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BLISS (USA 2019)

von André Becker

Original Titel. BLISS
Laufzeit in Minuten. 80

Regie. JOE BEGOS
Drehbuch. JOE BEGOS
Musik. STEVE MOORE
Kamera. MIKE TESTIN
Schnitt. JOSH ETHIER
Darsteller. DORA MADISON . JEREMY GARDNER . TRU COLLINS . RHYS WAKEFIELD u.a.

Review Datum. 2020-02-19
Kinostart Deutschland. 2020-02-20

Kleine, unabhängig produzierte Genre-Filme mit knappen Budgets, aber verdammt viel Herzblut im Gepäck. So könnte man die Filme einer Gruppe von Newcomer-Regisseuren beschreiben, die in der Vergangenheit den einen oder anderen Achtungserfolg erzielen konnten. Tief verwurzelt in der Indie-Szene, eint die jeweiligen Filmemacher ein spezifischer Inszenierungsstil, der sowohl experimentelle als auch traditionsbewusste Ansätze berücksichtigt. Verspielte Mumblecore-Elemente und zackige B-Movie-Referenzen sind hier keine Gegensätze mehr, sondern Teil einer Haltung, die eine ergebnisoffene Spielwiese auf allen erdenklichen Ebenen beinhaltet. Geschmackssicher serviert, aber ohne die Anbiederung an das Baukastenprinzip und die ewigen Wiederholungsschleifen des Mainstream-Kinos.

Der amerikanische Regisseur Joe Begos verkörpert diese Herangehensweise zwar nicht ganz so hervorstechend wie z.B. Jeremy Gardner (BEN & MICKEY VS. THE DEAD), nichtsdestotrotz zählt Begos zu den Vorreiter-Regisseuren, die in diesem Zusammenhang beispielhaft genannt werden können. Mit seinen ersten beiden Werken ALMOST HUMAN (2013) und THE MIND's EYE (2015) verbeugte sich Begos sehr gekonnt vor den großen Horror-Klassikern der achtziger Jahre. Trotz erfolgreicher Festival-Auftritte, einer globalen Auswertung der Filme im Direct-to-Video-Segment und überwiegend guten Reviews, blieb es bis 2019 ruhig um den Filmemacher. Die vierjährige Schaffenspause scheint Begos jedoch gut getan zu haben. Mit seinem dritter Langfilm hat der Regisseur nicht nur sein bislang reifstes Werk abgeliefert, sondern gleich einen der eindrücklichsten Midnight-Movies der letzten Jahre.

BLISS erzählt von der jungen Künstlerin Dezzy (überzeugend: Dora Madison), deren ausschweifender Lebensstil sie im Laufe der Jahre in eine äußerst prekäre finanzielle Situation gebracht hat. Ihre Geldsorgen sind allerdings nicht ihre einzigen Probleme, denn auch mit ihrer Kunst kommt sie nicht mehr so recht voran. Nach dem Konsum einer neuen Droge mit Namen Bliss, ist ihre künstlerische Ideenlosigkeit und die damit einhergehende Blockade schlagartig wie weggeblasen. Ein Bild, das längt aufgegeben war, nimmt plötzlich Form und Farben an. Die Leinwand füllt sich mit Leben und nach und nach wird ihr klar, dass sie mit diesem Bild eine höhere Kunstsprache erreichen kann. Die Einnahme der Droge verändert Dezzy aber ebenso auf anderen Ebenen. Ein schier unstillbarer Durst nach Exzessen und Grenzüberschreitungen nimmt von ihr Besitz und treibt sie immer wieder auf die Straßen und in die Bars und Clubs. Die ersten Opfer lassen nicht lange auf sich warten. Und es werden nicht die Letzten sein.

Es ist nicht überraschend das BLISS irgendwann zu einer einzigen Raserei wird. Dezzy verliert jeglichen Halt und lässt mit einer selten in dieser Konsequenz gefilmten Hemmungslosigkeit alle Grenzen hinter sich. Begos begleitet sie dabei mit einer entfesselten Kamera, die ihr so nah wie möglich kommt und die einzelnen Stationen ihrer Reise ans Ende der Nacht mit einer ausgesprochen dynamischen Bildsprache (gedreht in 16mm) unterfüttert.

BLISS ist gleichermaßen surrealer Drogen-Trip, drastischer Hardcore-Horror und letzten Endes auch düsteres Künstlerportrait mit feministischer Note. Begos Film besticht dabei durch temporeiche Dialoge und eine erstaunlich vielschichtige, psychologisch stimmige, Charakterzeichnung der Hauptfigur. Interessant ist diesbezüglich, dass die Figuren und die Szene in der sie sich bewegen seltsam aus der Zeit gefallen wirken. Der Underground-Kultur die Begos in diesem Kontext zeigt fehlt jeglicher Glamour. Es ist ein durch und durch versifftes, schnelllebiges und oberflächliches Leben mit dem man als Zuschauer konfrontiert wird. Ein Leben auf Messers Schneide.

Los Angeles als Handlungstreiber taugt dabei kaum als schillernde Weltmetropole, sondern wird vielmehr als moralisch verkommener Ort charakterisiert. Nur folgerichtig, dass Dezzy hier und wirklich nur hier ein Kunstprojekt von lebensverachtender Monstrosität erschafft. Die Malerei als Einfallstor für Tod und Verderben. Ein Thema, das 2017 auch Sean Byrne mit THE DEVILS CANDY beackerte, diesbezüglich allerdings wesentlich dominanter die positiven Seiten des Hauptprotagonisten herausstellte.

Begos vermeidet derlei Zugeständnisse und geht nicht nur bei der stark narzisstisch veranlagten Hauptfigur auf Konfrontationskurs. Er zeigt expliziten Sex, drastische Gewalt und verspritzt dabei jede Menge Körperflüssigkeiten. All das von einem aggressiv nach vorne peitschenden Metal-Soundtrack unterlegt, der oftmals geradezu kakophonische Klangteppiche aufbaut und diese erbarmungslos in die Gehörgänge des Publikums schmettert. BLISS ist wahrlich kein Zuckerschlecken, macht aber nie den Fehler zum bloßen Sex- und Gewaltspektakel zu verkommen. Von sinnbefreiter, intelligenzverachtender Exploitation-Ware ist der Film somit kilometerweit entfernt.

Begos mutet seinem Publikum viel zu, behält aber stets den Kontext und die Themen unter der Oberfläche (Sucht, Selbstbetrug, toxischer Hedonismus, tiefe Einsamkeit) im Blick. Ein verstörender Film. Das ist BLISS definitiv. Es ist aber gleichzeitig auch ein Genre-Rundumschlag, der eine unheimliche Power hat und einen Flow entwickelt, der einen schnell packt und bis zum Schluss nicht mehr freigibt. Ein intensives Filmerlebnis, das zur vollen Entfaltung ohne Frage die große Leinwand braucht. Umso erfreulicher, dass sich hierzulande ein Verleih gefunden hat, der den Film in (ausgewählte) Kinos bringt. Da wo er hingehört.











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