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CRAZY HEART (USA 2009)

von Florian Lieb

Original Titel. CRAZY HEART
Laufzeit in Minuten. 112

Regie. SCOTT COOPER
Drehbuch. SCOTT COOPER . THOMAS COBB
Musik. STEPHEN BRUTON . T-BONE BURNETT
Kamera. BARRY MARKOWITZ
Schnitt. JOHN AXELRAD
Darsteller. JEFF BRIDGES . MAGGIE GYLLENHAAL . ROBERT DUVALL . COLIN FARRELL u.a.

Review Datum. 2010-03-03
Kinostart Deutschland. 2010-03-04

Gebrochene Figuren sind ein beliebtes Motiv. Sie spiegeln jemanden wider, der am Boden ist. Sodass man sich mit ihm identifizieren kann, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Wer hat nicht schon mal eine bescheidene Phase durchgemacht? Und diese gebrochenen Figuren werden dann am Ende meist wieder gekittet. Ihre Katharsis bringt sie zurück ins Leben. Ein Hoffnungsschimmer für all jene, die selbst auch noch ein dunkles Tal durchwandern. Das Ganze dabei dem beliebten amerikanischen Mantra entsprechend: Wenn du hinfällst, dann rappel dich wieder auf. Wer liegen bleibt, verliert. Im letzten Jahr präsentierte Darren Aronofsky mit THE WRESTLER eine solche gebrochene Figur. Die stürzt und aufsteht, stürzt und aufsteht. Nur um am Ende entmutigt aufzugeben. Für manche stellt CRAZY HEART den diesjährigen THE WRESTLER dar. Schickt sich doch auch Scott Cooper an, dem Publikum einen gefallenen Helden vorzuführen. Jeff Bridges mimt den Country-Sänger Bad Blake, der mit 57 Jahren dem Ende seiner Karriere entgegenblickt und in Bowlinghallen im Nirgendwo auftritt. Wenn er dann zu Beginn Zeilen singt wie "I used to be somebody. Now I'm somebody else", dann trifft dies nicht nur auf ihn zu, sondern auf all diese gefallenen Helden.

Er war mal wer, dieser Bad Blake (Jeff Bridges), der seinen Taufnamen nur dann verrät, wenn man ihn heiratet. Doch jene Zeiten sind vorbei. Inzwischen fährt er mit "Bess", seinem stotternden Kombi, durch die amerikanischen Südstaaten, um in eben jenen Bowlinghallen und - wenn es gut läuft - kleineren Bars seine alten Lieder zum Besten zu geben. Blake lebt von der Gunst seines ehemaligen Proteges Tommy Sweet (Colin Farrell), quasi einem jüngeren Ebenbild von sich selbst. Später erklärt sich Blake aus Geldnot dazu bereit, als Vorgruppe für Tommy vor 12.000 Fans aufzutreten. Und selbst da geht das Publikum erst richtig ab, als Tommy kurz auf die Bühne kommt, um mit Blake im Duett zu singen. Nachdem dieser zuvor beim Mittagessen schon gar nicht mehr von einem von Tommys Fans erkannt worden ist. Es ist eine harte Zeit für Blake, der darauf spekulieren muss, im Spirituosenladen vom Besitzer seinen teuren Lieblingswhiskey geschenkt zu bekommen. Er will einen neuen Plattendeal für ein Soloalbum von Tommy. Und Tommy will fünf neue Songs aus der Feder von Blake. "I'm not a songwriter anymore. Haven't been in years." Dabei steht seine Katharsis bereits vor der Tür: In Form der alleinerziehenden Mutter und Kleinstadtjournalistin Jean (Maggie Gyllenhaal).

Wie es sich für einen richtigen Rocker beziehungsweise Musikstar gehört, raucht er wie ein Schlot und trinkt, als kenne er kein Morgen. Ein Problem, dass Blake schließlich ins Krankenhaus befördert, nachdem er am Steuer seines Wagens eingeschlafen ist und mit diesem von der Straße abkam. Im Krankenhaus mit einer Gehirnerschütterung und gebrochenen Knöchel aufwachend, sagt man ihm, dass er nicht nur auf seine Zigaretten und den Alkohol verzichten soll, sondern auch 12 Kilo verlieren muss. Ein Opfer, das Blake nicht bereit ist zu bringen. Seines Tanzes mit dem Tod ist er sich dabei bewusst. Als Jean ihn für ein Interview nach seinem Vornamen fragt, erklärt Blake, dieser würde auf seinem Grabstein stehen. Worauf Jean bemerkt, dass dies für die Menschen noch eine Weile dauernd könnte. "Vielleicht, vielleicht auch nicht", entgegnet ihr ein sich der Risiken bewusster Blake. Er hat nichts mehr außer seiner Musik und die will kaum noch jemand hören. Und auch wenn Jean dem Musiker Bad Blake Fragen stellt, so ist sie doch an dem Menschen Bad Blake interessiert. Wie zu erwarten ist, beginnt sich zwischen den beiden eine romantische Beziehung zu entspinnen. Leider eine, die man nie ganz nachvollziehen kann. Nur ein holpriges Element auf einer Straße voller Schlaglöcher.

