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GRAND BUDAPEST HOTEL (USA/Großbritannien/Deutschland 2014)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THE GRAND BUDAPEST HOTEL
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. WES ANDERSON
Drehbuch. WES ANDERSON
Musik. ALEXANDRE DESPLAT
Kamera. ROBERT D. YEOMAN
Schnitt. BARNEY PILLING
Darsteller. RALPH FIENNES . TONY REVOLORI . JUDE LAW . F. MURRAY ABRAHAM u.a.

Review Datum. 2014-02-13
Kinostart Deutschland. 2014-03-06

Es ist nicht ganz einfach, einen Wes Anderson-Film zu besprechen und nicht lediglich die Aussage "Muss man mögen" auf ein paar hundert Wörter auszuwalzen. Andersons Stil ist so eigenwillig, so quirky, dass er, je nach Zuschauer, zur größten Hürde für den Genuss des Films oder umgekehrt zum größten selling point wird.

Damit wir also auf einer Ebene sind, sei vorab angemerkt: Ich mag Andersons Stil und seine Filme grundsätzlich, zählte ihn lange zu meinen Lieblingsregisseuren. Anders, als viele andere Fans und Kritiker, war ich von seinem letzten Film MOONRISE KINGDOM allerdings milde enttäuscht. Stilistisch und ästhetisch gefiel mir auch dieser Film sehr, doch inhaltlich, emotional funktionierte er nur bedingt. Andersons doch eher kühle, abgeklärte Erzählweise passte nicht so richtig zu seiner Geschichte um die erste Liebe, ein Thema, das doch eigentlich mit überbordenden Emotionen verbunden sein sollte.

Was uns zu Andersons neuem Film, GRAND BUDAPEST HOTEL bringt, der mich begeistert zurückließ. Zwar ist der Film genauso schwach darin wie sein Vorgänger, Zwischenmenschlichkeiten und Emotionen abzubilden, doch zum Glück spielt das hier nur eine untergeordnete Rolle. Denn GRAND BUDAPEST HOTEL ist ein Abenteuerfilm (bzw. Wes Andersons Version davon), der durch seine immer neue Haken schlagende Handlung, sein bahnbrechendes Tempo und seine oft überwältigenden Bilder darüber hinwegtäuscht, dass er in Sachen emotionaler Resonanz und Charakterentwicklung wieder einmal relativ leer bleibt.

Das titelgebende GRAND BUDAPEST HOTEL ist, in Andersons Welt, ein beinahe legendärer, historischer Ort im fiktiven Land Zubrowka, mittlerweile zwar heruntergewirtschaftet, doch einst, in den 1930er Jahren, in ganz Europa bekannt und, besonders bei reichen, alten Damen, beliebt. Grund für letzteres ist der Concierge M. Gustave (Ralph Fiennes), dessen Service weit über die gewöhnlichen Dienstleistungen seines Berufs hinausgeht. Der Film erzählt, wie Gustave zusammen mit dem jungen Lobby Boy Zero Mustafa (Tony Revolori), während Andersons Äquivalent zum Zweiten Weltkrieg, ein Abenteuer um ein gestohlenes Gemälde erlebt, was darin endet, dass Gustave in den Besitz des Grand Budapest Hotel gelangt, das er letztlich Zero vermacht. Der Rahmen dieser Geschichte ist ein gemeinsames Abendessen des mittlerweile älter gewordenen Zero (F. Murray Abraham) und einem jungen Autor (Jude Law) im Grand Budapest Hotel der 60er-Jahre, während dem Zero dem Autor seine Geschichte erzählt. Der Rahmen dieses Rahmens ist der älter gewordene Autor (Tom Wilkinson), der an seine Zeit im Grand Budapest Hotel zurückdenkt. Und all das wird präsentiert als Auszug eines Buches ebendieses Autors, mit dem Titel (natürlich) GRAND BUDAPEST HOTEL.

Das Ganze klingt komplizierter, als es ist. Abgesehen von den umrahmenden Szenen zu Anfang und Schluss des Films und ein, zwei Unterbrechungen zwischendurch erzählt Anderson seine Geschichte linear. Das ist fast ein Bisschen bedauerlich, denn die unterschiedliche Ästhetik der verschiedenen Zeitebenen (inkl. wechselnder Aspect Ratio - der Großteil des Films ist in 4:3 präsentiert) reizt Anderson so leider nicht ganz aus. Allerdings bietet auch die zentrale Geschichte ausreichend visuelle Abwechslung, begeistert mit der für Anderson typischen Detailverliebtheit sowie einigen neuen Einfällen, wie dem häufigen Einsatz von Matte Paintings, die ganz bewusst in all ihrer Künstlichkeit ausgestellt werden und sich nahtlos in die schon immer an Suchbilder und Pop-Up-Bücher erinnernde Anderson-Ästhetik eingliedern.

Wir begleiten Gustave und Zero also auf ihrer Reise von einer malerischen Location zur nächsten und begegnen mit ihnen einer Fülle von schrulligen, skurrilen Charakteren, verkörpert zum Teil von Andersons Stammschauspielern (Tilda Swinton, Adrien Brody, ein wie schon in MOONRISE KINGDOM kriminell unterforderter Bill Murray) als auch von neuen Gesichtern, bei denen man sich teilweise fragt, warum sie nicht schon längst mit Anderson zusammengearbeitet haben, so perfekt passen sie in seine Welt (Jeff Goldblum!).

Es ist dem hohen Tempo des Films und den immer neuen Überraschungen zu verdanken, dass keine dieser Figuren je, wie es in anderen Anderson-Filmen bisweilen der Fall war, länger bleibt, als sie willkommen ist (Zero und Gustave selbst sind, wenn auch eindimensionale, so doch angenehme Helden des Films). Die Verquickung aus quasi-historischen und cartoonhaften Elementen weckt dabei Assoziationen an franko-belgische Abenteuer-Comicreihen wie SPIROU UND FANTASIO (auch, wenn Andersons Inspiration laut Abspann eher im Werk Stefan Zweigs zu suchen ist). Gelegentlich versucht Anderson sich sogar an Actionszenen und verleiht auch diesen seinen ganz persönlichen Anstrich.

Nach MOONRISE KINGDOM hatte ich ein Bisschen auch die Vermutung, dass ich Anderson und seinem Stil schlicht überdrüssig bin. Ich konnte nicht ganz artikulieren, was ich von Anderson erwartete, um mich wieder für seine Filme zu begeistern. GRAND BUDAPEST HOTEL gibt die Antwort: Anderson bleibt sich selbst und seinem Stil treu, wendet diesen allerdings auf ein für ihn neues, unerschlossenes Genre an. Das Ergebnis ist, wenn man so will, die Wes Anderson-Version eines Blockbusters: vielleicht nicht der tiefgängigste Film (welcher Anderson-Film war das schon?), aber dafür umso unterhaltsamer, ja spektakulärer. Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn Anderson diesen Weg fortsetzen würde - eventuell bekommen wir irgendwann ja wirklich, wie SATURDAY NIGHT LIVE letztes Jahr prophezeite, Wes Andersons Version eines Horrorfilms zu sehen.











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