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LARGO WINCH (Frankreich 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. LARGO WINCH
Laufzeit in Minuten. 108

Regie. JÉRÔME SALLE
Drehbuch. JULIEN RAPPENEAU . JÉRÔME SALLE
Musik. ALEXANDRE DESPLAT
Kamera. DENIS ROUDEN
Schnitt. RICHARD MARIZY
Darsteller. TOMER SISLEY . KRISTIN SCOTT THOMAS . MIKI MANOJLOVICH . MÉLANIE THIERRY u.a.

Review Datum. 2009-09-06
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

So fängt es an: Ein Tod, eine Geburt, eine Verfolgungsjagd, ein Fick. Das ist im Grunde schon alles, was es braucht zum Glücklichsein im roten Polstersessel. Insofern schade, dass LARGO WINCH nach diesen fünf Ultrazeitrafferminuten noch 100 weitere in Subnormaltempo zu füllen hat. Da tun dann ein paar Franzosen so, als wären sie James Bond und reden die Hälfte der Zeit auch noch Englisch, was man ja im Kopf nicht aushält. Im Zentrum steht, wie sich das gehört, der Titelheld (Tomer Sisley), der sich am Anfang als Largo und am Ende als Winch vorstellt – was die Vermutung nahelegt, dass dieser Film im Kern eine Familiengeschichte erzählt.

Tatsächlich ist das so verkehrt nicht. So nämlich fängt es, noch einmal, an: Nerio Winch (Walter-Matthau-Lookalike Miki Manojlovic), Kopf eines milliardenschweren multinationalen Konsortiums, kommt unter gewaltsamen Umständen ums Leben. Die Aktionäre reiben sich in Nachfolgedingen schon gierig die Schwänze, als Winchs rechte Hand Ann Ferguson (Kristin Scott Thomas) ankündigt, Nerios bis dato geheim gehaltener Adoptivsohn Largo werde die Unternehmensmehrheit bekommen. Dieser führt derweil ein Leben als finanziell unabhängiger Weltenbummler, der weder zu spontanen Prügeleien noch zu unverhofft vorgefundenen Betthaserln im Hotelzimmer nein sagen kann; eine Kombination aus beidem hat ihn zuletzt in einen lateinamerikanischen (oder zentralasiatischen oder südeuropäischen, man kommt da schnell durcheinander) Knast gebracht. Als er vom Tod seines Ziehvaters erfährt, büchst er aus und schwört Rache an den unbekannten Tätern. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf eine Spur, die in seine eigene Kindheit zurück führt.

LARGO WINCH ist eine französische Comicverfilmung, die weder sonderlich französisch noch sonderlich nach Comic aussieht. Sie ist, auf den Punkt gebracht, überhaupt nicht sonderlich, sondern zutiefst durchschnittlich. Da kann Largo noch so oft wiederholen, er habe seine "eigenen Methoden": tatsächlich paust und posed er die ganze Zeit nur die genormten Statuten des IAS (Internationaler Agentenfilmstandard) ab. Der Film erlaubt sich dabei auf öde, musterschülerhafte Weise keinerlei Fehler, wie ein Tourist, der gewissenhaft das Phrasenwörterbuch nachbuchstabiert: Barrymusik Speedboat Helikopterschwenk. Hongkong Liechtenstein Südsee. Verliebt Versteckt Verraten. Schön und smart sind alle Darsteller, malerisch fotografiert die 1001 exotischen Kulissen, fachmännisch serviert die Actionsequenzen, mit denen allerdings im Vergleich zu anderen gallischen Brettern der letzten Zeit eher geknausert wird. Dazwischen bekommt man, passend unsexy zur Wirtschaftskrise, viel steifes Shareholderpalaver zu hören, von Prozenten und Anleihen und Vorstandsvorsitz. Wie schön war das, als es in Filmen ähnlicher Couleur noch darum ging, Fort Knox auszuräumen oder mit einem dildoförmigen Superlaser die Kolchosen zu pulverisieren!

A propos: Wenn irgend etwas an LARGO WINCH tatsächliches Interesse verdient, dann sein Verhältnis zur eigenen Genretradition. Der Trend geht, kurz gefasst, zum Privaten: Wo in klassischen Spionagestreifen zumeist nationale und internationale Interessen auf dem Spiel standen, haben sich die neuen Helden aller überindividuellen Allianzen entledigt (neben Jason Bourne siehe etwa auch das jüngste Bond-Abenteuer EIN QUANTUM TROST). Ihr souveränes Jetset-Gebaren auf dem globalen Parkett ist kein Anzeichen professioneller Chamäleonhaftigkeit mehr, sondern Spiegel einer zersplitterten Psyche, für die Weltbürgertum nur noch Heimatlosigkeit zu bedeuten hat. Largo ist ein idealtypischer Vertreter dieser Spezies: Er ist ein Waisenkind mit gemischten Wurzeln, vom franko-serbischen Boss eines Weltkonzerns als Statthalter adoptiert, aufgewachsen aber in der Obhut eines befreundeten kroatischen Ehepaars. Der Film übersetzt seine zerrissene Lebensgeschichte in eine verschachtelte Rückblendenstruktur, die im derzeitigen Hollywood wohl als Prequel ausgelagert worden wäre, hier aber das Mark der Erzählung bildet.

Largos Versuch, die Mörder seines Vaters dingfest zu machen, ist somit zugleich auch Versuch der Aussöhnung mit seiner eigenen Biografie. Es geht darum, den Wust an möglichen Identitäten in einem stabilen Ich zu bündeln, ebenso wie darum, die Bedrohung, die bald von allen Seiten auf Largo einschießt, -schubst und -sticht, auf einen handlichen Einzelbösewicht runterzudampfen. Doch obwohl sogleich ein heißer Anwärter auf der Bildfläche erscheint – inklusive Bösewichtsnamen ("Korsky"!), Bösewichtspockennarben und Bösewichtsliebchen (Mélanie Thierry) –, haben sich auch hier die Regeln geändert: Im Rahmen eines autobiografischen Projekts nämlich ist es nur logisch, die faulen Früchte im eigenen Stammbaum zu suchen. Ein permanentes Enttarnen und Maskenabreißen durchzieht Largos Jagd, an deren Ende er doch wieder ganz allein da stehen wird. Ironie des Helden: Alle Mühen, einen Platz in der Welt für sich zu finden, führen letztlich dazu, immer weiter laufen zu müssen – geradewegs in die bereits angekündigte Fortsetzung hinein.











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