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THE GIRL WITH ALL THE GIFTS (Großbritannien 2016)

von André Becker

Original Titel. THE GIRL WITH ALL THE GIFTS
Laufzeit in Minuten. 111

Regie. COLM MCCARTHY
Drehbuch. MIKE R. CAREY
Musik. CRISTOBAL TAPIA DE VEER
Kamera. SIMON DENNIS
Schnitt. MATTHEW CANNINGS
Darsteller. GEMMA ARTERTON . SENNIA NANUA . GLENN CLOSE . PADDY CONSIDINE u.a.

Review Datum. 2016-11-20
Kinostart Deutschland. 2017-02-09

THE GIRL WITH ALL THE GIFTS ist die vergleichsweise hoch budgetierte Verfilmung des gleichnamigen Romanerfolgs (hierzulande 2014 als DIE BERUFENE veröffentlicht) von M.R. Carey. Ein Zombiefilm, der eigentlich kein Zombiefilm sein will, interessiert sich der schottische Regisseur Colm McCarthy doch primär für das Schicksal und das Innenleben seiner entwurzelten Hauptfigur, eines Kindes das zur letzten Hoffnung für die Menschheit inmitten einer verheerenden Seuche wird.

Eine tödliche Spore hat aus dem Großteil der Weltbevölkerung willenlose Untote gemacht. Die Kinder von gebissenen Schwangeren weisen jedoch Besonderheiten auf. Ihnen ist ein letzter Rest Menschlichkeit geblieben, sie können sprechen und zeigen auch sonst fast alle Anzeichen eines sozialen Wesens. Allerdings nur fast, denn der Hunger auf Menschenfleisch ist ihnen wie ein Computerprogramm eingeschrieben. Tickende Zeitbomben wie es scheint. Dennoch glauben Forscher, allen voran die Wissenschaftlerin Dr. Caldwell (Glenn Close), das der Schlüssel zur Bekämpfung der Seuche im spezifischen Genpool der Zombiekinder liegt. In einer geheimen Militärbasis werden die Kinder daher unter strengsten Sicherheitsauflagen erforscht und von der Lehrerin Helen (Gemma Arterton) unterrichtet. Diese bemerkt schnell, dass die aufgeweckte Melanie (Sennia Nanua) besonders begabt ist und über einen erstaunlichen Intellekt verfügt. Als das Lager von einer Horde blutgieriger Zombies überrannt wird, gelingt es Helen und Melanie zusammen mit mehreren Militärs und Dr. Caldwell zu entkommen. Auf dem Weg durch die unwirtliche Umgebung gerät die Truppe zusehends an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen. Während Caldwell unbedingt ihre Forschung fortsetzen will und dabei zur Not Melanies Leben opfern würde, weckt das Kind in Helen vor allem Müttergefühle, die darin gipfeln das Mädchen mit allen erdenklichen Mitteln schützen zu wollen. Als die Gruppe auf ihrer Reise eine folgenschwere Entdeckung macht wird ihnen klar, dass die Untoten erst der Anfang sind und ihnen das Schlimmste noch bevorsteht.

Leider muss man THE GIRL WITH ALL THE GIFTS unter ambitioniertes Scheitern verbuchen. McCarthys Versuch von den altbekannten, üblichen Motiven und dramaturgischen Inszenierungsformen abzuweichen und mit der Perspektive auf die Rolle des Teenagers Melanie frischen Wind ins schon reichlich eingerostete Horror-Subgene zu blasen misslingt. Zwar nicht ganz so krass, das der Film zur Vollkatastrophe wird, aber doch so nachhaltig, dass die britische Produktion allenfalls als bemühte Durchschnittsware durchgeht.

Gute Ansätze sind zweifellos vorhanden. So ist der erste Akt in der abgeschirmten Militärbasis durchaus stimmig und mitreißend umgesetzt. Über allem schwebt hier noch die Frage, was mit den Kindern los ist und worin genau die Besonderheit von Melanie besteht. Bei der Einführung der Figuren leistet sich das Drehbuch ebenfalls keine Patzer. Man merkt diesbezüglich den unbedingten Willen des Films eben keine austauschbaren Protagonisten zu präsentieren, sondern Menschen mit Ecken und Kanten. Selbst die Militärs, vor allem der von Paddy Considine (BLITZ) dargestellte Sgt. Eddie Parks verkommen nicht zu klischeehaften Schießbudenfiguren.

Spätestens in der Mitte schwächelt THE GIRL WITH ALL THE GIFTS aber dramatisch, da dann eben doch das übliche Programm abgespult wird und es der Film nicht vermag in diesem Zusammenhang nennenswerte Akzente zu setzen. Konkret heißt dies, dass unsere Hauptprotagonisten auch hier irgendwann einfach nur noch mit gezogener Knarre durch die Gegend latschen, um dann plötzlich von irgendwelchen Zombiemassen angegriffen zu werden. Diese im Genre tief verwurzelten Szenenabläufen kennt man ja spätestens seit THE WALKING DEAD zur Genüge. Es ist dabei gar nicht so tragisch dass der Film ebenfalls diese Spannungsmomente bemüht. Schlimmer ist das die Konfrontationen nicht richtig mitreißen wollen. Ihnen fehlen jegliche Dynamik und Power um Höhepunkte zu generieren. Das ständige Kameragewackel führt zudem dazu, dass oftmals kaum erkennbar ist, was überhaupt passiert. Schade, sind die Masken und Effekte doch sehr ordentlich und mit sichtbarem Aufwand in Szene gesetzt. Leider wird der Film mit dem Auftreten einer Gruppe verwahrloster Kinder gegen Ende noch unfreiwillig komisch, was für zusätzliche Irritation sorgt und den Gesamteindruck der Produktion nicht gerade aufwertet.

Ganz grundsätzlich betrachtet bietet THE GIRL WITH ALL THE GIFTS aber auch einige sehr gut funktionierende Sequenzen. Und diese beschränken sich keineswegs nur auf den Einstieg in die Geschichte. Hervorragende schauspielerische Leistungen zeigt außerdem die Jungdarstellerin Sennia Nanua, der es gelingt die Ambivalenzen ihrer Figur sehr greifbar wirken zu lassen. Ein wenig unterfordert erscheint dagegen Glenn Close, die zu sehr im Routinemodus agiert. Das ist allerdings tatsächlich meckern auf hohem Niveau. Die guten bis sehr guten Darsteller sind definitiv eine der größten Stärken des Films. Das Regisseur Colm McCarthy die Beziehung zwischen Melanie und Helen und damit eines der zentralen Themen des Films stets berührend, aber nie kitschig in bekannter, klebrig-süßer Hollywoodmanier erzählt ist ein weiterer Pluspunkt.

In THE GIRL WITH ALL THE GIFTS wechseln sich somit positive und negative Eindrücke mitunter fast stetig ab. Spannende, atmosphärisch dichte Szenen stehen verwackelten Actionsequenzen gegenüber, gefühlvolle Momente werden von unfreiwillig komischen Abschnitten konterkariert usw. usf. Was bleibt ist der Eindruck einen Film gesehen zu haben, der gerne mehr wäre als ein weiterer austauschbarer Vertreter der noch immer grassierenden Zombiewelle. Ein hehres Anliegen, welches jedoch nur in Ansätzen wirklich in die Tat umgesetzt wird.











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