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LAKEVIEW TERRACE (USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. LAKEVIEW TERRACE
Laufzeit in Minuten. 110

Regie. NEIL LABUTE
Drehbuch. DAVID LOUGHERY . HOWARD KORDER
Musik. MYCHAEL DANNA . JEFF DANNA
Kamera. ROGIER STOFFERS
Schnitt. JOEL PLOTCH
Darsteller. SAMUEL L. JACKSON . PATRICK WILSON . KERRY WASHINGTON . RON GLASS u.a.

Review Datum. 2008-11-11
Kinostart Deutschland. 2008-12-18

Abel Turner (Samuel L. Jackson) liebt seine kleine, saubere Wendehammersiedlung in den Hügeln von Los Angeles, wo das Gras noch die Farbe von Dollarscheinen hat. Kein Wunder, dass es nicht gerade ein Vergnügen ist, ihn zum Nachbarn zu haben: Wie jeder Dorfsheriff ist er von Natur aus rechthaberisch, penibel, rassistisch, autoritär und hat, weil er als Streifenpolizist in Downtown L.A. Dienst schiebt, insgesamt eine verflucht kurze Zündschnur. Als das arglose, grundputzige Yuppie-Pärchen Chris (Patrick Wilson) und Lisa (Kerry Washington) nebenan einzieht und ein für Abels Geschmack allzu liberales Verhalten an den Tag legt – Falschparken, Zigarettenkippen auf die Straße schnipsen, im frei einsehbaren Pool rumschnackseln –, ist Zank nicht mehr fern. Zuerst sind es nur die Sicherheitsscheinwerfer, die von Abels Privatfestung ins nachbarliche Schlafgemach blenden, bald darauf zerstochene Autoreifen, bis es schließlich zu offenen Drohungen kommt.

Das alles ließe auf einen dreckigen kleinen Nachbarschaftsterror-Thriller in der Gefolgschaft von STRAW DOGS hoffen – wenn, ja wenn da nicht die ach-so-provokante Hautfarbenverteilung wäre: Abel, der reaktionäre Spießer mit Plauze und Gartenschlauch, ist kein tumber Redneck, sondern ein großer, schwarzer Mann. Chris dagegen ist weiß und weichlich, Lisa wiederum schwarz und schön, und spätestens wenn Abel beim Anblick dieser fleischgewordenen Mischbeziehungsutopie der blanke, irrationale Hass in den Augen aufflackert, weiß jeder, der L.A. CRASH mit eingeschaltetem Hirn gesehen hat, was ihm jetzt blüht: mit sozialen Reizwörtern zugepflasterte Holzhammerdidaktik, lahmarschige Vorurteilsbeschau auf ungefährlichem PG13-Niveau – Schwarz-Weiß-Malen nach Zahlen, eben.

Chris übernimmt dabei die Rolle des Durchschnittsdemokraten mit allzu offensichtlichem white guilt-Komplex, den er durch Anbiederung an die schwarze Subkultur zu kompensieren versucht: er hört heimlich R 'n' B und kann aus dem Effeff Rodney King zitieren, jenen Schwarzen, dessen Verprügelung durch weiße Polizisten als Auslöser der 1992er Rassenunruhen in L.A. gilt. Lisa gibt währenddessen Abels pubertierender Tochter multikulturelle Toleranztipps, die sich allerdings auf die Einsicht beschränken, dass auch weiße Jungs voll süß sein können. Und sobald man mittels einer hanebüchen konstruierten Vorgeschichte erfährt, dass Abels widersprüchlicher Black-Bullenschwein-Rassismus nicht etwa sozial, sondern ganz und gar individuell motiviert ist, löst sich die ethnografische Agenda des Films ohnehin in den Rauch jener Waldbrände auf, die als grotesk aufdringliche Metapher für besagte Unruhen ständig im Bildhintergrund wüten. In solchen Momenten sieht man förmlich vor sich, wie die Autoren ihren Drehbuch-Pitch mit dem Satz beschließen: "Wir wollen die Leute zum Nachdenken anregen."

Wehe dem, der dieser Weisung folgt: je mehr man über LAKEVIEW TERRACE tatsächlich nachdenkt, desto schneller entpuppt er sich als unterkomplexe Negativvariante der Cosby-Show. Als Thriller funktioniert das Ganze ein wenig besser, was vorrangig den vorzüglichen Darstellern zu verdanken ist: Jackson dabei zuzusehen, wie er in Sekundenschnelle von jovialer Schulterklopferei zum Ingrimm Gottes umschaltet, ist wie immer eine wahre Freude, und Wilsons überforderter Berkeley-Streber, der sich peu à peu zum rebel with a cause wandelt, ist der perfekte Widerpart. Hier offenbart sich denn auch der eigentliche Kern des Films: ein klassischer Generationenkonflikt nämlich, in dem Chris, dessen Probezeit des Erwachsenseins gerade erst begonnen hat, sich gegen eine übermächtige Vaterfigur behaupten muss. Leider schaltet das Drehbuch auch hier auf Hörfilm-für-Sehbehinderte-Modus, bricht einen Ehekonflikt übers Kinderkriegen und Spannungen mit dem Schwiegerpapa vom Zaun, bis auch wirklich der letzte Zuschauer begriffen hat: Ödipus, ick hör dir trapsen.

Ohnehin ist dies ein Film des Nahe- und Nächstliegenden, einer, wo Leute, die ihren Kindern Slanggebrauch verbietet, automatisch Republikaner und Frauen, die kotzen, automatisch schwanger sind. Die Zuspitzung des nachbarlichen Kleinkriegs gelingt zwar halbwegs wohltemperiert und streckenweise durchaus spannend, jedoch bürgt schon die niedrige US-Jugendfreigabe dafür, dass man sich allzu heftige Gewalteskalationen gleich abschminken kann. Tatsächlich passiert wenig, was Barbara Salesch nicht mal eben in der Mittagspause richten könnte – ein bisschen Ruhestörung hier, ein paar Beleidigungen da, und kurz vorm Höhepunkt zofft man sich allen Ernstes um einen unsachgemäß gepflanzten Baum, der über den Gartenzaun wuchert. Letztlich ist dies die eigentliche Provokation von LAKEVIEW TERRACE: dass sich hinter der sozialpolitischen Kontroverse, um die es ihm angeblich geht, ein Lippenbekenntnis verbirgt und ihm für den taffen Genrestreifen, der er gern sein würde, schlicht und ergreifend die Zähne fehlen.











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