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INSIDE LLEWYN DAVIS (USA 2013)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. INSIDE LLEWYN DAVIS
Laufzeit in Minuten. 105

Regie. ETHAN COEN . JOEL COEN
Drehbuch. ETHAN COEN . JOEL COEN
Musik. T-BONE BURNETT . MARCUS MUMFORD
Kamera. BRUNO DELBONNEL
Schnitt. ETHAN COEN . JOEL COEN
Darsteller. OSCAR ISAAC . CAREY MULLIGAN . JUSTIN TIMBERLAKE . JOHN GOODMAN u.a.

Review Datum. 2013-12-02
Kinostart Deutschland. 2013-12-05

Recht spät in INSIDE LLEWYN DAVIS gibt es eine längere Sequenz, in der Oscar Isaacs Titelheld einen langen, ermüdenden Road Trip von New York nach Chicago mit einem reichen Heroin-Abhängigen (John Goodman) und dessen Fahrer (Garrett Hedlund) unternimmt. Goodmans Figur redet unentwegt auf Llewyn ein, in einem endlosen Monolog ge-spickt mit homophoben, rassistischen und antisemitischen Bemerkungen, während Hedlunds Charakter stoisch auf die Straße blickt und nur gelegentlich, wenn es sich absolut nicht ver-meiden lässt, in monotonen, einsilbigen Äußerungen kommuniziert. Die gesamte Sequenz hat keinen echten Einfluss auf die Handlung oder die Figurenentwicklung, sie könnte - auch, wenn sie durchaus unterhaltsam ist - im Grunde ersatzlos aus dem Film gestrichen werden. Sie scheint nur einen Zweck zu erfüllen: Den Zuschauer daran zu erinnern, dass er hier einen Film von Ethan und Joel Coen sieht.

Goodmans und Hedlunds Charaktere sind genau die Sorte cartoonhafter, irgendwie gleich-zeitig unnötig detailverliebt gezeichneter und doch nie ganz runder, glaubhafter Figuren, die in der Vergangenheit so viele Filme der Coen-Brüder bevölkerten und die gesamte Road Trip-Sequenz ist genau die Art ins Leere führender Handlungsstrang, mit denen die Coen-Brüder ihre elaborierten Plots so gerne ausschmücken. Das alles wäre also wenig bemerkenswert, würde die Sequenz in INSIDE LLEWYN DAVIS nicht so fremd, so fehl am Platz wirken.

Denn im Ganzen ist INSIDE LLEWYN DAVIS ein für die Coen-Brüder ungewöhnlich zurückgenommener Film, mit kaum vorhandenem Plot, bodenständigen Charak-teren und einer emotionalen Wärme, die man den Brüdern so kaum (noch) zugetraut hätte. Ein leiser, melancholischer, ja meditativer Film - für die Coens ist das fast schon radikal.

Nach ihrem Meisterwerk NO COUNTRY FOR OLD MEN hatten die Filme der Coens etwas routiniertes, gelangweiltes, gelegentlich (A SERIOUS MAN) gar etwas zynisches. Klar, handwerklich wa-ren ihre Filme weiterhin hervorragend und die Handschrift der Coens ist so einzigartig, dass zumindest Fans immer noch etwas Sehenswertes in ihnen finden konnten. Doch überraschend, neu und vor allem: wirklich involvierend war schon lange kein Coen-Film mehr.

Die unverwechselbare Handschrift der Coens findet man auch in INSIDE LLEWYN DAVIS, doch man muss genauer hinsehen als in den letzten Jahren. Man findet sie in den authentischen Dialogen, den vielen, scheinbar unwichtigen Details und beiläufigen Momenten (wie einem Kurzauftritt von "Bob Dylan" zum Ende des Films), die in ihrer Summe das Period-Setting des Films so lebendig wirken lassen, in immer wieder aufblitzenden, kleinen Al-bernheiten, die beweisen, dass die Coens nichts von ihrer Verspieltheit verloren haben - und natürlich im Einsatz von Musik, der schon immer eine Stärke der Coens, hier mit Live-Performances diverse Folk-Songs für einige der eindringlichsten Momente des Films sorgt.

Doch zum ersten Mal seit Jahren scheinen die Coens nicht nur Vertrauen in ihr Können als Regisseure und die eigenen Markenzeichen, sondern auch und vor allem in ihr Material zu ha-ben. Lose basierend auf den Erinnerungen des Folk-Sängers Dave van Ronk (erschienen als The Mayor of MacDougal Street) erleben wir das Folk-Revival im New Yorker Greenwich Village der 60er Jahre aus der Perspektive des jungen Folk-Sängers Llewyn Davis. Llewyn war einst Teil eines erfolgreichen Duos, schlägt sich mittlerweile jedoch mehr schlecht als Recht alleine durch. In den wenigen Wochen, die der Film umfasst, erfährt Llewyn, dass seine Bekannte Jean (Carey Mulligan) nach einem One Night Stand von ihm schwanger ist und er für die Abtreibung aufkommen muss. Er unterstützt Jeans Freund Jim (Justin Timberlake) bei der Aufnahme eines novelty songs, der ein großer Erfolg wird und für alle Be-teiligten große finanzielle Gewinne abwirft - außer Llewyn, der sich lediglich für die Aufnahme bezahlen ließ, aber auf Tantiemen verzichtet hat. Er spielt ein paar Auftritte, doch zu wenig, um wirklich davon zu leben, und er muss sich immer wieder anhören, dass er doch wieder mit seinem alten Partner auftreten soll, da mit seiner Soloplatte "Inside Llewyn Davis" niemand so recht etwas anfangen kann. Llewyn hits rock bottom, er steht kurz davor, die Musik aufzugeben und macht, ironischerweise, letztlich nur deshalb weiter, weil er es sich nicht leisten kann, aufzuhören.

Es ist ein ernüchternder Blick, den die Coens hier auf Kunst und das Künstlerleben werfen. Llewyn ist nicht (mehr) idealistisch und hoffnungsvoll, er lebt nur schon so lange seine noma-denhafte Existenz, dass er nach und nach alle anderen Optionen verloren hat. Doch während sie das Künstlerleben demnach zwar nicht romantisieren, schauen die Coens auch nicht mit ihrem gewohnt distanzierten, oft spottenden Blick auf ihren Protagonisten. Ja, sie scheinen, zum ersten Mal seit langem, eine gewisse Zuneigung oder sogar Liebe zu ihren Figuren zu empfinden, nicht nur zu Llewyn, sondern auch den Nebenfiguren, allen voran Carey Mulligans ständig wütende, doch letztlich auch herzensgute und für Llewyn überlebenswichtige Jean.

Und so deprimierend das Bild, das die Coens von Llewyns Leben zeichnen, am Ende auch ist, ein Leben, das nach den immergleichen Mustern verläuft, aus denen Llewyn niemals aus-brechen kann, ist er am Ende doch eine stolze Figur, die niemals aufgibt und so doch irgendwie etwas Heldenhaftes hat. Letztlich ist INSIDE LLEWYN DAVIS dann also doch irgendwie uplifting, man verlässt ihn mit einem guten, warmen Gefühl. Der Film hat etwas Versöhnendes und macht Hoffnung, dass die Coens ihre beste Zeit doch noch nicht hinter sich haben.











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