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IMMER ÄRGER MIT 40 (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THIS IS 40
Laufzeit in Minuten. 134

Regie. JUDD APATOW
Drehbuch. JUDD APATOW
Musik. JON BRION
Kamera. PHEDON PAPAMICHAEL
Schnitt. DAVID L. BERTMAN . JAY DEUBY . BRENT WHITE
Darsteller. PAUL RUDD . LESLIE MANN . MAUDE APATOW . IRIS APATOW u.a.

Review Datum. 2013-02-14
Kinostart Deutschland. 2013-02-14

Judd Apatows bisherige Filme als Regisseur waren high concept-Komödien, deren eindeutige Prämisse bereits einen groben Handlungsverlauf, auch eine Art Ziel vorgab und diktierte, welche Hindernisse es zu überwinden, welche Konflikte es zu lösen galt, damit seine Protagonisten an einem glücklichen Ende angelangen konnten. So mäandernd und unkonzentriert seine Filme immer wirkten, diese eindeutig ausformulierten Konzepte und Problemstellungen sorgten doch stets für einen gewissen Spannungsbogen und retteten die Filme davor, einfach ziel- und belanglos dahinzuplätschern.
IMMER ÄRGER MIT 40 (im Original THIS IS 40, doch der Film hat den deutschen Titel, den er verdient) ist anders: Am Anfang steht keine schamvolle Offenbarung wie in JUNGFRAU (40), MÄNNLICH, SUCHT, kein folgenschwerer Fehler wie in BEIM ERSTEN MAL, keine Horrornachricht wie in WIE DAS LEBEN SO SPIELT. Es geht nicht darum, ein konkretes Hindernis zu überwinden, sondern um…ja, was eigentlich?

Apatows Protagonisten, das Ehepaar Pete und Debbie (Paul Rudd und Apatows Ehefrau Leslie Mann, die hier theoretisch ihre Rollen aus BEIM ERSTEN MAL erneut spielen, was praktisch aber exakt keine Bedeutung für Handlung und Charaktere hat) leben in LA, haben eine 13- und eine 8-jährige Tochter (Apatows Töchter Maude und Iris), leben in einem riesigen Haus und fahren teure Autos. Beide haben zumindest theoretisch erfüllende Jobs - sie führt ein hippes Bekleidungsgeschäft, er ein hippes Indie-Label - arbeiten eigentlich aber ohnehin nur gelegentlich. Im Grunde sind Pete und Debbie irgendwie glücklich, doch ihre kurz aufeinander folgenden 40. Geburtstage nehmen beide zum Anlass, über ihr Leben und ihre Beziehung Bilanz zu ziehen.

