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THE BIG SHORT (USA 2015)

von Andreas Günther

Original Titel. THE BIG SHORT
Laufzeit in Minuten. 130

Regie. ADAM MCKAY
Drehbuch. CHARLES RANDOLPH . ADAM MCKAY
Musik. NICHOLAS BRITELL
Kamera. BARRY ACKROYD
Schnitt. HANK CORWIN
Darsteller. CHRISTIAN BALE . RYAN GOSLING . STEVE CARELL . BRAD PITT u.a.

Review Datum. 2016-02-02
Kinostart Deutschland. 2016-01-14

Einen schwungvollen und mitreißenden Film über die Finanzindustrie abzuliefern, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Jedenfalls dann, wenn nicht koksende, prassende, wollüstige oder einfach nur zynische Schurken von zweifelhafter Faszination im Mittelpunkt stehen sollen wie in Oliver Stones WALL STREET (die larmoyante Fortsetzung bleibe unerwähnt), Scorseses WOLF OF WALL STREET oder mit Jeremy Irons in Chandors DER GROSSE CRASH - MARGIN CALL. Sondern stattdessen die immer nur schemenhaft erkennbare, letztlich ruinöse Akrobatik der Geldanlage, der Schleier, der sich wie von selbst darum webt - und echte Menschen in ihren Stärken und Schwächen, die damit zu tun haben. An so einer Vorgabe gemessen, gelingt THE BIG SHORT eine außerordentliche Leistung.

Eine hochkreative Crew und ein glänzend aufgelegtes Star-Ensemble rekapitulieren die US-amerikanische Immobilienkrise, aus der eine weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hervorging, als dramatische Farce. Mit ihrem vielschichtigen, intelligenten und trotzdem eingängigen Gewebe aus visuellen und akustischen Assoziationen, charismatischen Einzelauftritten und ironischen Gruppenbildern, Ansprachen ans Publikum und intensivem Kammerspiel liegt sie fern von Hollywood irgendwo zwischen dem literarischen Expressionismus eines John Dos Passos und dem epischen Theater der Verfemdungseffekte eines Bertolt Brecht.

Obwohl Adam McKay als Regisseur wie Co-Autor reichlich Gelegenheit hat, sich wie in seinem ANCHORMAN-Franchise seiner komischen Ader zu überlassen, wäre das berauschende Gesamtergebnis ohne die wohltemperierte Arbeit von Kameramann Barry Ackroyd und Editor Hank Corwin absolut undenkbar. Ackroyd hat bei seinen Aufnahmen ein sicheres Gespür für das richtige Maß an Agilität und Geduld. Corwin rhyhthmisiert die Bilder in der richtigen Dauer und verbindet sie mit Stockmaterial aus dem Entertainment-Betrieb der 2000er Jahre, das niemals bloß illustriert, sondern vor allem die kollektive Selbsttäuschung einer Nation im Konsumrausch enthüllt. Die Veränderungen gegenüber der Buchvorlage von Michael Lewis - mögen sie nun der Dramaturgie oder juristischen Hindernissen geschuldet sein - sind verkraftbar, schwächen aber die dokumentarische Grundlage des Films.

Die Kunstfertigkeit von THE BIG SHORTfordert natürlich den Vergleich mit dem Genie der Einfachheit heraus. Das bewies Frank Capra. Auf dem ersten Höhepunkt der Drepression führt er in DER TAG AN DEM DIE BANK GESTÜRMT WURDE (1932) tragikomisch unter der Oberfläche des psychologischen Realismus das Wohl und Wehe einer Bank als schlichte ritualisierte Maschinerie der Bezeugung von Vertrauen und Misstrauen vor. Überraschenderweise trifft er damit immer noch ins Herz. THE BIG SHORT dagegen setzt sich dem Verdacht aus, von seinen Schwachpunkten gerade dadurch abzulenken, dass sie allzu offensiv im Vordergrund stehen.

Eine Reihe kritischer Fragen drängt sich auf. Soll die Exzentrik der zentralen Akteure nicht eine Menschlichkeit vorgaukeln, für die doch eigentlich kein Platz ist, wenn es um Milliarden und Billionen geht? Ist es im Hinblick auf die Krisenhistorie korrekt, Fondsmanager und Banker einander gegenüberzustellen wie ehrliche Cowboys und fiese Rancher? Hat der Markt letztendlich immer recht oder ist das ein neoliberales Phantasma? Und darf ein Film so kompliziert sein, dass ihn eigentlich nur Leute verstehen, die täglich in der FAZ die Berichte über die neuesten Tricks der Hütchenspieler von der Wall Street studieren?

