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GESETZ DER STRASSE - BROOKLYN'S FINEST (USA 2009)

von Björn Lahrmann

Original Titel. BROOKLYN'S FINEST
Laufzeit in Minuten. 133

Regie. ANTOINE FUQUA
Drehbuch. MICHAEL C. MARTIN
Musik. MARCELO ZARVOS
Kamera. PATRICK MURGUÍA
Schnitt. BARBARA TULLIVER
Darsteller. RICHARD GERE . ETHAN HAWKE . DON CHEADLE . WESLEY SNIPES u.a.

Review Datum. 2010-03-31
Kinostart Deutschland. 2010-04-01

Ich muss schon sagen: FINEST ist a bissl sehr hoch gegriffen. BROOKLYN'S MOST UNINSPIRED hätte es auch getan. Mit den "Feinsten" sind im amerikanischen Sprachgebrauch für gewöhnlich die Freunde und Helfer der örtlichen Polizei gemeint: ein a priori aufgeklebtes Gütesiegel, das zu brechen Antoine Fuqua sich mal wieder hochheilig geschworen hat. Als Hexenkessel katholischer Schuldkomplexe porträtiert er ein Revier im Brooklyner Drogenkiez Brownsville. Es ist Sommer, es ist heiß, ein Cop hat einen arglosen Schwarzen erschossen, die Stimmung dementsprechend: vom Feinsten.
In diesem Klima nun florieren prächtig die Bullenklischees. Typ 1: Der Desillusionierte. Eddie (Richard Gere) fährt seit 20 Jahre Streife, hat noch sieben Tage bis zur Pensionierung und soll in dieser Zeit junge Rookies einreiten. Er hat einen Kalender zum Abstreichen in der Spindtür, steckt sich in seiner Freizeit ungeladene Knarren in den Mund und liebt eine Hure.

Typ 2: Der Korrupte. Sal (Ethan Hawke) gehört einem Sonderkommando an, das mit viel Gebrüll Drogennester aushebt. Die dreckige Kohle, die dabei anfällt, wandert direkt in seine Taschen, schließlich hat er einen ganzen Stall Kinder zu versorgen und eine Frau (Lili Taylor), die vom Schimmel in den eigenen vier Wänden husten muss. Abends spielt er mit den Kollegen Poker, und wenn ihm die Sünden über den Kopf wachsen, geht er sich im Beichtstuhl ausweinen.
Typ 3: Der Sympathisant. Tango (Don Cheadle) operiert undercover und hat an dem netten Dealer Caz (Phoenix aus dem DTV-Regal: Wesley Snipes) einen Narren gefressen. Als er beauftragt wird, den Kumpan zu verknacken, wirft er das Dienstbüchlein vorläufig beiseite. Seine Frau will die Scheidung, seine Schuhe sind drei Nummern zu phat, und außerdem: Tango und Caz? Ernsthaft?

Und wie! Mit schmiedeeisernem Pathos monumentalisiert Fuqua den dürftigen Stoff zur griechischen Tragödie und treibt ihm so noch den letzten Rest Pulp-Saftigkeit aus. Wie schon im ähnlich gelagerten TRAINING DAY erschöpft sich seine Bad-Cop-Worst-Cop-Routine dabei in unheilschwangeren Blicken, dichten Schatten und ewig dräuendem Cellogebrummel. Michael C. Martins Skript, ein wichtigtuerisches Sammelsurium gefälliger moralischer Halbheiten und dramatischer Standardsituationen, hat die Genre-Messlatte, die in den letzten Jahren von hochklassigen Polizeiserien wie THE SHIELD gelegt wurde, nicht mal entfernt im Visier.

Ohne Gespür für Stringenz schleust Martin seine Figuren durch eine Reihe zielloser Matchbox-Konflikte, in denen sich die Temperamente wie Aufziehautos spannen – meist, indem Leute wild durcheinander schreien – und dann urplötzlich in einem Fausthieb oder Pistolenschuss entladen. Per Cross-Cutting wird die Parallelität der drei Erzählstränge exzessiv ausgemolken, manche Szenen auf geradezu lächerliche Weise gestreckt. Am Ende wird, weil Originelleres nicht einfällt, tüchtig zur Ader gelassen. Man mag Fuqua zu Gute halten, dass er auf das schicksalhafte Relevanzgemurmel, das baugleiche Episodenschinken wie L.A. CRASH oder BABEL so unerträglich macht, weitgehend verzichtet; dafür ist BROOKYLN'S FINEST aber auch schlichtweg zu schlampig konstruiert.

Anders als in den großen New-York-Filmen der 70er – etwa THE FRENCH CONNECTION oder THE SEVEN-UPS – erscheinen die Figuren mit ihrer Stadt nicht organisch verwachsen, sondern irren herum mit der Willkür halbherziger Touristen. Geres knopfäugige Lethargie passt da noch am besten hinein, während Hawke sich mal wieder eifrig die Stressadern aus der Stirn drückt und Cheadle in seinem Pusher-Outfit wirkt wie ein zaghaftes Kind beim Fasching. Fuquas Weigerung, sich die Finger am Straßenstaub schmutzig zu machen, offenbart sich v.a. in seiner fetischistischen Begeisterung für den Kamerakran, der epischen Distanzmaschine schlechthin: Wie der Welt langsamster Aasgeier senkt er sich von den Oberbahnschienen aufs Pflaster hinab und pickt auf, was New York ihm an schäbiger Schönheit zum Fraß vorwirft. Den Boden berührt er nicht.

(P.S.: Das bei derartigen Stoffen mittlerweile unumgängliche THE WIRE-Alumni-Suchspiel ergibt: Omar, Wee-Bey, Clay Davis.)











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