Dieses Set-Up ist erstmal ziemlich schwammig, besonders bei einem Filmemacher, dessen größtes Problem schon immer der mangelnde Fokus seiner Filme war, die fehlende Bereitschaft, offenbar liebgewonnene, aber überflüssige Szenen einer klareren Struktur und besserem Pacing zu opfern. Andererseits: Ihre besten Momente fanden Apatows Filme eigentlich auch schon immer im Belanglosen - gerade in Apatows letztem Film, dem unterschätzten WIE DAS LEBEN SO SPIELT haben fast alle wirklich einprägsamen Momente nichts mit der Krebsdiagnose seiner Hauptfigur zu tun, sondern drehen sich um Alltäglichkeiten, die Apatow genau beobachtet und pointiert zuspitzt. Und auch in IMMER ÄRGER MIT 40 zeigt Apatow sein Talent, den Rhythmus echter Dialoge auf die Leinwand zu transportieren - nur pointiert ist hier eben gar nichts mehr, was natürlich bei einem Film, der im Grunde keinen Plot hat, sondern nur noch aus aneinandergereihten Dialogszenen besteht, noch einmal problematischer ist.
In diversen US-Reviews wurde IMMER ÄRGER MIT 40 mit einem überlangen Sitcom-Piloten verglichen, was schlimm genug wäre, leider aber nur die besseren Phasen des Films beschreibt. Über weite Strecken fühlt er sich eher an wie eine überlange Folge jener Sorte von Reality-Shows, in denen man Einblick in das Privatleben irgendeines Celebrity-Paars bekommt und dabei vor allem erkennen muss, wie langweilig diese schönen Menschen eigentlich sind. Es scheint eben, als habe Apatow tatsächlich nahezu eins zu eins Dialoge und Streits aus seinem Privatleben transkribiert und von seiner Frau und Paul Rudd als sein Stand-In nachspielen lassen. So realistisch und persönlich das oft sein mag, es ist nicht gerade abendfüllend: Nach den ersten 10 Minuten des Films haben sich Pete und Debbie im Grunde alles gesagt und statt sich im Laufe des Films weiterzuentwickeln, spielen sie dieselben Konflikte immer und immer wieder durch. Klar, es gibt ein paar Subplots, die sich alle um angebliche Geldsorgen von Pete und Debbie drehen, doch angesichts des Luxus, in dem die Charaktere leben, wird es auch dadurch nicht unbedingt einfacher, sich für Pete und Debbie zu interessieren oder gar mit ihnen zu identifizieren. Genau wie die vielen überflüssigen Cameos oder Minirollen befreundeter Darsteller (anscheinend Apatows gesamter prominenter Bekanntenkreis außer Seth Rogen, der eine Schauspieler, dessen Cameo Sinn gemacht hätte) scheinen diese nur halbherzig verfolgten Nebenstränge nur zu existieren, um davon abzulenken, dass Apatow hier mal so gar nichts zu erzählen hat.

In vielen Aspekten ist IMMER ÄRGER MIT 40 der von Apatow mitproduzierten und von Lena Dunham, die hier natürlich auch in einer sinnlosen Nebenrolle zu sehen ist, kreierten Serie GIRLS (die in einer eventuellen deutschen Synchro vermutlich IMMER ÄRGER MIT 20 heißen wird) nicht unähnlich: Beide erzählen von Figuren, die in einer Selbstfindungsphase stecken, die immer und ausschließlich um sich selbst und ihre oft selbstgeschaffenen Konflikte kreisen, aber im Grunde ein nicht nur relativ komfortables, sondern auch sicheres Leben führen und kaum echte Fallhöhe haben. Der Unterschied ist, dass GIRLS es nicht beim bloßen Abbilden belässt, sondern immer auch ein selbstreflexives Element hat und durch bewusste Überzeichnung deutlich macht, dass die Konflikte seiner Charaktere mit einem gewissen Abstand betrachtet etwas Banales, Lächerliches (und damit Komisches) haben. IMMER ÄRGER MIT 40 fehlen diese Elemente und so verkommt der Film zur bloßen Nabelschau, zum Auswalzen von Nichtigkeiten, ohne, dass irgendeine Art von Reflexion stattfindet oder irgendwelche Einsichten gewonnen werden. Nichts steht auf dem Spiel, niemand lernt irgendwas und langweilig ist es auch noch. Das wirklich Traurige daran ist: IMMER ÄRGER MIT 40 ist im Grunde genau das, was sich so mancher Fan - ich selbst eingeschlossen - nach WIE DAS LEBEN SO SPIELT gewünscht hat, nämlich Apatows konsequentes Weiterführen der darin angedeuteten Linie, intimere, ehrlichere Filme zu drehen (und dafür evtl. den Humor hinten anzustellen). Nur müssen wir jetzt halt erkennen, wie langweilig dieser talentierte Filmemacher, wenn er wirklich ehrlich und persönlich wird, eigentlich ist.

(P.S: Gelacht habe ich bei IMMER ÄRGER MIT 40 übrigens genau zwei Mal - einmal, als Albert Brooks und John Lithgow als Väter der Protagonisten aufeinandertreffen und einmal bei einem Outtake im Abspann. Das wird im eigentlichen Review deshalb nicht angesprochen, weil ich ohne das Wissen um den Regisseur wahrscheinlich nicht einmal erkannt hätte, dass IMMER ÄRGER MIT 40 eine Komödie sein soll.)











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