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CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER (Deutschland 2009)

von Jenny Jecke

Original Titel. CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER
Laufzeit in Minuten. 75

Regie. JÖRG BUTTGEREIT . THILO GOSEJOHANN
Drehbuch. JÖRG BUTTGEREIT
Musik. MARK REEDER . PETER SYNTHETIC
Kamera. THILO GOSEJOHANN
Schnitt. THILO GOSEJOHANN
Darsteller. CLAUDIA STEIGER . JÖRG PLÜSS . SANDRA STEFFL . ADOLFO ASSOR u.a.

Review Datum. 2010-01-08
Kinostart Deutschland. direct-to-video

Superman durfte in den 40er Jahren gegen Hitler kämpfen. Das war noch ein seltenes Vergnügen, welches von der alle Lebensbereiche durchdringenden amerikanischen Propaganda ermöglicht wurde. Er verkörperte zugleich ein Land, welches über sich hinaus wachsen, Superkräfte erlangen musste, um einen Krieg zu gewinnen und eine Messiasgestalt in Strumpfhosen; den Retter, der Widerstand leistet und sich mit seinem wallenden Cape schützend vor die Schwachen stellt. In Zeichentrickform wurde sein Gegner jedes Mythos' enthoben, angreifbar gemacht und lächerlich. Die Tradition des Superhelden in Deutschland ist anders als etwa in den USA eine kaum wahrnehmbare, tut man sich hierzulande doch mit Messias-Gestalten etwas schwerer.

Dankbar muss man deswegen Jörg Buttgereit schon allein dafür sein, dass er der Welt überhaupt einen deutschen Superhelden geschenkt hat. Dieser Captain Berlin kämpfte einst im Widerstand gegen Hitler und lebt nun, im Berlin des Jahres 1973, seine Helden-Identität verbergend, gemeinsam mit seiner Tochter Maria ein Durchschnittsleben als Journalist. Er ahnt nicht, dass andernorts an der Wiederbelebung seines Erzfeindes gearbeitet wird. Ilse von Blitzen (Claudia Steiger), teils SS-Domina, teils arischer Rothwang-Verschnitt, hat sein Hirn einst aus dem Führerbunker gerettet und nun eine Maschine erfunden, um es mit Leben zu erwecken. Mit zwei Phallus-Augen versehen ist das für einen Egomanen angemessen große Gehirn und schon bald ertönt denn auch wieder die Stimme des Führers, der eigentlich lieber mit seinem toten Hund Blondie spielen würde. Doch um die Weltherrschaft zu erlangen muss ein Körper her, ein aus Leichenteilen von Helden des Vaterlands zusammengesetzter Germanikus, dem ausgerechnet der Schrecken des Ostblocks, Graf Dracula höchstpersönlich, den Kuss des Lebens geben soll. Doch der seit Jahren in seinem Sarg verharrende Dracula braucht das Blut einer Jungfrau, um wieder auf die Füße zu kommen. Wer wäre da besser geeignet als Maria, Captain Berlins geliebte blonde und noch dazu vollbusige Tochter?

CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER ist keine Bernd Eichinger-Produktion und auch nicht vom televisionären Wirken eines Guido Knopp inspiriert. Im Gegenteil, Buttgereits Theaterstück, dass von Thilo Gosejohann an zwei Tagen im Berliner Hebbel-Theater aufgenommen und zum Film aufgepeppt wurde, scheint sich eher als Antiserum gegen die Mystifizierung des gescheiterten Malers, Soldaten, Reichskanzlers und schließlich Führers zu verstehen. Buttgereit hat Hitler zum Trash-Bösewicht gemacht und ihn damit zurück in die gern übersehenen Niederungen der Populärkultur geholt. Damit steht er in der Tradition besagter Propaganda-Trickfilme, aber auch von Comics der Zeit und nicht zuletzt Trash-Filmen der 60er und 70er Jahre, die sich am Spiel mit dem Nazi-Kitsch erfreuten. So ist das Stück selbst dann auch von filmischen und Comic-Erzählformen geprägt, was Gosejohann in seiner Nachbereitung mit dem Einfügen von Panel-Überschriften und Sprechblasen, sowie den digital hinzugefügten Abnutzungserscheinungen des Filmmaterials à la GRINDHOUSE entsprechend verstärkt.

Unter anderem auf diesem Wege entgeht CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER dem Vorwurf, eben nur abgefilmtes Theater zu sein, die Wiedergabe eines nicht wiederzugebenden, einmaligen Bühnengeschehens. Das Drama, das sich auf den Brettern, die die Welt bedeuten, abspielt, wirkt auf der Leinwand schließlich nicht wie im Zuschauersaal. Wesentlichen Anteil am Erfolg des Films, der mehr aus ihm macht als die Dokumentation einer Aufführung, hat damit die filmische Umsetzung, wie sie sich beispielsweise im rasenden Wechsel der Schauplätze äußert: mal die Gruft Draculas in Brandenburg, das von Maschinen gesäumte Versteck von Blitzens oder das von Dracula heimgesuchte Schlafzimmer Marias. Elemente wie dieses sind natürgemäß in der Struktur der Vorlage angelegt, was die Selbstverständlichkeit des Unterfangens, CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER in Filmform zu präsentieren noch einmal unterstreicht. Die Künstlichkeit der Kulissenwelt und das theatralische Spiel der Darsteller, allen voran Claudia Steiger, die in mehreren Monologen ihre Pläne zur Erringung der Weltherrschaft vortragen muss und als bad girl auch in einem INDIANA JONES-Film eine gute Figur machen würde, schmiegen sich sanft an die trashige Konzeption des ganzen Spektakels an. Weshalb man CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER als rundum gelungene Unterhaltung mit nicht wenigen satirischen Spitzen und einer – für den deutschen (Medien-) Raum - erfrischenden Respektlosigkeit bezeichnen kann. Der Geist Hitlers wird von unserem Helden vielleicht nicht für alle Zeiten besiegt werden, diese Illusion lässt uns Buttgereit nicht, aber zumindest steht da einer auf der Bühne, der gegen ihn kämpft.











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