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KNOCK KNOCK (USA/Chile 2015)

von André Becker

Original Titel. KNOCK KNOCK
Laufzeit in Minuten. 99

Regie. ELI ROTH
Drehbuch. ELI ROTH . NICOLÁS LÓPEZ . GUILLERMO AMOEDO
Musik. MANUEL RIVEIRO
Kamera. ANTONIO QUERCIA
Schnitt. DIEGO MACHO
Darsteller. KEANU REEVES . LORENZA IZZO . ANA DE ARMAS . AARON BURNS u.a.

Review Datum. 2015-12-04
Kinostart Deutschland. 2015-12-10

Kaum ein anderer Genre-Regisseur hat Publikum und Kritik in den letzten Jahren so gespalten wie Eli Roth. Entweder gehasst oder bewundert, wurde der einstige Protegé von Quentin Tarantino wahlweise als Erneuerer des Horror-Kinos, oder als talentloser Schundfilmer von gewaltpornografischen B-Filmen bezeichnet. Wie so oft liegt die (vermeintliche) Wahrheit irgendwo dazwischen. Zweifelsohne hat Roth mit seiner grobschlächtigen Tour de force HOSTEL einen Trend losgetreten, der dafür gesorgt hat, dass selbst Jahre später noch dutzende ähnlich gelagerte Machwerke die damals aufgegriffenen Motive und Mechanismen bedienen.

Das allein reicht jedoch nicht, um das ganze Trara zu rechtfertigen, welches immer noch entsteht, wenn der Regisseur neuen Output ankündigt. Insbesondere da Roth sich in seiner weiteren Karriere als Filmemacher (womit gleichfalls seine Tätigkeit als Produzent gemeint ist) nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Tatsächlich gelingt ihm mit seinem neuesten Werk aber ausnahmsweise mal eine echte Überraschung. Der Psychothriller KNOCK KNOCK verzichtet komplett auf Exzesse aller Art und präsentiert stattdessen eine straight erzählte, komplett humorlose, Home-Invasion-Story, die mit fortschreitender Laufzeit gar die Moralkeule hervorkramt.

Männer sind Schweine. Frauen sind aber auch nicht ohne. So oder so ähnlich ließe sich die Stoßrichtung des Films zusammenfassen. Keanu Reeves spielt darin den fürsorglichen Familienvater Evan Webber. Gleich die ersten Szenen suggerieren uns, dass er Frau und Kinder über alles liebt, obwohl diese gerne mal ins Zimmer platzen, wenn es bei ihm und seiner besseren Hälfte mal intim wird. Ein richtiger Vorzeigedad also? Nicht ganz, denn als die Family ihn mal für eine Nacht allein in der noblen Vorstadtbehausung lassen, schafft es der attraktive Mittvierziger nicht der sexuellen Verlockung von zwei jungen Damen zu widerstehen, die plötzlich vor seiner Haustür stehen und um Schutz vor dem Regen bitten. Das kleine Stelldichein mit den Mädels hat allerdings Folgen. Statt am nächsten Morgen brav zu verschwinden beginnen die Beiden ein grausames Spiel, dass für Evan zu einem einzigen Alptraum wird.

Roth als ernsthafter Filmemacher? Kann das klappen, oder liegt der Fehler hier bereits in der Annahme, dass der Horror-Regisseur mehr drauf hat als die voyeuristische Zurschaustellung drastischer Gewalt? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach. KNOCK KNOCK ist durchaus solide gefilmt und nicht unspannend erzählt. Zudem knallt Roth dem Zuschauer sehr effizient den Terror, der von den beiden Girls ausgeht um die Ohren. Obwohl Reeves eigentlich als schwanzgesteuerter Bock (der natürlich zunächst den Verführungskünsten seiner Besucherinnen widersteht) dargestellt wird, weiß er die Sympathien doch auf seiner Seite. Lorenza Izzo und Ana De Armas als mörderische Sirenen sind dagegen als sadistische Teufelinnen angelegt, die einzig und allein darauf aus sind den alsbald reuevollen Evan zu quälen und zu terrorisieren. Erwartungsgemäß steht dahinter natürlich ein tieferer Plan, den Roth dem Publikum am Ende sehr unmittelbar um die Ohren haut.

Sehr ärgerlich ist hingegen, dass der Film seine Geschlechterbilder sehr rudimentär gestaltet und diesbezüglich wenig progressiv vorgeht. Aus der Umkehrung der Zuschreibung eines schwachen und starken Geschlechts bleibt kaum etwas hängen, außer der perfiden Vorgehensweise der weiblichen Eindringlinge. Schuld und Sühne sind streng genderspezifisch konnotiert, die Chance Rollenmuster gezielt aufzubrechen oder zu persiflieren hängt zwar in den Bilder, wird von Roth allerdings nicht (bewusst oder unbewusst) aufgegriffen. Somit bleibt der Eindruck einer stark vereinfachten Perspektive auf vornehmlich weibliche Stereotype.

Das an sich wäre nicht weiter dramatisch, wenn KNOCK KNOCK als der Exploitationfilm daherkommen würde, den man von einem Regisseur wie Eli Roth erwartet hätte. Aber nein, sein Film, will eben gerade kein naives und plakatives Sex- und Gewaltspektakel, sondern ein ernstzunehmender Thriller mit Message sein. Letzteres wird aber immer wieder dann durch die schlussendlich doch reichlich plumpe Inszenierung konterkariert, die speziell im letzten Drittel in geradezu lächerliche Ausreißer abdriftet. Nicht wirklich förderlich sind in diesem Zusammenhang ebenfalls die Rückgriffe auf das was Roth unter Moral versteht. Für das Stammpublikum, das seine Filme abgefeiert hat ist die Produktion dagegen viel zu zahm. Sei es in den Sexszenen oder der Darstellung physischer Gewalt. Diese Ja, Ich-kann-auch-anders-Attitüde wirkt dabei oftmals aufgesetzt. Mitunter scheint es, als folge der Regisseur dieser Richtschnur nur widerwillig, um der Welt endlich zu beweisen, dass er mehr kann als filmischen Ramsch aus dem Guilty-Pleasure-Segment auf den Markt zu schmeißen.

KNOCK KNOCK vermeidet zwar großartige Längen, so dass man dem Psychothriller einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Auch die weiblichen Hauptrollen überzeugen (was man von Keanu Reeves nur bedingt behaupten kann). In der Gesamtbetrachtung überwiegen aber die negativen Aspekte und das Unvermögen von Roth seinen Film auf eine qualitativ solide Basis zu stellen. Das der Regisseur versucht hat die an ihn gestellte Erwartungen zu unterlaufen ist durchaus löblich. Das Ergebnis zeigt aber, dass er noch massig Übung nötig hat um hier wirklich punkten zu können.











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