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DELIVER US FROM EVIL (Dänemark 2009)

von Marc Zeller

Original Titel. FRI OS FRA DET ONDE
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. OLE BORNEDAL
Drehbuch. OLE BORNEDAL
Musik. STEFAN NILSSON
Kamera. DAN LAUSTSEN
Schnitt. ANDERS VILLADSEN
Darsteller. LASSE RIMMER . LENE NYSTRØM . JENS ANDERSEN . PERNILLE VALLENTIN u.a.

Review Datum. 2009-09-15
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Eine schwarzhaarige Frau erscheint auf der Leinwand, mitten auf einer leergefegten, von hohem Gras und den sanften Wogen des Meeres gesäumten Landstraße. Sie erzählt etwas von einem kleinen dänischen Dorf, und von den Menschen, die dort leben. Von Lars (Jens Andersen), dem ständig alkoholisierten Kraftfahrer, der gleich in einen Unfall verwickelt werden wird, dessen Folgen die Dorfgemeinschaft in ihren Grundfesten erzittern lassen wird. Von Lars’ Bruder Johannes (Lasse Rimmer), der sein Leben als erfolgreicher Anwalt und Familienvater ganz offensichtlich gut im Griff hat. Noch. Und von Ingvar (Mogens Pedersen), dem ehemaligen Soldaten, dessen geliebte Frau Anna nur Augenblicke später von Lars’ Lastwagen erfasst und überfahren werden wird.

Ein bisschen erinnert das an Berthold Brechts Verfremdungseffekt, was Ole Bornedal mit seiner vorgeschalteten, bewusst von der Geschichte zurücktretenden Erzählerin in DELIVER US FROM EVIL abzieht. Brecht versuchte seinerzeit, den Theaterbesuchern durch diesen Effekt die Illusion zu nehmen, sie sähen direkt die Realität vor sich auf der Bühne. Ähnlich wirkt sich das auch bei Bornedal aus: Zu sehen ist nicht ein explizit benanntes, tatsächlich existierendes Dorf in Dänemark – vielmehr breitet der Regisseur ein Beispiel aus, einen beliebig gewählten Ort mit möglicherweise überall anzutreffenden Menschen. Und das macht alles, was Bornedal zu bebildern hat, nur noch erschreckender.

Es geht um die großen Probleme des modernen Dänemark, vielleicht der ganzen westlichen Welt, die der Kinovirtuose exemplarisch im Mikrokosmos seines Dorfes kulminieren und eskalieren lässt: Frustration, Fremdenhass, zerrüttete Familien, Existenzängste, häusliche Gewalt, extremer Alkoholkonsum. DELIVER US FROM EVIL lässt die entscheidenden Rädchen unaufhaltsam ineinander greifen und entfaltet mit erschütternder Konsequenz ein beängstigendes Szenario, das sinfoniegleich in einem Crescendo entfesselter Gewalt gipfelt. An Erlösung ist nicht einmal zu denken, der aus dem Vaterunser entliehene Titel nur gallige Ironie im Angesicht der verhängnisvollen Wut, die immer unkontrollierter alles Menschliche verzehrt. All das fängt Dan Laustsens Kamera in nordisch unterkühlten Bildern ein, zeitweise in grell überhöhten Kontrasten, immer ganz dicht an der handwerklichen Perfektion, die ihn auszeichnet.

Dieses sensationelle Ereignis von einem Film, das mehr thematisch als stilistisch an Ulrich Seidls gesellschaftskritische Dramen erinnert, setzt Bornedals Schaffen nach dem schon unverschämt guten BEDINGUNGSLOS eine noch pompösere Krone auf. Ein Hochgenuss, dessen bitterer Nachgeschmack einem die Tränen in die Augen treibt.











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