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HILDE (Deutschland 2009)

von Hasko Baumann

Original Titel. HILDE
Laufzeit in Minuten. 136

Regie. KAI WESSEL
Drehbuch. MARIA VON HELAND . HILDEGARD KNEF
Musik. MARTIN TODSHAROW
Kamera. HAGEN BOGDANSKI
Schnitt. TINA FREITAG
Darsteller. HEIKE MAKATSCH . MONICA BLEIBTREU . HANNS ZISCHLER . DAN STEVENS u.a.

Review Datum. 2009-03-09
Kinostart Deutschland. 2009-03-12

Hildegard Knef ist mir persönlich als Schreckgespenst meiner Kindheit in Erinnerung - wie sie da in verrauchten Talkshows saß mit ihren scheußlich schwarz geschminkten Augen und den unübersehbaren Spuren mißlungener Schönheitsoperationen im Gesicht, das war "die Knef" für mich und sonst gar nichts. Ich wußte als Kind ja noch nichts oder nur wenig von DIE MÖRDER SIND UNTER UNS oder DIE SÜNDERIN, und ihr identitätsstiftendes Lied "Für mich soll's rote Rosen regnen" sagte mir damals ebenso wenig zu wie heute. Nur weiß ich jetzt um das bewegte Leben dieser großen, kompromißlosen Entertainerin und begegnete der Ankündigung eines aufwendigen deutschen Biopics mit der Neugier, die wohl die meisten Deutschen über 30 ins Kino bewegen wird. Die Jüngeren werden sich nicht zu Unrecht fragen, wer denn diese "Hilde" sein soll.

Die Antwort auf eben diese Frage - das ist es, was Kai Wessels Film zu suchen behauptet und zu beantworten vorgibt. Den Comeback-Auftritt der Knef in der Berliner Philarmonie 1966 nimmt er dabei als (zaghaft nonlinear) erzählerischen Rahmen und als Schlußpunkt, so daß die Knef, wie ich sie oben beschrieb, überhaupt nicht stattfindet. Wie vergleichbare Hollywood-Musikerbiografien aus den letzten Jahren (RAY oder WALK THE LINE) kneift HILDE in dem Moment, an dem es zwiespältig oder gar sonderbar wird im Leben der porträtierten Figur. Was wir zu sehen kriegen, ist flaches, visuell einfallsloses Austattungskino im Geiste Vilsmaierscher Langweile, das keine Höhe- oder Tiefpunkte finden will oder kann und sich nicht allzu nahe an Ambivalenzen herantraut. Viel Zeit wird auf die frühen Jahre während des zweiten Weltkriegs verwendet, wobei völlig deplatztiertes Panzer-Krawumm den Eindruck, Hildegard Knef habe sich als Nazi-Liebchen über die Runden gerettet, unter den Trümmern begräbt. Danach geht es mitunter recht schnell: Die Zuschauer, die nicht um die Bedeutung von DIE MÖRDER SIND UNTER UNS wissen - und das werden recht viele sein - werden sich zu Recht wundern, wieso die Knef mit diesem Film aus dem Stand zum Star wird. Als HILDE nach dem ebenfalls recht schnell abgefrühstückten Skandal um DIE SÜNDERIN Hollywood als Schauplatz erreicht, scheint die Produktionskasse nicht mehr ganz so großzügig geplündert worden zu sein wie noch für die Szenen im zerstörten Berlin: Der kalifornische Strand sieht verdächtig nach Ostsee aus, und vom Leben der Knef bekommt man nur die ewig gleiche Einstellung derselben Strasse zu sein. Und nein, ich denke nicht, daß das ein erzählerischer Kniff zwecks Darstellung von Monotonie sein soll. Unterboten wird dieses Bild nur noch von einer kurzen Sequenz in einer Wohnung in New York, die aussieht wie kurz auf der Theaterbühne zusammengestellt.

Erleichterung kommt ausgerechnet mit der Figur, vor der man eigentlich am meisten Angst hatte: Bei Dreharbeiten in Großbritannien lernt Hildegard Knef 1959 den Schauspieler David Cameron kennen und lieben. Dan Stevens spielt ihn, und er spielt ihn entspannt und glaubwürdig; man zweifelt nicht daran, daß er ihr Herz gewinnt. Was Stevens hier macht, geht ganzen Generationen von Schauspielern in Deutschland ab: Er bringt Natürlichkeit mit. Das haben seit einigen Jahren auch jüngere Deutsche drauf, die eindeutig auch amerikanische Vorbilder verinnerlicht haben: Brühl, Diehl, Vogel oder auch Johanna Wokalek und Hanna Herzsprung. Aber in HILDE wird rund um Heike Makatsch herum noch unerträglich steif rezitiert und theaterhaft betont um dramatische Pausen gerungen. Ausgerechnet der hochgelobte Hanns Zischler als Mentor Hildes überspannt den Bogen hier pausenlos. Da ist sogar das Nicht-Schauspiel von Roger Cicero eine Erleichterung.

Zum Ende mag Kai Wessel noch nicht einmal auf das Uralt-Klischee vom zerschmissenen Schminkspiegel verzichten, bevor er Heike Makatsch endlich das mit Textzitaten bedeutungsschwanger durch den Film leitende Immergrün "Für mich soll's rote Rosen regnen" darbieten läßt. Ja, Heike Makatsch singt alle Songs selbst, und nicht nur das ist beeindruckend: Sie, die wir schon längst als eine unserer talentiersten und natürlichsten Schauspielerinnen begreifen sollten (und eben nicht die Laras und Gedecks dieses Landes), überzeugt nicht nur stimmlich und äußerlich als erstaunlich verinnerlichte Knef, sondern bemüht sich um das, was dieser Film partout nicht leisten will: Wandlung, Entwicklung, Tragik und Tiefe. Doch leider ist diese Glanzleistung - die Kritik am zweifelhaften "Berlinern" will ich mal weglassen - gefangen in einem weiteren Stück Konfektionskino aus Deutschland, das langweilig inszeniert, orchestriert und letztlich auch produziert ist. Das hat Heike Makatsch nicht verdient, und das hat vor allem Hildegard Knef nicht verdient.











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