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LUZ (Deutschland 2018)

von André Becker

Original Titel. LUZ
Laufzeit in Minuten. 70

Regie. TILMAN SINGER
Drehbuch. TILMAN SINGER
Musik. SIMON WASKOW
Kamera. PAUL FALTZ
Schnitt. FABIAN PODESZWA . TILMAN SINGER
Darsteller. LUANA VELIS . JAN BLUTHARDT . JULIA RIEDLER . JOHANNES BENECKE u.a.

Review Datum. 2018-08-11
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Das Thema der Filmförderung und ihrer hierzulande als restriktiv beklagten Voraussetzungen ist ein Fass ohne Boden. Egal ob amateurhaft anmutender Splatter oder ambitioniert angelegtes Nachwuchswerk, früher oder später folgt in fast jeder Rezension zu deutschen Genre-Filmen der Verweis auf die fehlende/kaum vorhandene Förderung bzw. die notgedrungene Finanzierung über alternative Wege. Oder eben die Bemerkung, dass bei der Produktion mit ausgesprochen begrenzten Mitteln gearbeitet wurde und dies doch bitte beim Endergebnis berücksichtigt werden müsse.

LUZ von Tilmann Singer gehört klar in die No-Budget-Kategorie. Aber welche Rolle spielt das eigentlich? Keine, wenn man ehrlich ist und sich unvoreingenommen auf das Gezeigte einlassen will. Insofern soll dieses leidige Dauerthema zum deutschen/deutschsprachigen Genre-Film hier ausnahmsweise mal komplett außen vor bleiben. Das ist ein Versprechen.

Singers bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" aufgeführter Debüt-Film wird jedenfalls gehörig polarisieren. Was die einen als kunstvoll arrangiertes, schwer zu entschlüsselndes Spiel mit Genre-Motiven und deren Vorzeichen würdigen werden, bewerten die anderen höchstwahrscheinlich als anstrengend verkopftes Wirrwarr zwischen Arthouse und Horrorthriller. Die Wahrheit liegt, wie man so schön dahinplappert, wohl irgendwo dazwischen.

Singers unaufgeregter, aber gleichsam sehr fokussierter Inszenierung ist es zu verdanken, dass der Zuschauer trotz des recht konfus ablaufenden Plots nicht das Interesse verliert. Die ersten Minuten sind sogar ausgesprochen vielversprechend. Eine junge Frau spricht mysteriöse Worte in einem fast menschenleeren Vorraum, der wie das kafkaeske Abbild einer Behördenhölle wirkt. Ein namenloser noch anwesender Mann reagiert wie aus der Welt gefallen. Die Spannung auf das, was da noch kommen mag, bleibt auch in den darauf folgenden Sequenzen hoch.

Ein harter Schnitt markiert den Wechsel in eine schummrige, fast menschenleere Bar. Hier trifft ein schon leicht angesäuselter Polizei-Psychotherapeut mit Namen Dr. Rossini (Jan Bluthardt) auf die aufdringliche, gleichsam grazile und verführerische Nora (Julia Riedler), die ihm von ihrer Schulkameradin Luz (Luana Velis) erzählt. Ein unscheinbares Mädchen, das angeblich von einem Dämon heimgesucht wurde. Einem Dämon, der noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist. Diese Offenlegung markiert den Beginn einer ereignisreichen Nacht. Luz wird schneller als gedacht in das Leben des Therapeuten treten. Im Rahmen einer Therapiesitzung wird die als Taxifahrerin arbeitende Luz mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Mit unvorhergesehenen Konsequenzen für alle Beteiligten.

Gutes Kino ist nicht nur Gegenwartsdiagnose, sondern ebenfalls Spiegel und Verstärker. Ein Referenzraum, der alles aufnimmt und zurückgibt, was ihn umgibt und beeinflusst. Im Falle von LUZ sind das vermeintlich schwere Themen wie Katholizismus, Psychotherapie und die Furcht vor den dunklen Seiten der Seele, eingespeist in einen reißenden Strom unterschiedlicher Wahrnehmungsebenen. Was ist real, was entspringt den spezifischen Prämissen der therapeutischen Behandlung? Und zuletzt: wer manipuliert hier eigentlich wen? Fragen, die Singer unbeantwortet kreisen lässt und die mitunter bleischwer werden. Spätestens ab der Hälfte der sehr kurzen Laufzeit von nur 70 Minuten bleibt man ein wenig allein gelassen mit der Frage, wohin das alles überhaupt führen soll. Und vor allem: was der Film eigentlich noch sagen will.

Stilistisch gesehen ist LUZ vom Ästhetik-Verständnis der achtziger Jahre geprägt. Bereits die Szenen in der Bar sind in ihrer kühlen Bildsprache tief in der ästhetischen Ausdrucksweise dieses Jahrzehnts verwurzelt. Singer beweist hier große Kunst darin Kleines groß wirken zu lassen. Da wird eine noch so profane Handlung wie die Art der Einnahme eins Cocktails bedeutungsvoll. Im Filmverlauf bleibt diese sehr einnehmende inszenatorische Haltung bestehen. Beachtlich für einen Debütfilm. Was man Singer vorwerfen kann ist, dass er die verschiedenen Genre-Elemente ein wenig pflichtschuldig präsentiert. Das wäre nicht nötig gewesen, rückt den Film damit aber wieder in eine Sphäre, die das Gezeigte zugänglicher werden lässt. Wohl oder übel muss man dies dann als Versöhnungsgeste in Richtung des Genrefilm-Publikums werten. Eine Versöhnungsgeste, die allerdings kaum zum Ziel führt. Diejenigen, die sich bis dahin noch nicht von diesem Hybrid aus Kammerspiel, Horror und Psychogram abgeholt fühlen, werden auch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu Befürwortern.

LUZ ist deshalb ein Film, den man nicht mögen, aber den man schätzen sollte. Und von Tilmann Singer wird man noch hören. Der deutsche Genrefilm-Nachwuchs bleibt in Bewegung. Auch für sperrige, uneindeutige Spielarten scheint Platz. Junge, mutige Filmemacher (zu denen sicherlich ebenso Lukas Feigelfeld mit HAGAZUSSA - DER HEXENFLUCH gehört) sorgen neben auf pures Entertainment gepolten Produktionen für eine angenehm vielgestaltige Diversität. Das ist eine gute Nachricht, die hoffen lässt, dass für die Zukunft des deutschen Genre-Films noch nicht das Letzte Wort gesprochen ist.











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