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CHE - GUERILLA (Spanien/Frankreich/USA 2008)

von Björn Lahrmann

Original Titel. CHE: PART TWO
Laufzeit in Minuten. 131

Regie. STEVEN SODERBERGH
Drehbuch. PETER BUCHMAN . BENJAMIN A. VAN DER VEEN
Musik. ALBERTO IGLESIAS
Kamera. PETER ANDREWS
Schnitt. PABLO ZUMÁRRAGA
Darsteller. BENICIO DEL TORO . FRANKA POTENTE . JOAQUIM DE ALMEIDA . MATT DAMON u.a.

Review Datum. 2009-05-09
Kinostart Deutschland. 2009-07-23

Same movie. Different jungle.

Es ist eine paradoxe Binsenweisheit, dass, je ähnlicher sich zwei Dinge sind, ihre Unterschiede umso deutlicher hervortreten. Etwa so verhält es sich mit CHE - GUERILLA, der acht Jahre nach den in REVOLUCION dargestellten Ereignissen einsetzt und Ches glücklosen und letztlich tödlichen Versuch dokumentiert, das kubanische Revolutionsmodell in Bolivien zu wiederholen. Wie eine Wiederholung wirkt an der Oberfläche auch der Film, ein zäh sich dahinschleppender Marsch durchs Unterholz, der die Ausdauer des Zuschauers in ähnlichem Maße strapaziert wie jene der Guerilleros. Wieder wird unter Umgehung einer konservativen Plotführung in knappen Ellipsen zwei Stunden lang gewandert, gehungert, gezickt und gekämpft – gewissermaßen dasselbe in grün, nur, dass das Grün des bolivianischen Urwalds nicht mehr so tief und satt ist wie vormals in Kuba, sondern milchig trüb und ausgebleicht. Womit wir auch schon bei den Unterschieden wären.

Es ist, genau genommen, nur ein einziger: Wo REVOLUCION die Geschichte eines entbehrungsreich erstrittenen Triumphs erzählt, handelt GUERILLA fast ausschließlich vom Scheitern. Ein auffälliges Zeichen dieser Akzentverschiebung ums Ganze sind die gelegentlichen Zahleneinblendungen, die im ersten Teil noch die allmählich schrumpfende Kilometerstrecke nach Havanna markierten, hier dagegen die ins Unbestimmte ansteigende Zahl der verstrichenen Tage anzeigen. Es gibt, anders gesagt, keinen Ziel- und Gipfelpunkt mehr, den es mit Elan zu erklimmen gilt, sondern nur noch ein fatalistisches, bleiernes Erleiden von Zeit.

Entsprechend resignativ reagiert Che auf die zahlreichen Hindernisse und Fehlschläge, die sich vor ihm auftürmen. Das fängt damit an, dass die bolivianische Kommunistenpartei ihm die zugesicherten Mittel aufkündigt, woraufhin die Revolutionäre gezwungen sind, wie Hausierer unter der Landbevölkerung betteln zu gehen. Denkbar schlecht verbreitet sich die Botschaft der gerechten Sache, wenn man den bitterarmen Bauern gerade ihre letzten Eier und Schweine unter der Nase weggefeilscht hat, während das CIA-gestützte Barrientos-Regime allerorts geschickte Lügen streuen lässt, bei den Guerilleros handle es sich um üble Räuber und Vergewaltiger. Hierin liegt auch ein Schlüssel für das Misslingen der bolivianischen Offensive: Mit den veralteten Strategien des Partisanenkampfs im Kopf, ist Che mitten in einen modernen Nachrichtenkrieg hineingeraten. Informationsvorsprung ist hier alles, und als durch einen Fauxpas von Ches neuer rechter Hand, einer Ostdeutschen namens Tania (Franka Potente), wichtige Revolutionspläne nach außen sickern und in der Feuchtigkeit des Dschungels die Telegrafenapparate verrosten, ist das Ende schon so gut wie besiegelt.

Die Ahnung vom Ende bzw. vom Tod steckt dem Film allzeit überdeutlich in den Knochen. Die ausgebluteten Farben künden ebenso davon wie die gespenstisch inszenierten Feuergefechte, bei denen die Kamera stets die Perspektive der im Gebüsch lauernden feindlichen Gewehrläufe einnimmt, und die weiterhin radikal introvertierte Darstellung von Che selbst, dessen Abkapselung von seiner eigenen Filmbiographie zunehmend surreale Züge gewinnt: Versteckt hinter einer grotesken Greisenmaske reist er inkognito in Bolivien ein, mit Halbglatze, Kastenbrille und falschen Zähnen. Seinen wahren Namen legt er ab, verschwindet hinter wechselnden Pseudonymen, bei denen sogar seine engsten Vertrauten ihn rufen müssen. Als sein Asthma schlimmer wird und die Medikamente ausgehen, legt er sich laut keuchend auf ein weißes Pferd, das ihn durch den Wald trägt wie einen komatösen Prinzen. Momentweise erreicht der Film hier – auch dank der dunkel wabernden Ambientflächen von Alberto Iglesias – einen Schwebezustand, der an Terrence Malicks metaphysischen Kriegsfilm DER SCHMALE GRAT erinnert oder gar an die Regenwald-Eskapaden eines Werner Herzog.

Von deren besessener, fiebriger Hingabe ist CHE nichtsdestotrotz meilenweit entfernt; dafür ist er schlechterdings zu verbohrt in seinem Entschluss, sein Sujet bloß aus der sicheren Distanz zu betrachten, zu souverän in seiner professionellen Sprödigkeit, furchtbar souverän, möchte man sagen – und dadurch eben leider auch furchtbar öd. Sogar das Durchbrechen dieser Formel am Ende wirkt berechnend, wenn Ches Erschießung zum ersten und einzigen Moment wird, in dem der Film sich seiner Hauptfigur nicht bloß nähert, sondern gleich mit ihr verschmilzt. Den stocknüchternen Grundeindruck kann das indes auch nicht mehr abfälschen: Guevara has left the building.











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