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HORNS - FÜR SIE GEHT ER DURCH DIE HÖLLE (USA/Kanada 2013)

von André Becker

Original Titel. HORNS
Laufzeit in Minuten. 120

Regie. ALEXANDRE AJA
Drehbuch. KEITH BUNIN
Musik. ROBIN COUDERT
Kamera. FREDERICK ELMES
Schnitt. BAXTER
Darsteller. DANIEL RADCLIFFE . MAX MINGHELLA . JUNO TEMPLE . JOE ANDERSON u.a.

Review Datum. 2015-08-08
Kinostart Deutschland. 2015-08-06

Der neue Film des Regisseurs Alexandre Aja ist in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Einerseits weil das französische Regietalent mit der Verfilmung des Romans von Joe Hill ungewohnte Genre-Pfade einschlägt und damit klar die an ihn gestellten Erwartungen neu auslotet. Andererseits weil wohl niemand erwartet hätte, dass Hauptdarsteller Daniel Radcliffe sich für seine weitere Emanzipation vom Kinderstar-Image eine Rolle wie die des Mordverdächtigen in HORNS - FÜR SIE GEHT ER DURCH DIE HÖLLE aussuchen würde.

Radcliffe spielt Iggy Perrish, einen jungen Mann der beschuldigt wird seine Freundin Merrin (Juno Temple) umgebracht zu haben. Obwohl die Polizei bei der Aufklärung des Verbrechens nicht wirklich vorankommt steht vor allem für die Bewohner von Iggys verpennter Heimatstadt fest, wer Merrin auf dem Gewissen hat. Eines Morgens macht Iggy schließlich eine folgenschwere Entdeckung. Zwei Hörner sprießen aus seiner Stirn. Zutiefst verstört begibt sich Perrish auf den Weg zum Arzt, der ihm allerdings nicht weiterhelfen kann und stattdessen ein äußerst seltsames Verhalten an den Tag legt. Nach und nach erkennt Iggy, dass die Hörner seine Mitmenschen beeinflussen und ihre geheimen Wünsche und dunklen Gelüste offenlegen. Zunächst verunsichert wird dem jungen Mordverdächtigen klar, dass die Hörner ihm dabei helfen können seine Unschuld zu beweisen und den Mord an seiner Freundin aufzuklären. Die Suche nach dem Täter gewährt ihm jedoch nicht nur einen Einblick in die Abgründe der menschlichen Seele, sondern führt ihm ebenfalls vor Augen, dass die Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld ein falsches Spiel treiben und manche Freunde nicht das sind, wofür sie sich ausgeben.

HORNS gelingt es ziemlich gut zwischen verschiedenen Genre-Elementen zu balancieren und diesbezüglich stets den Blick für das große Ganze zu wahren. Mal pechschwarze Comedy, mal finsteres Psychodrama und zwischendurch immer mal wieder Thriller- und Horroreinschübe. Aja streift im Filmverlauf zahlreiche Genres und verbindet sie zu einer erstaunlich homogen wirkenden Einheit. Selbst das effektvolle Finale wirkt nicht als Fremdkörper, obwohl das wendungsreiche Skript vorher primär den Drama-Part konkretisiert und den Charakteren ungewöhnlich viel Raum zur Entfaltung zugesteht.

Vorwerfen muss man Aja, dass er bei der in Rückblicken erzählten Liebesgeschichte zwischen Iggy und Merrin nicht durchgängig den richtigen Ton trifft und letztlich zu stark zum Mainstream schielt. Einen Romantik-Overkill gibt es zwar nicht, aber einige Szenen driften deutlich in Kitsch und klebrige Liebesschmonzette ab. Darüber hinaus vernachlässigt das Drehbuch die anfangs noch präsente, düstere Seite seiner Hauptfigur. Diesbezüglich bleibt der Film leider ein wenig mutlos. Die Chance Radcliffe als richtigen Bad Ass zu inszenieren wird somit unglücklicherweise vertan. Nichtsdestotrotz reicht die Darstellung seiner Figur um seinem Strahlemann-Image ein gehöriges Fuck You entgegen zu rotzen.

Bei den weiteren Darstellern glänzt insbesondere Juno Temple als Mordopfer. Aber auch sonst besticht die Produktion mit einem ausgesprochen gut aufgelegten Cast. Wie von Aja gewohnt sind zudem Kamera und Schnitt hervorragend aufeinander abgestimmt. Wie bereits in dem in dieser Hinsicht sträflich unterschätzten Horrorreißer THE HILLS HAVE EYES seziert der Regisseur ebenfalls in HORNS das Idealbild der bürgerlichen Familie. Ignoranz, Neid, Gefühlskälte, Narzissmus und Eigensucht, Aja schaut mit wachem Blick hinter die Fassade der vermeintlich heilen Welt, die speziell, so scheint es, im geschützten Raum der Familie besonders fragil ist.

Trotz der Unzulänglichkeiten, die sich ebenso darin zeigen, dass der Film seiner zentralen Idee, nach der Menschen ihr wahres Ich in all ihrer Verderbtheit sichtbar machen, im Verlauf seiner rund zweistündigen Laufzeit nicht viel Neues hinzuzufügen vermag, ist HORNS - FÜR SIE GEHT ER DURCH DIE HÖLLE schlussendlich durchaus als gelungen zu bezeichnen. Aja schafft den Spagat zwischen den Genres und bietet seinem Publikum einen schwer unterhaltsamen und mit seinen zahlreichen Twists kaum vorhersehbaren Teufelsritt, der mitunter erfrischend böse den (kleinstädtischen) amerikanischen Lebensstil aufs Korn nimmt. Für Daniel Radcliffe dürfte der Film die Türen für weitere attraktive Rollenangebote öffnen. Als Träger der Satanshörner liefert der Brite jedenfalls eine denkwürdige Performance ab, die man ihm definitiv nicht zugetraut hätte.











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