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THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR (USA 2016)

von Andreas Günther

Original Titel. CAPTAIN AMERICA: CIVIL WAR
Laufzeit in Minuten. 147

Regie. ANTHONY RUSSO . JOE RUSSO
Drehbuch. CHRISTOPHER MARKUS . STEPHEN MCFEELY
Musik. HENRY JACKMAN
Kamera. TRENT OPALOCH
Schnitt. JEFFREY FORD . MATTHEW SCHMIDT
Darsteller. CHRIS EVANS . ROBERT DOWNEY JR. . SCARLETT JOHANSSON . DON CHEADLE . JEREMY RENNER u.a.

Review Datum. 2016-04-26
Kinostart Deutschland. 2016-04-28

THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR mit dem seit Wochen brav die Massen herbeilockenden BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE in einem Atenzug zu nennen, gebietet sich aus mehr als einem Grund. Beide hätten den Untertitel: 'Versuch, einen Superhelden-Film zu machen' verdient. Denn zu Werken sind sie nicht geworden. Sie zerklüften sich in Ansätze und Entwürfe, die in Halbherzigkeit stecken bleiben oder deren allzu konsequente Ausführung sich in Aporien verliert. Abrupt, ohne Zwischentöne, prallt Pathos auf Parodie, erhabenes Räsonieren über die moralischen Herausforderungen des Guten auf pubertäres Sprücheklopfen, unreflektierte Archaik auf Zukunftsansprüche. Dazwischen wuchern Widersprüche, reißen Lücken in der Verkettung der Geschehnisse auf und ergeben sich falsche Anschlüsse.

Davon darf eigentlich nichts in so teuren Produktionen vorkommen. Marketing-Kalkül, für alle etwas bieten zu wollen und damit das organische Ganze aufs Spiel zu setzen, ein bisschen Ratlosigkeit, Anfälle von Hybris, aber wohl auch Budgetlimits, die in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR unverkennbar auf den letzten Drehmetern zum Verzicht auf ein opulentes Gemetzel geführt haben, sind dafür wohl verantwortlich. Doch die große Crux dürfte noch anderswo liegen - sie spricht sich durch den seltsamen Einklang der beiden jüngsten Superhelden Epen überdeutlich aus.

BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE kommt von Warner und DC Comics, bei THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR ist Marvel führend. Zwischen diesen Kreativmaschinerien müsste aus Marktperspektive Konkurrenz herrschen. Doch stattdessen halten sie anscheinend gemeinsame Story Conferences ab. Hier wie dort gerät der Kampf der Superhelden gegen das Böse durch Kollateralschäden mit menschlichen Opfern in Misskredit. Während Superman sich vor dem Kongress verantworten muss, sollen die Avengers nun nur noch mit Zustimmung der Vereinten Nationen eingreifen dürfen.

"Iron Man" Tony Stark (Robert Downey Jr.) und "Black Widow" Natasha Romanoff (Scarlett Johansson) sprechen sich selbstkritisch dafür aus, eine entsprechende Verpflichtung zu unterzeichnen, "Captain America" Steve Rogers (Chris Evans) weigert sich aus Misstrauen gegen die politischen Agendas der einzelnen UN-Staaten. Wie in BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE entsteht in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR Zwist unter den Superhelden. Und er wurzelt ebenfalls nicht in unterschiedlichen Moralvorstellungen, sondern in Rachebedürfnissen. Vor allem aber stoßen beide Filme an dieselben konzeptionellen Grenzen. Das stärkste Bild in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR drückt am besten aus, was schiefläuft.

Abgesehen von Stippvisiten in Afrika, Sibirien, Wien und angeblich auch Bukarest bildet Berlin - wie sollte es bei Merkel Superstar auch anders sein? - den Hauptschauplatz. Freilich untersteht die deutsche Bundespolizei - wie es sich nun wieder in Hollywood-Streifen gehört - der CIA. Aus ihrem Superknast in der deutschen Hauptstadt prügelt sich brutalstmöglich "Winter Soldier" Bucky Barnes (Sebastian Stan) frei. Mit dem Hubschrbauer will er fliehen. "Captain America" stratzt heran, packt eine der Kufen des Helikopters und hält sich mit der anderen Hand an dem stählernen Ring fest, der das Gebäudedach mit Landeplatz umgibt. "Captain Americas" Bizeps schwillt tüchtig an. Der Hubschrauber gerät ins Taumeln und Schwanken, er kippt zurück über das Dach, die Rotorblätter zersplittern am Beton, dann zerschellt das ganze Fluggerät, es zerkrümelt regelrecht.

Es ist das einzige Mal, dass sich das Regieduo Anthony und Joe Russo Zeit nimmt, um genüßlich zu zeigen, was Kraft bewirken kann - also von dem zu handeln, was in einem Superhelden-Film zu erwarten ist. Die Montage von Jeffrey Ford und Matthew Schmidt hat dafür endlich einmal den richtigen Rhythmus, sie schlägt in einer Action-sequenz einmal nicht das überstürzende Kaskadentempo an, das zwar die stereotype Mechanik der Zwei- und Mehrkampf-Choreographien mit ihrem ewigen Griff an die Gurgel verbirgt, aber auch manchen originellen Einfall untersich begräbt. Nur wird eben bei diesem Auskosten des Augenblicks auch sichtbar, wessen es eigentlich gar nicht mehr bedarf, um globale Konflikte auszulösen oder zu schlichten: eines Übermaßes an Kraft.

