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LE PASSÉ - DAS VERGANGENE (Frankreich/Italien 2013)

von Björn Lahrmann

Original Titel. LE PASSÉ
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. ASGHAR FARHADI
Drehbuch. ASGHAR FARHADI . MASSOUMEH LAHIDJI
Musik. EVGUENI GALPERINE . YOULI GALPERINE
Kamera. MAHMOUD KALARI
Schnitt. JULIETTE WELFLING
Darsteller. ALI MOSAFFA . BÉRÉNICE BEJO . TAHAR RAHIM . PAULINE BURLET u.a.

Review Datum. 2014-01-06
Kinostart Deutschland. 2014-01-30

Ahmad aus Teheran kocht Ghormeh Sabzi im Haus seiner Exfrau Marie im Pariser Vorort Sèvres. Er kocht gut, er kocht gern, er redet und erklärt dabei unentwegt: Marie, dass man Sabzi mit dem Löffel isst und nicht mit der Gabel, den Kindern - Léa und Lucie, die Ahmad bis vor vier Jahren zum Stiefvater und offenbar sehr lieb hatten, sowie Fouad, dem mürrischen Söhnchen von Maries Neuem -, warum es wirklich schmackhaftes Sabzi nur im Iran gibt, nicht in Frankreich. Wie es dort, im Iran, denn so allgemein sei, will Fouad wissen.

Cut.

Ein Schnitt sagt mehr als tausend Worte in LE PASSÉ - DAS VERGANGENE, einem Film, der ganz von Gesprächen, Aussprachen, Zu-Ende-Gesprochenem lebt. Asghar Farhadis Nachfolger zum lob- wie preisüberhäuften NADER UND SIMIN - EINE TRENNUNG ist erneut ein Autorenwerk klassischen Zuschnitts, nach allen Regeln der aristotelischen Kunst verfertigt; nur die Iranfrage bleibt unbeantwortet als einzige Leerstelle im sonst wahrlich lückenlosen Skript. Man kann das als Kommentar qua Kommentarenthaltung verstehen oder aber als Eingeständnis, schlicht und einfach kein Verlangen nach politischer Konfrontation und den damit verbundenen Repressalien zu haben (siehe Jafar Panahi, Mohammad Rasoulof).

Schon im vordergründig kulturspezifischen Vorgänger galt Farhadis eigentliches Interesse dem Universalzwischenmenschlichen. LE PASSÉ nun, in Frankreich auf Französisch gedreht, könnte überall spielen, wo es Patchworkfamilien gibt. Die schwer eiernde Dynamik zwischen mehr oder weniger erziehungsberechtigten Fremden und eher weniger erziehungswilligen Kindern wird von Ahmad - zu Besuch, um die nie amtlich gemachte Scheidung von Marie zu finalisieren - noch zusätzlich aus der Balance gebracht. Als Bühne und Katalysator der interfamiliären Unwuchten dient das von Farhadi meisterlich in Szene gesetzte Haus, unfertig wie die Lebensumstände seiner Bewohner, verwinkelt und hellhörig zugleich: Aus der nach innen offenen Mezzaninküche kann man beispielsweise unbeobachtet den gesamten Hof überblicken, aber auch von überall belauscht werden.

Ein Heim also wie gemacht für dunkle Heimlichkeiten und deren zwangsläufiges Auffliegen. Reicht zu Beginn noch die ungewohnte Bettensituation, um für Reibung zu sorgen, muss bald eine melodramatische Komplikation her, die das locker gewobene character piece zum enggeschnürten human drama zurechtzurrt: Samir, Maries Freund und Vater Fouads, hat noch eine andere Frau, die im Koma liegt. Wie von Farhadi mittlerweile gewohnt, ist das nur die erste von zahl- und folgenreichen Enthüllungen, die wie in Reihe geschaltete Sprengsätze immer neue moralische Abgründe aufreißen. Die Vergleiche mit modernen Dramatikern wie Tschechow oder Ibsen kommen nicht von ungefähr, wobei der Hang zum Twistüberschuss mittels verräterischer Objekte eher noch an die Boulevardkomödien Oscar Wildes erinnert (was damals Briefe und Broschen, sind heute E-Mails und Kleider aus der chemischen Reinigung).

Erzählerisch raffiniert, well-written, zum Miträtseln unterhaltsam etc. ist das allemal, spannt die anfangs so reizvoll widerspenstigen Figuren aber auch verflucht stramm auf die Drehbuchfolter, macht aus Akteuren mit eigenem Kopf und Temperament bloße Reagiermaschinen aufs jüngste Dilemma - Schreianfall und Beruhigungszigarette inklusive. Freilich, könnte man einwenden, liegt gerade darin eine thematische Pointe des Films: dass man Geschehenes nicht ungeschehen machen kann; dass das Vergangene einen fest im Griff hat, egal wie frei und ungebunden man im postfamilialen Zeitalter auch zwischen Orten, Menschen, Leben hin- und herflottieren mag. Ob der messiness dieses höchst gegenwärtigen Zustands jedoch ausgerechnet mit jahrhundertealten Theatertechniken beizukommen ist, bleibt offen, bis der Vorhang fällt.











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