Auf das Buch von Michael Lewis ist zurückzuführen, dass die Finanzjongleure im Mittelpunkt von THE BIG SHORT so sympathisch sind. Die Wahl genau ihrer Perspektive auf die Hypothekenkrise wirkt wie die ultimative Apologie der globalen Geldwirtschaft. So anrührend können Menschen sein, die Irrsinssummen bewegen! Wer kann dagegen etwas haben? Nur bei einem einzigen von ihnen würde Gordon Gekko, der Gierhals aus Stones WALL STREET, einen Fuß in die Tür kriegen. Die anderen würden seine Bewerbung sofort schreddern und ihn mit Flüchen aus dem Büro jagen, sollte er sich dort blicken lassen. Alle von ihnen verdienen Massen von Geld, als die Blase am US-amerikanischen Häusermarkt platzt, und doch trägt niemand von ihnen daran Schuld, dass Millionen Menschen ihr Dach über dem Kopf verlieren. Das und die Tatsache, dass sie kräftig auf die bösen Investmentbanken schimpfen, die mit faulen Hypthekenanleihen gedealt haben, scheint vollauf zu genügen, um sie nicht nur als Gewinner, sondern auch als moralische Helden dastehen zu lassen. Zwei ragen dabei besonders heraus.

Bei der Verkörperung von Michael Burry entfernt sich Christian Bale noch weiter vom Batman-Image als in AMERICAN HUSTLE. Der ehemalige Arzt Dr. Michael Burry ist das absolute Gegenteil von allen Vorstellungen, die über Fondsmanager herumschwirren - mit Ausnahme des Umstands, dass er so beschäftigt ist, dass er in seinem Büro nicht nur arbeitet, sondern auch schläft und ißt. Ausgestattet mit einer Frisur, die an die erste Generation von Playmobil-Figuren erinnert, traktiert er zu imaginären Musikstücken mit Schlagzeug-Sticks Schreibtisch und Computer-Tastatur, während er seinen Untergebenen Anweisungen erteilt. Für die Entspannung dröhnt er sich mit Heavy Metal zu.

Beim Sprechen, das oft stockt, rollt der Kopf bisweilen unkoordiniert und wie benommen auf den Schultern, mit Augen, die stets ausweichen. Das ist dem Glasauge geschuldet, oder dem Asperger-Syndrom, der krankhaften Scheu vor anderen Menschen. Im biographischen Rückblick jubelt ein attraktives amerikanisches Ehepaar dem Sprößling beim Football zu, hält aber erschreckt inne, als es gewahrt, dass ihr Kleiner panisch das gerade verlorene Glasauge im Rasen sucht und das Feld räumen muss. Nach der kurzen Spotteinlage hat sich der Film schnell wieder im Griff und präsentiert Burry als von Handicaps gebeutelten, grotesken underdog, dessen geheime Kräfte ihm Erfolg bringen werden, wenn er am Finanzmarkt darauf wettet, dass die Hyothekendarlehen zwischen San José und New York mittelfristig nicht mehr bedient werden können. Erst recht soll er über die geschniegelten Lackaffen von Goldman Sachs obsiegen, die die Frechheit besitzen, ihn für einen Einfaltspinsel zu halten. Dass die einskommafünf Milliarden Dollar, die er für seine Investoren zu generieren gedenkt, eigentlich eine obszön hohe Summe sind, regt niemanden auf. Je höher der Gewinn ausfällt, umso mehr erweist sich ja, wie recht der Außenseiter hat, und Außenseitern ist jeder Profit zu gönnen.

Der ehemalige Komiker Steve Carell darf seine recht beachtliche Reihe von Charakterdarstellungen um die des Mark Baum erweitern, der im Buch Steve Eisman heißt. Baum entspricht einigermaßen dem Bild des Fondsmangers. Aber er profiliert sich eher als skeptischer Denker denn als Rechner, und er knallt den Leuten unverblümt vor den Latz, was er für die Wahrheit hält und was sie machmal auch ist. "Er sucht im Werk Gottes Inkonsistenzen", berichtet im Rückblick sein Rabbi entgeistert über die Beteiligung des kleinen Mark am Religionsunterricht. "Und? hat er welche gefunden?" fragt seine Mutter zurück. Mark Baum ist ein empfindsamer Mensch, der sich am Anfang einer Therapiesitzung über Kollegen erregt, die mit fiesen Tricks Mittelschichts-Amerikaner in den Ruin treiben. Die Therapie soll ihm helfen, den Selbstmord seines Bruders zu verkraften. Wenn er sich mit seiner Frau Cynthia (Marisa Tomei) über den großen Verlust unterhält, rinnen ihm Tränen über die Wangen. Wer will einem so sensiblen Geschäftsmann nicht den ganz großen Triumph zugestehen? Es tut durchaus gut, dass ihn die Angestellte einer Rating-Agentur, die er wegen zu hoher Bonität für Hypothekenanleihen kritisiert, zwischendurch mal einen Heuchler nennen darf.