Es ist kein übernatürliches Wesen, das die Superhelden gegeneinander hetzt und ihnen furchtbar zu schaffen macht, sondern der ehemalige Söldner Zemon (Daniel Brühl). Hätte er nicht die eine oder andere Bombe dabei, müsste sein Vorgehen, das eine begrenzte Anzahl von Morden, Talent zur Verstellung die energische Suche nach einem alten Codebuch und vor allem das Mittel der strategischen List umfasst, als minimalinvasiv gelten. Im Gegensatz dazu gehören die Kloppereien unter den Avengers und ihrem erweiterten Mitarbeiter-Pool ins Reich des Absurden, wenn damit das eklatante Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag gemeint ist.

Zwar schimpft Secretary of State Thaddeus Ross (William Hurt) später über die Zerstörungen auf dem Flughafen Leipzig. Aber naheliegend ist, dass außer in Babelsberg auf dem Gelände des immer noch nicht zu Ende gebauten Berliner Flughafens inszeniert wurde. Eine Evakuierungsdurchsage erklärt, warum das Areal menschenleer ist. Auf einem großen Infrastruktur-Spieplatz dürfen die Avengers und ihre Helfershelfer, zu denen "Antman" Scott Lang (Paul Rudd) und der neue "Spider-Man" Peter Parker (Tom Holland) zählen, bei ihrem Streit um die richtige Politik für ihre Truppe Flugzeuge, Gebäude und Kraftfahrzeuge zerdeppern.

Einander wirklich wehzutun, funktioniert dabei ja eher weniger gut. "Vision" (Paul Bettany) sägt per Feuerstrahl den Tower ab, damit er auf "Captain America" und "Winter Soldier" kracht. "Scarlett Witch" Wanda Maximoff (Elizabeth Olsen) hält jedoch den Turm in der Schwebe. Da schickt "Iron Man" Tony Stark ihr Elektro-Stöße in den Rücken. Und so weiter, und so weiter. Sehr zuverlässig neutralisieren sich die Kontrahenten gegenseitig. Wer aber hat Lust, ein Fußballspiel anzuschauen, bei dem von Anfang an feststeht, dass es unentschieden ausgehen wird? Batman kann Superman wenigstens mit Krypton zu Leibe rücken. THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR kann sich nur mit Flachserei zwischen den Hieben behelfen, die die Auseinandersetzung zu Spaßkämpfchen Heranwachsender relativiert.

In dramatischer Hinsicht haben die großen Kraftpotenziale bloß den Nutzen, dem Rachebegehren zu plastischer Entladung zu verhelfen. "Iron Man" Tony Stark macht eine schreckliche Entdeckung und will an "Winter Soldier" Vergeltung üben. Weil "Captain America" das nicht zulassen will, wird er seinereits zum Todfeind von "Iron Man". Aus menschlichem Blickwinkel lassen die Akteure mangelnde Einsicht und Verständigungsbereitschaft vermissen, was bei Anhängern der Diskurskultur im Publikum durchaus Langeweile hervorrufen kann. Aber sind Superhelden nicht wie die griechischen Götter - nachtragend und von leicht erregbarem Zorn? Doch so ein Vergleich lässt die Superhelden alt aussehen.

Erstens spielen in der antiken Mythologie und bei Homer die Götter mit den Menschen. In THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR ist es hingegen umgekehrt. Zweitens besteht die Geschichte der griechischen Tragödie darin, dass die Vorherrschaft der Götter mit deren Einverständnis gebrochen und als Konsequenz an die Stelle der Rache die Sühne und die gesprächsweise Versöhnung unter den Menschen treten. "Die Eumeniden" des Aischylos markieren die Wende. Unter dem Schutz von Apollon und Athene wird Muttermörder Orest nicht der Blutrache der Erinnyen ausgeliefert, sondern darf sich vor Gericht verantworten. Damit machen sich die Götter in der dramatischen Kunst überflüssig - und in Filmen, die an diese anknüpfen wollen.

Somit fehlt es den Superhelden für die Göttlichkeit an Manipulationsfähigkeit, für die Zivilisation sind sie zu rachedurstig, und für das globale Kommunikationsgebot zu diskursfaul. Mit anderen Worten: Sie sind archaische Anachronismen, auch für die dramatischen Momente eines Films. Das gilt ebenso für BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE. Dass die Macher von THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR nichts davon wissen oder wahrhaben wollen, schlägt sich in Verwirrtheiten der Umsetzung nieder, die fast etwas von Selbstbeschädigung haben. Das Beschwören ergebnislosen Kräftemessens, die Erstürmung eines maroden Plattenbaus in Bukarest durch die deutsche Polizei, der verspätete Einfall, Daniel Brühl mit osteuropäischem Akzent sprechen zu lassen, bilden noch die kleineren Stolpersteine. Erich Auerbach, Spezialist für geistesgeschichtliche Bedingungen des Erzählens, hält solche narrativen Flickenteppiche für das Symptom einer bevorstehender Zeitwende. Sie wäre für Hollywood zu begrüßen.











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