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AVENGERS: INFINITY WAR (USA 2018)

von Andreas Günther

Original Titel. AVENGERS: INFINITY WAR
Laufzeit in Minuten. 149

Regie. ANTHONY RUSSO . JOE RUSSO
Drehbuch. CHRISTOPHER MARKUS . STEPHEN MCFEELY
Musik. ALAN SILVESTRI
Kamera. TRENT OPALOCH
Schnitt. JEFFREY FORD . MATTHEW SCHMIDT
Darsteller. CHRIS EVANS . ROBERT DOWNEY JR. . SCARLETT JOHANSSON . DON CHEADLE u.a.

Review Datum. 2018-04-26
Kinostart Deutschland. 2018-04-26

In Marcel Prousts Romanzyklus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" sollen - denn keiner weiß das wohl so ganz genau - ungefähr vierhundert namentlich gekennzeichnete Personen auftauchen. Allerdings ist das Auftreten auch sehr prominenter Gestalten auf einige Bände beschränkt. Irgendwann ist eben Marcels Großmutter tot, und den Schmerz über sie überlagert bald der Verlust von Albertine, und so weiter. Das Figurenkabinett bleibt übersichtlich. Das Heldenuniversum von Marvel hingegen dehnt sich im Gegensatz zu dem von Marcel immer weiter aus. Die Befürchtung, dass es auseinanderplatzen könnte, wächst mit. Doch diese Sorgen erweisen sich zumindest in der neuen - Episode? - AVENGERS: INFINITY WAR als unbegründet. Sattdessen gibt es weitaus gravierendere Mängel zu beklagen, auch wenn durchaus von einigen Stärken die Rede sein darf.

Ein titanhafter Bösewicht aus den Finsternissen des Weltalls namens Thanos, in dessen opulenter Maske Josh Brolin stecken soll, schickt sich diesmal an, allem Leben ein Ende zu bereiten - nicht nur auf der Erde, sondern im ganzen Universum. Dazu braucht er fünf Wundersteine. Seine gewalttätige Art, sie sich anzueignen, bringt ihn schnell auf Kollisionskurs mit den Avengers. Von denen hat Dr. Strange (Benedict Cumberbatch) einen, den Zeitstein, und Vision (Paul Bettany) den Visionen-Stein. New York, Schottland, London sowie Planeten wie Wakanda und das etwas weniger bekannte "Nirgendwo" sind Stationen der Steine-Jagd, die Schneisen der Verwüstung in Hochhäuserlandschaften, Savannen und Raumgleiter-Häfen reißen.

Das wilde Kräftemessen der Zauberwaffen und -mittel fällt dabei keineswegs so kurzatmig aus wie es sich anhört. Dieselben Autoren, die zuletzt das platte Nullsummenspiel THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR vermurkst haben, konstruieren nun Handlungsbögen wie für romanische Kathedralen. Der genozidale Thanos bekommt ein Herzeleid in Gestalt seiner Adoptivtochter Gamora (Zoe Saldana) angeheftet, das ins Opfertragische ausufert und emotionale Bande stiftet, die auch während der endlosen Raufereien der Netze- (siehe Tom Holland alias Peter Parker alias Spiderman), Feuer- (sehr viele) und Keulenschleuderer (Chris Hemsworth als Thor) halten.

Aber solche Gefühlsaufladungen haben ihren Preis, nämlich weitschweifige Einführungen neuer Akteure. Obwohl ihr jüngster aufeibender Einsatz in Manhattan eigentlich noch gar nicht abgeschlossen ist, sind Iron Man (Robert Downey jr.), Spiderman, Dr. Strange und Hulk (Mark Ruffalo) erst einmal geschätzte zwanzig bis dreißig Minuten nicht zu sehen - so viel Zeit braucht Gamora für eine unheimliche Wiederbegegnung mit Thanos. Auf dem Weg zur unangenehmen Begegnung reist sie in einem Raumschiffchen als Mitglied einer Mannschaft, die der von Han Solo überdeutlich nachempfunden ist, mit Chris Pratt als dessen unverhohlen halbparodistischem Wiedergänger "Star Lord". Die Abkupferei erregt merkwürdigerweise keinen Anstoss. Eher die furchtbar grobe Verkürzung von Unterhaltung auf repetitive Abschlachterei amorpher Feinde, erst recht auf des schwarzen Panthers (Chadwick Boseman) Wakanda.

Sicher drohen die Neuzugänge den Film zu übervölkern. Aber sie bringen auch frisches schauspielerisches Schauspielerblut ein. Dagegen wirken der Iron Man und Black Widow Scarlett Johansson mit ihren zwei Darstellermodi Ironie und Pathos richtig anämisch. Mark Ruffallo als Hulk und noch viel mehr Benedict als Cumberbatch als Dr. Strange nehmen höchst souverän die Aura von Wesen einer Parallelwelt an, die faszinierend unnahbar wirken, selbst wenn sie scherzen. Vielleicht hat "Sherlock" Benedict Cumberbatch einfach das richtige Maß an Übung darin, einen Mythos zu verkörpern. Wenn sein Dr. Stephen Strange mit Handflächen die Luft zu polieren scheint, bis glühende Reifen entstehen, die er bald als Waffe benutzt, bald als Schlupfloch in andere Räume, ähnelt er nicht nur äußerlich, sondern bis in die Nuancen seiner elegant-magierhaften Gebärden hinein auf verblüffende und erfreuliche Weise dem großen Vincent Price.

Die Probleme des Films liegen woanders und sind, um es knapp auszudrücken, strukurell-ideologischer Natur. Die Wundersteine sind ein toller Einfall. Die Dimensionen, die sie eröffnen, kompensieren das enger werdende Marvel-Universum mit flexiblen Auf- und Abtritten. Zu den Interaktionsformen der Konfrontation (Schlacht), der Begegnung (freundschaftliche Umarmung mit geziemlichem Schulterklopfen) und der Überrumpelung (die Gefahr lauert mitten unter den Helden wie ein Springteufel) gesellt sich das unvermittelte Verschwinden und Wiederauftauchen oder gar das Uminterpretieren von Realität in Fantasie und umgekehrt. Die Steine in den Ringen an Thanos' Pranken erlauben's . Es wird herrlich verwirrend. Aber es dräut auch das Damoklessschwert der Beliebigkeit. Wo alles möglich ist, ist nichts mehr, sondern nur noch vergänglich. Schuld daran ist ein prüder Monismus. Thanos steht zweifellos für Thanatos, den Zerstörungs- und Todestrieb. Sein Gegenpol ist aufbauende Eros. Davon will das keusche Superheldenkino aber nichts wissen. So reduziert sich das Spiel mit Sein und Nichts auf das Spiel eines Einzelnen mit sich selbst und bringt Erstarrung. Der Solipsismus tötet die gemeinsame Fantasie.

Folgerichtig fällt das Ende für einen Cliffhanger viel zu elegisch aus. Aber es ist deshalb auch außergewöhnlich mutig.











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