So fragt Jean ihren neuen Liebhaber gleich zu Beginn, wo denn seine Lieder herkommen. "Aus dem Leben", lautet die Antwort. Dass Blake jedoch erst durch die Beziehung zu Jean wieder in der Lage ist, mit neuen Liedtexten aufzutrumpfen, wirkt bei vier gescheiterten Ehen, einem erwachsenen Sohn, zu dem man den Kontakt abgebrochen hat, und Jahrzehnten auf der Straße reichlich beschränkt. Ähnlich wie so manch andere Wendung, wenn Blake letztlich doch auf Entzug geht, Cooper diese bedeutende und sicherlich nicht leichte Entgiftung dann aber in zwei Überblenden quasi schon negiert. Da hätte man Bridges auch einfach ganz klassisch die Pulle in den Abguss gießen lassen können, um dann frohen Mutes weiter den steinigen Weg jenes Mannes, der sich irgendwie reichlich wenig steinig anfühlt, zu begleiten. Schließlich landet Blake nach jedem Gig mit einem Groupie im Bett. Dieses sieht mal besser und mal schlechter aus. Und wäre sein Stolz nicht so groß, würde es auch mit der Karriere besser laufen. Diese hat er sich wiederum selbst irgendwann verbaut. Insofern taugt die Figur Blake lediglich als weichgespülte Variante eines Randy "The Ram" aus THE WRESTLER. So wie CRAZY HEART gegen den Vorjahreskollegen eigentlich in jedem Belang den Kürzeren zieht.

Nun basiert CRAZY HEART zwar auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Cobb aus dem Jahr 1987, nichtsdestotrotz fühlt man sich unentwegt an Aronofskys Wrestler-Drama aus dem letzten Jahr erinnert. Hüben wie drüben wurde das einzige Kind für die Karriere geopfert und in der Mitte des Filmes dann wieder auf Anreiz der neuen Liebe Kontakt aufgenommen. Der immerhin bei Cooper nur im Drehbuch, nicht jedoch auf der Leinwand stattfindet. Eine mögliche Wende wird dann auch durch eben jene Liebe zu einer alleinerziehenden Mutter angedeutet, wobei die Liebe natürlich auf Probleme stößt. Der Gesundheitszustand der Titelfigur wird dann im Krankenhaus thematisiert, was den Protagonisten aber nicht davon abhält, weiterhin an seinem sündigen Verhalten festzuhalten. Ob sich Robert D. Siegel, Drehbuchautor von Aronofskys Film, von Cobbs Roman hat inspirieren lassen, sei dahingestellt, die Parallelen zwischen den beiden Filmen sind jedoch evident. Sehr zu Lasten von Coopers Regiedebüt, dass ein Jahr zu spät in die Kinos zu kommen scheint und dabei zugleich sehr viel unausgegorener ist, als das bewegender und mitreißender inszenierte Drama um Mickey Rourkes tragischen Wrestler.

Dabei ist der Film keineswegs schlecht, nur eben zu keinem Zeitpunkt besonders originell. Ein unterhaltsames Drama, welches grundsolide, aber auch nicht mehr ist. Wäre da nicht Jeff Bridges, dessen Leistung den einzigen Punkt darstellt, in dem CRAZY HEART seinem Wrestler-Kollegen überlegen scheint. Spielte sich Rourke im Vorjahr eigentlich hauptsächlich selbst, stellt Bridges' Verschmelzung mit Bad Blake eine herausragende Leistung dar, wie man sie von dem Kalifornier nahezu seine gesamte Karriere hindurch gewohnt ist. Sein Bad Blake wirkt in manchen Momenten wie eine krude Mischung aus dem Dude und Kris Kristofferson. Es ist Bridges' intensives Spiel, welches den Film trägt und das ihm seine fünfte Oscarnominierung eingebracht hat. Dagegen können die anderen Schauspieler, unter ihnen Maggie Gyllenhaal, Colin Farrell und als Blakes Kumpel auch Robert Duvall, nicht ankommen. Sie spielen ihre Rollen zufriedenstellend, nicht mehr und nicht weniger. Dafür wurden sie mit zu wenig Tiefe versehen, gerade Farrells Figur, die zwischen der eigenen Karriere und der Loyalität zu ihrem ehemaligen Mentor hin- und hergerissen ist.

Ein Drama über einen Country-Sänger kommt dann natürlich nicht ohne entsprechende Country-Musik aus. Wobei sich diese im Grunde primär auf drei Lieder von Bad Blake beschränkt. "Hold On You", "Fallin' & Flyin'" und "I Don't Know" sind dabei wie auch der Film solide, ohne Begeisterungsstürme auszulösen. Weshalb es von allen Liedern des Filmes letztlich ausgerechnet bei "The Weary Kind" zu einer Oscarnominierung gereicht hat, ist unklar. Im Gegensatz zu einem WALK THE LINE ist es hier jedenfalls nicht die Musik, die den Film zusammenhält, sondern einzig und allein Jeff Bridges. Dessen Leistung ist zugleich auch der einzige Grund, weshalb sich Fox eigentlich bemüht hatte, die Independent-Produktion überhaupt noch in die Kinos zu bringen. Insofern dürfte sich mit diesem Film vermutlich in wenigen Tagen bei der Oscarverleihung ein Kreis für Bridges schließen, der vor fast vierzig Jahren mit DIE LETZTE VORSTELLUNG begann. So passen die Worte des Fremden aus THE BIG LEBOWSKI nicht nur auf Bad Blake in CRAZY HEART, sondern letztlich irgendwie auch auf Bridges selbst: Ein schöner Gedanke, zu wissen, dass es ihn gibt (...). Er macht für uns Sünder gute Miene zum bösen Spiel.











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