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AUSCHWITZ (Kanada/Deutschland 2011)

von Thorsten Hanisch

Original Titel. AUSCHWITZ
Laufzeit in Minuten. 68

Regie. UWE BOLL
Drehbuch. UWE BOLL
Musik. JESSICA DE ROOIJ
Kamera. MATHIAS NEUMANN
Schnitt. nicht bekannt
Darsteller. ARVED BIRNBAUM . UWE BOLL . MAXIMILIAN GÄRTNER . NIK GOLDMAN u.a.

Review Datum. 2011-02-05
Kinostart Deutschland. nicht bekannt

Nach der Sichtung von AUSCHWITZ kommt einem vor allem erstmal die Erkenntnis, dass Bolls größtes Problem in erster Linie Boll selber ist. Hatte man sich schon beim überaus gelungenen DARFUR etwas mehr Zurückhaltung vom knubbeligen Schwergewichtsprovokateur gewünscht, packte der Bollonator im September des vergangenen Jahres das ganz große Geschütz aus und warf den Trailer zu seiner neusten Produktion AUSCHWITZ in die geifernde Menge. Die DSL-Leitungen glühten, an jeder Ecke im Internetland raunte man die Schlagworte "Boll-Auschwitz-Gaskammer", eigentlich seriöse Kollegen titelten "Uwe Boll vergast Juden" und besonders tumbe Zeitgenossen schlugen sogar die Exekution des umtriebigen Filmemachers vor. Des Weiteren hatte man natürlich, wie immer, schon ein ganz genaues Bild des kompletten Films im Kopf, da half auch der begleitende (nicht durchwegs geglückte) Interview-Marathon des Verursachers nichts mehr.

So amüsant, entlarvend und erschreckend das Vorab-Gezetere um AUSCHWITZ auch war, ein bisschen muss sich der leidenschaftliche Allrounder die Frage schon gefallen lassen, warum er seinen Film, der - für einige Zeitgenossen wahrscheinlich enttäuschenderweise - so gar nicht einhält, was der Trailer verspricht, mit einem Zusammenschnitt der wenigen Gewaltszenen und der Eigenpositionierung vor einer Gaskammer bewirbt. Ein Marketing mit alleinigen Blick auf größtmögliche Aufmerksamkeit kann auch schwer nach hinten los gehen, was AUSCHWITZ aber keinesfalls zu wünschen wäre, denn Boll hat mit seinem neusten Baby vielleicht nicht das letzte Wort zum Thema Vergangenheitsbewältigung gesprochen und auch keinen Film ohne Mängel abgeliefert, aber halt auch einen sehenswerten Film gedreht, der eine faire Rezeption bei Publikum und Kritik verdient hat.

Apropos Film, "Film" ist hier vielleicht nicht so ganz der passende Terminus, denn nach einer persönlichen Ansprache in der Boll sympathisch und glaubwürdig seine Motivation, das Werk zu fabrizieren erklärt, folgen erstmal Interviews mit Schulkindern, die von Uwe zum Thema ausgequetscht werden, was wissenstechnisch in der Nullzone endet.
Quasi als Antwort darauf folgt ein Spielfilmteil: Eine Gruppe Juden wird nach Auschwitz transportiert, in die Gaskammern getrieben und umgebracht. Eine narrative Ebene fehlt völlig, der einzige, profane, Dialog findet zwischen zwei Nazi-Offizieren statt. Danach wieder Interviews mit Schulkindern, Antworten dieses Mal über der Nullzone. Schlusswort. Ende.

Was man dem Regie-Rambo einfach hoch anrechnen muss: Er hat das Dilemma der filmischen Aufarbeitung deutscher Vergangenheit gut erkannt und antwortet entsprechend: Ohne die Leistungen der Spielbergs dieser Welt schmälern zu wollen, aber die Bearbeitung solcher hoch empfindlichen Themen durch versierte Regisseure, die handwerkliche (allerdings auch zielgruppenorientierte) Mechanismen so sehr intus haben, dass eine Unterordnung hinsichtlich der Thematik so gut wie unmöglich ist, birgt auch immer die Gefahr, dass die Fassbarkeit des Themas hinter filmischen Konventionen verschwindet und somit Distanz aufgebaut wird - es ist nur ein Film, Historie in ein filmisches Korsett gepresst, das je nach Duktus des Regisseurs entsprechend modifiziert wird und in erster Linie eine manipulative Wirkung haben soll.

AUSCHWITZ wiederum versucht zum einen sich dem Thema möglichst unfilmisch zu nähern und zum anderen - ganz großes Plus - eine Verknüpfung zwischen Gegenwart und Vergangenheit herzustellen. Genauso wie er seine Interview-Sequenzen mit starrer Kamera vor unausgeschmücktem Hintergrund abbildet, wird im Spielfilm-Teil der filmische Anspruch auf ein Minimum zurückgeschraubt, denn man will abbilden, nicht kommentieren, den Zuschauer ohne Rettungsanker von der Gegenwart mitten ins damalige Geschehen und wieder zurück ziehen. Und diesen Anspruch an sich selbst erfüllt der Film auch über weite Teile sehr gut, allerdings stolpert Boll mal wieder über Boll, was AUSCHWITZ trotz aller erkennbarer Ambition äußerst angreifbar macht:
Zum einen kann er sich auf der Tonebene filmische Konventionen leider doch nicht gänzlich verkneifen: Haus- und Hofkomponistin Jessica de Rooji setzt auf eine Mischung aus verstörendem, unwohlseinerzeugendem "Noise" (akzeptabel), aber halt leider auch nur allzu hollywoodesquer Emotionsknöpfchendrückerei (was auch schon in DARFUR eher abträglich war). Zum anderen downed der Film in zwei-drei kurzen Szenen das Geschehen mit Zeitlupe und schlechten Effekten zu einem drittklassigen Homemade-Schock-Video runter und die Idee selbst als Offizier stullemampfend durch's KZ zu laufen kommt auch nicht gerade aus dem Tunnel der Erleuchtung - es braucht schon gehörig viel Abstraktionsvermögen bei diesem omnipräsenten, medial-vorbelasteten Regisseur einen KZ-Wächer und nicht einfach nur Boll, der stullemampfend durchs KZ läuft, zu sehen.

Dennoch: Bei aller Moserei kann man AUSCHWITZ schwer böse sein, der Film wandert grundsätzlich in die richtige Richtung, Vergangenes nicht in der Vergangenheit zu lassen und, vor allem jüngeren Semestern, ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass die damaligen Geschehnisse kein hollywoodeskes Schreckensszenario und auch kein Gruselcomic aus dem Hause Knopp waren, sondern ein Grauen, das sein ganzes Gesicht in der letztendlichen Banalität gezeigt hat, ein Horror der zur alltagsimmanenten Transzendenz wurde.
Trotz fehlendem fine-tuning ist Boll mit AUSCHWITZ erneut ein guter, diskussionswürdiger und wichtiger Film gelungen. Man kann ihm nur wünschen, dass Uwe Boll künftig auch mal fernab jeglicher Stammtisch-Polemik diskutiert wird. Mittlerweile hat er das mehr als verdient.

Wie uns Regisseur Uwe Boll soeben mitteilte, wurde die "Emotionsmusik" wieder entfernt, was diesen Teil der Kritik natürlich obsolet und den Film noch besser macht!











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