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CHILLERAMA (USA 2011)

von Benjamin Hahn

Original Titel. CHILLERAMA
Laufzeit in Minuten. 115

Regie. JOE LYNCH . ADAM GREEN . TIM SULLIVAN . ADAM RIFKIN
Drehbuch. JOE LYNCH . ADAM GREEN . TIM SULLIVAN . ADAM RIFKIN
Musik. PATRICK COPELAND . ANDY GARFIELD
Kamera. WILL BARRATT
Schnitt. MATTHEW BRULOTTE . GAVIN HEFFERNAN . ED MARX
Darsteller. ADAM RIFKIN . RICHARD RIEHLE . RAY WISE . KANE HODDER u.a.

Review Datum. 2011-10-11
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Ein altes Autokino kurz vor dem Abriss. Der Vorführer (Richard Riehle) hat zur letzten Vorstellung gerufen und präsentiert seinem Publikum aus seinem Archiv eine Reihe von Trash-Kurzfilmen:

WADZILLA

Um seine Impotenz zu kurieren, nimmt ein junger Mann an einem Medikamententest teil - mit verheerenden Folgen: Statt auf Trab gebrachter Sacksuppe orgasmiert er jetzt ein Riesenspermium mitten ins New York der 50er Jahre. Irgendwo zwischen Parodien auf MAD MEN und GODZILLA angesiedelte Monster-Horror-Komödie, die ganz bewusst alles falsch und billig macht und damit für einen Lacher nach dem anderen sorgt und dabei kurioserweise nur selten wirklich zotig wird.

I WAS A TEENAGE WEREBEAR

Twilight-Spoof im Kostüm eines 60er-Jahre-Musicals. Total überdreht und total schwul - wer die Bedeutung eines sogenannten Bären innerhalb der Schwulenszene nicht kennt, der ist hier hilflos verloren. Allen anderen aber bietet sich hier eine Szeneparodie, die mitunter gekonnt mit dem besonders männlichen Auftreten schwuler Bären spielt und ironisch bricht. Die Lieder gehen in Ordnung, lediglich die Handlung selbst hätte etwas mehr Fleisch haben können.

THE DIARY OF ANNE FRANKENSTEIN

Der wohl beste Kurzfilm innerhalb CHILLERAMA: Eigentlich hieß Anne Frank von Haus aus Anne Frankenstein und war Nachfahrin des legendären Dr. Frankenstein. Nun werden sie und ihre Familie von Hitler persönlich verfolgt, der mittels der Aufzeichnungen des Doktors einen künstlichen Menschen schaffen will. Wer jenseits von Michael Chabons Roman THE AMAZING ADVENTURES OF KAVALIER & CLAY darauf gehofft hatte, mal "Nazis" und "Golem" in einem Satz sagen zu können, der darf sich freuen: Im Schwarz-Weiß-Film von Adam Green (HATCHET) ist der künstliche Mensch nämlich genau das: ein Golem (gespielt von Kane Hodder), der nach jüdischer Praxis beschworen werden muss. Ein faszinierendes Konzept, voller wunderbarer Gags und exzellent umgesetzt. Die Darsteller sprechen übrigens alle Deutsch. Also, fast alle...

CHILLERAMA ist das richtige Grindhouse: Auf alt getrimmte und bewusst trashig inszenierte Kurzfilme, die gekonnt das Feeling der Periode transportieren, die sie jeweils verkörpern. Umschlossen sind diese Verbeugungen vor den Meisterwerken des vermeintlich wertlosen Billig-Kinos von einer zuweilen sehr charmanten Liebeserklärung an das Kinoerlebnis vergangener Tage, als noch keine Streaming-Angebote und Heimkinosysteme die Menschen zu Heimguckern verkümmern ließen, sondern das ins Kino gehen noch ein gesellschaftliches Ereignis war und selbst die trashigen Filme, die heute direkt auf DVD erscheinen, immerhin noch in diversen Bahnhofskinos gezeigt wurden.

Mit seinem Wehmut und seiner Melancholie hält der Film nicht gerade hinterm Berg, sondern bemüht den der Einfachheit halber immer gern gewählten Anklageholzhammer, aber irgendwie - vor allem, wenn man den Film innerhalb eines Festivals wie dem FANTASY FILMFEST sieht - verzeiht man ihm diese sehr offen zur Schau getragene Klage wider den modernen Zeiten. Denn nicht nur hat der Film in seinem Zetern Recht, er macht das auch noch auf eine sehr überzeugende Art: Wie die Kurzfilme sich hier in die Rahmenhandlung einfügen, wie die Rahmenhandlung selbst erzählt ist, das ist so überzeugend, so harmonisch und gelungen. Jedenfalls bis nach THE DIARY OF ANNE FRANKENSTEIN.

Dann nämlich bricht CHILLERAMA urplötzlich ein und die charmante Trash-Hommage verkehrt sich zum peinlich-platten Sex-Witz. War die Obsession mit (vornehmlich männlichen) Geschlechtsteilen bis hierhin immer mit einem satirischen Unterton versehen, bricht sich nun ein Sex-Splatter Bahn, der "ironisch über-sexualisierten Trash" mit "ordinärer Pseudo-Tabubruch-Gülle" verwechselt. Besser wird dieser Eindruck sicher auch nicht dadurch, dass er seine Filmreferenzen ab jetzt auch nur als reine Filmzitate-Klopperei raushaut und zur redundanten Einfallslosigkeit verkommt. Zwar versucht sich der Film mit einer schicken finalen Wendung zu retten, aber zu diesem Zeitpunkt hat man echt schon jeden Spaß am Film verloren. Zu sehr frustet der depperte Einbruch nach dem sehr starken DIARY-Segment, zu blöd ist die Richtung, die der Film aus reiner Gier nach suppenden Körperflüssigkeiten einschlägt.

Was ist das finale Urteil zu einem Film, der 3/4 lang alles richtig macht und dann zum totalen Reinfall wird? In diesem Fall ist die Lösung dankenswert simpel: Man schaue einfach die drei Kurzfilme und verzichte auf die weitestgehend überzeugende, aber zum Ende hin dann doch enttäuschende Rahmenhandlung.











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