Liebenswert, weil so ungewöhnlich, wirkt auch das Duo aus dem großgewachsenen Schönling Jamie (Finn Wittrock) und dem eher kleinwüchsigen Charlie (John Magaro). Total bescheiden führen sie ihre Anlagegeschäfte von der Garage aus, obwohl sie einen Fonds von immerhin 30 Millionen Dollar Umfang verwalten. Ben Rickert, ein sehr bärtiger und bebrillter Öko-Freak und Ex-Banker, in den Brad Pitt sich einigermaßen rückstandslos zu verwandeln weiß, bahnt ihnen das große Geschäft mit den Wetten gegen die miesen Hypothekenanleihen. Er macht sie richtig reich, aber liest ihnen auch die Leviten darüber, welche Verwerfungen eine weltweite Finanzkrise auslöst. Am Ende wollen Jamie und Charlie sogar die Banken wegen ihrer Betrügereien und Irreführungen bezüglich des wahren Werts der Hypothekenanleihen anzeigen - vergeblich. Den einzigen maßgeblichen Akteur, der nennenswerte Ähnlichkeiten mit einem Teufel aufweist, mimt Ryan Gosling mit schwarzer Perücke wie einer harten Kappe auf dem Schädel. Baum und seinem Team macht sein Jared Vennett (im Buch Greg Lippman) von der Deutschen Bank den Mund auf Wetten gegen die Hypothekenanleihen durch den Ankauf von so genannten Credit Default Swaps wäßrig. In direkter Ansprache sucht er dem Zuschauer die Augen für die Abgründe der Wall Street zu öffnen.

Doch welchen Demonstrationszweck Gosling/Vennett gerade verfolgt, wenn er aus mit Bauklötzen nachgestellten Tranchenschichten von Hypothekenanleihen mit (scheinbar) unterschiedlicher Bonität einige Elemente herauszieht, so dass der Turm einstürzt, erschließt sich nur einigermaßen in die Materie Eingeweihten. Wie zu bewerten ist, was vor sich geht, weiß der Zuschauer nur, weil er weiß, dass die Helden immer recht haben, und dass das überhebliche Auftreten ihrer Gegner von den Investmentbanken, seien sie nun Betrüger oder unwissend, mit Gelächter zu bedenken ist. Außer wenn Teenie-Star Selena Gomez zusammen mit einem renommierten Ökonomen am Spieltisch von Las Vegas recht nachvollziehbar vorführt, wie eine besonders vertrackte Immobilien-Wertpapier-Konstruktion die in sie gesetzten Erwartungen sehr gründlich enttäuschen kann.

Der Markt bricht zusammen. Und doch hat er immer recht. Es kommt nur darauf an, ihn richtig zu lesen. Die Gewinne, die Burry und Baum, Jamie, Charlie, Rickert und Vennett einstreichen, beweisen es. Das Problem besteht lediglich darin, dass falsche Informationen über den Markt verbreitet werden. Um die tatsächliche Lage zu ermitteln, studiert Burry Darlehensverträge und Fundamentaldaten bis an die Grenze der Erschöpfung. Baum geht mehr empirisch vor, schickt seine Leute aufs Land, wo sie auf massenweise leerstehende Häuser stoßen, und hört entgeistert Striptease-Tänzerinnen zu, die sich schon die vierte Hypothek aufgebürdet haben. Das kann ja gar nicht gut gehen!

Was eigentlich ein marktkritischer Film sein müsste, erweist sich als seine hartnäckigste Verteidigung. Wer seinen eigenen Grips anstrengt wie die Fondsmanager in THE BIG SHORT, findet eben die Wahrheit über den Markt heraus und wird dafür reichlich belohnt. Darin liegt eine Gerechtigkeit, die viel wirksamer ist als die der Justiz. Wenn Stars diese Botschaft verkörpern, wirkt sie umso glaubwürdiger. Die am Schluss eingeblendete Mitteilung, es drohten neue faule Hypothekenanleihen, liest sich wie eine weitere Herausforderung für kluge Köpfe. In THE BIG SHORT rettet jedenfalls wieder einmal eine Handvoll verwegener Einzelgänger den amerikanischen Traum. Wenn dabei so viel Raffinesse am Werk ist, streckt die Ideologiekritik am angeblich rational begreifbaren Finanzmarkt die Waffen.











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