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GRAN TORINO (USA 2008)

von Peter Martin

Original Titel. GRAN TORINO
Laufzeit in Minuten. 116

Regie. CLINT EASTWOOD
Drehbuch. NICK SCHENK . DAVE JOHANNSON
Musik. KYLE EASTWOOD . MICHAEL STEVENS
Kamera. TOM STERN
Schnitt. JOEL COX . GARY ROACH
Darsteller. CLINT EASTWOOD . CHRISTOPHER CARLEY . BEE VANG . AHNEY HER u.a.

Review Datum. 2009-01-15
Kinostart Deutschland. 2009-03-05

Clint Eastwood sagt mit einem Knurren mehr aus als die meisten Schauspieler mit fünfminütigen Monologen. Als Walt Kowalski, kantiger alter Veteran des Korea-Krieges, faucht er entweder die an, die ihn nerven - seine Kinder, seine Enkel, seine Nachbarn, die Welt - oder läßt fremdenfeindliche Kommentare vom Stapel, die auch den härtesten Matrosen erröten ließen.

Natürlich ist es mittlerweile unmöglich für Eastwood, hinter einer Rolle zu verschwinden und uns vergessen zu machen, daß wir einem geliebten Filmstar zusehen, der einen vorsätzlich ignoranten Mann aus der Arbeiterklasse spielt. Für seine gewagte Rollenauswahl war Eastwood nie bekannt - er verband seine eigene Persönlichkeit auf angenehme Weise mit der des lakonischen "Mann ohne Namen" der Leone-Western, mit der des reaktionären "erst schießen, dann fragen"-Polizisten in DIRTY HARRY und mit denen der etwas verrückten Charaktere à la BRONCO BILLY, die er in den 80ern zu spielen begann.

Eastwoods genialem Schauspiel liegt die Selbsterkenntnis zu Grunde, daß er am Besten ist, wenn er wirklich agiert; also reagiert - als Antwort auf die anderen Schauspieler und die Situationen, die ihm begegnen. Selbst wenn er offensichtliche Anführer spielt, wie in STOSSTRUP GOLD, HEARTBREAK RIDGE, WEISSER JÄGER, SCHWARZES HERZ, SPACE COWBOYS und sogar MILLION DOLLAR BABY, inspiriert er durch Untergraben; er zwingt die, die ihm unterstehen, als Reaktion auf seine vermeintlich fehlende traditionelle Führung über sich hinaus zu wachsen. Es mag herablassend wirken, als würde er seine Position ausnutzen, aber in Wirklichkeit gibt er den anderen Würde, weil er sie nicht auf seinen Kurs biegen will.

Als Schauspieler macht er ähnliche Dinge in GRAN TORINO. Als frischgebackener Witwer - seine Frau wird in der Eröffnungsszene des Films beerdigt - hält er stur an seinem Haus in Michigans Vororten fest, und will partout nicht ausziehen, obwohl sich die Nachbarschaft mit den Jahrzehnten dramatisch verändert hat. Was einst eine freundliche Enklave für Menschen polnischen Ursprungs wie Walt war, gehört nun fast ausschließlich asiatischen Immigranten, die aus Angst vor Verhaftung ihrem Land entflohen sind. Walt ist zu stur, um zu gehen, hat aber andererseits keinerlei Interesse daran, seine Nachbarn kennenzulernen. Er raunt sie genauso an wie er seine Kinder anraunt, von denen er sich entfremdet hat, und seine Enkelkinder, die ihm wie Kreaturen aus dem All vorkommen.

Er ranzt auch den Priester seiner Frau an, der doch nur ihren letzten Willen verwirklichen und somit Walt zur Beichte bringen will. Der Priester nennt ihn Walt und nicht Mr. Kowalski, auch wenn Walt ihm immer wieder sagt, er solle ihn Mr. Kowalski nennen. Darin liegt die Crux von Walts Dilemma: Niemand behandelt ihn, wie er es erwartet, niemand spricht mit ihm wie er es will, niemand tut irgendwas so, wie Walt sich das vorstellt. Die Welt hat sich verändert, aber Walt nicht; und alle Veränderungen lehnt er ab oder widersteht ihnen.

Die Dinge verändern sich dramatisch, als eine Gang sich auf Walts Besitz verirrt. Als er sein Heim mit einer imposanten Schrotflinte verteidigt, wird er zum unfreiwilligen Retter eines Jungen, der nebenan lebt. Walt wird endlich aus seinem Schneckenhaus herausgezwungen und muß am Leben der Nachbarn teilhaben, an der ganzen Welt im Grunde.

GRAN TORINO ist mitreißende, flotte, oft sehr amüsante Unterhaltung für das große Publikum, wenn auch die "Wahrheiten", die hier serviert werden sollen, nur aufgewärmte Platitüden sind. Die Statements zur "Rassenpolitik" sind lächerlich veraltet, und die asiatische Hmong-Folklore, so respektvoll sie einem Mainstreampublikum auch präsentiert werden mag, hätte mit ausnahmslos jeder anderen ausgetauscht werden können, ohne die Story in irgendeiner Art und Weise zu beeinflussen.

Als Regisseur ist Eastwood sehr von der Qualität des Drehbuchs abhängig, aber er bestätigt seine Rolle als Auteur definitiv. Zuletzt hat er beispielsweise ein absolut brauchbares Skript für DER FREMDE SOHN als Schwarz-und-Weiß-Stück über das absolut Gute und das absolut Böse inszeniert. Bei GRAN TORINO rettet er ein unterdurchschnittliches Drehbuch mit seinem engagierten Einsatz als souveräner Schauspieler; er fordert uns heraus, ihn für irgendetwas zu kritisieren, und macht es gleichzeitig unmöglich, eben dies zu tun.

Eastwood schmückt den Film darüber hinaus mit einem sehr entspannten, wie improvisierten Look. GRAN TORINO sieht nicht unbedingt wie ein Dokumentarfilm aus, fühlt sich aber mitunter wie einer an. Ich mußte wieder und wieder an HONKYTONK MAN denken, der ebenso lustig wie tragisch war und irgendwie staubig aussah, als spielte er auf einem absteigenden Ast. So lassen Eastwood und seine Crew auch GRAN TORINO aussehen, auch wenn er im oberen Mittelwesten Amerikas spielt; er sieht staubig aus, wie vielleicht die letzte halbdesolate, doch immer noch bevölkerte Stadt am Rande der Zivilisation.











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