings: In seiner erfolgreichen Suche nach einem visuellen Konzept, das dem Comic gerecht wird und dennoch absolut filmisch bleibt, ist SIN CITY nur mit Warren Beattys DICK TRACY vergleichbar. Und natürlich ist SIN CITY ein schnittiger Rennwagen, der Beattys Dampflok in einer Wolke aus Blut und Schweiß hinter sich läßt.

Rodriguez hat Frank Millers Stil als so bestimmend für seine Umsetzung anerkannt, daß er freiwillig aus der Gewerkschaft ausgetreten ist, um Miller einen Co-Regie-Credit geben zu können. Es heißt, die beiden hätten die drei im Film verwendeten SIN CITY-Geschichten zuerst in voller Länge verfilmt und dann erst für die Spielfilmlänge gekürzt. Die Episoden "The Hard Goodbye", "The Big Fat Kill" und "That Yellow Bastard" werden eingerahmt von "The Customer Is Always Right" mit Josh Hartnett als Killer. Alle Geschichten sind angesiedelt in Millers fiktionaler Film Noir-Stadt, die zeitlich nicht einzuordnen ist und eine Welt voller Zynismus und Gewalt zeigt.

THE HARD GOODBYE
Marv (Mickey Rourke) erwacht neben der Leiche seiner geliebten Goldie. Um sich zu rächen, tritt er ein Blutbad nach dem anderen los. Als grobschlächtiger, ultrabrutaler Kraftprotz Marv liefert Mickey Rourke eine sensationelle Leistung, eine der besten seiner an Glanzleistungen gar nicht so armen Karriere. Marv - die einzige wirklich mehrdimensionale Figur des Films - wird durch Rourke auch unter Tonnen von Latex zum Leben erweckt und bringt SIN CITY den Humor, den der Film im Folgenden vermissen läßt. Hinzu kommt, daß Elijah Wood als Killer unfaßbar creepy ist, was man so nicht erwartet hätte. Diese Augen! "The Hard Goodbye" zählt, nur für sich, definitiv zu den besten Filmen des Jahres.

THE BIG FAT KILL
Favorit vieler Comicfans, aber definitiv das schwächste Glied im Film: Im Bezirk der Nutten läßt der falsche Typ das Leben, und Dwight (Clive Owen) sieht sich im Zentrum eines beginnenden Krieges zwischen Mafia und Cops. In ihrer Blutrunst zu sehr auf den billigen Lacher bedacht, fliegt diese Episode irgendwann vom Gleis. Die von Gastregisseur Quentin Tarantino inszenierte Szene mit Owen und Benicio Del Toro im Auto ist die einzig mißlungene Sequenz im ganzen Film. Tarantino kann mit Rodriguez' Gaspedal-Rhythmus nichts anfangen und liegt völlig neben dem Beat. Owen und Del Toro (völlig wahnsinnig und definitiv nicht attraktiv) sind hingegen im Groove.

THAT YELLOW BASTARD
Mit dieser Episode fängt SIN CITY an, wird aber dann unterbrochen von den zwei vorangegangenen. Der selbstlose Bulle Hartigan (Bruce Willis) wird unschuldig verurteilt und kommt erst wieder aus dem Knast, als er die Verbrechen gesteht, die er nie begangen hat. Um seinen Schützling Nancy (Jessica Alba) zu suchen, läßt er sich auf diesen schmutzigen Deal ein. Aber ein korrupter Senator (Powers Boothe) und ein "Gelber Bastard" (Nick Stahl) - dessen Identität ich nicht näher bezeichnen möchte - wollen beide tot sehen. Die Episode lebt von Willis und seiner unendlichen Melancholie; man fühlt sich an seine Darstellung in PULP FICTION erinnert. Jessica Alba mag sexy sein, ist schauspielerisch aber - gerade in diesem schwergewichtigen Umfeld - ein Totalausfall, der einzige in diesem Ensemble.

SIN CITY ist aus mehreren Gründen sehenswert: Die Besetzung ist fantastisch und wartet mit Schauspielern in bester Laune auf (mit dabei sind auch Rutger Hauer, Michael Clarke Duncan, Brittany Murphy, Rosario Dawson und Michael Madsen); der Look des Films ist einzigartig; der Umgang mit der Vorlage ist liebevoll und akkurat. So wird zum Beispiel Dwights Monolog aus der Geschichte "A Dame To Kill For" in "The Hard Goodbye" integriert, um Marv noch besser zu charakterisieren, und die Kneipe benutzt, um alle Figuren einmal zusammenzubringen. Aber das Akkurate geht auf Kosten der Emotion. Irgendwann in der Mitte läßt einen der Film los. Was mit Mickey Rourke so mitreißend war, verschwindet bei "The Big Fat Kill" nach und nach, und selbst Willis' Episode hat Schwierigkeiten, einen zurückzuholen. Die fast pausenlose Präsentation von Sexismus und Gewalt, von Kastrationen, Amputationen und Axthieben führt beinahe zum Overkill und damit zur Gleichgültigkeit. Es fehlen die Höhepunkte, es sei denn, man dreht schon am Rad, wenn Willis jemand die Eier abreißt. Hinzu kommt, daß SIN CITY genug furztrockene Off-Monologe hat, um ein Dutzend Dashiell Hammett-Verfilmungen zu füllen, und damit gelegentlich für leichten Verdruß sorgt.

Robert Rodriguez zementiert seinen Ruf als einfallsreicher und technisch versierter Filmemacher. Nach Ansicht von SIN CITY kann man kaum seiner These, es gebe keine Gründe für ihn, auf Film zu drehen, kaum widersprechen. Ich wage nicht zu vermuten, wie viele von uns dern Film gar nicht als digital erkannt hätten. Die mitunter aufkommende Leblosigkeit von SIN CITY begründet sich jedenfalls nicht im Formalen. Schon gar nicht in den schauspielerischen Leistungen. Nein, es ist die Strebsamkeit. Werktreue kann manchmal herzlos sein.











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