AFTER DARK Film TALK Facebook Twitter

das manifest¬  kontakt¬  impressum¬  verweise¬  übersicht¬ 
[   MEINUNGSMACHER  |   GEDRUCKTES IST TOT  |   KAPITELWAHL  |   UNENDLICHE TIEFEN
   MENSCHEN  |   GESPRÄCHE  |   FEGEFEUER DER EITELKEITEN  |   MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN   ]
MEINUNGSMACHER

THE AMAZING SPIDER-MAN (USA 2012)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. THE AMAZING SPIDER-MAN
Laufzeit in Minuten. 136

Regie. MARC WEBB
Drehbuch. JAMES VANDERBILT . ALVIN SARGENT . STEVE CLOVES
Musik. JAMES HORNER
Kamera. JOHN SCHWARTZMAN
Schnitt. ALAN EDWARD BELL . MICHAEL MCCUSKER . PIETRO SCALIA
Darsteller. ANDREW GARFIELD . EMMA STONE . RHYS IFANS . DENIS LEARY u.a.

Review Datum. 2012-06-28
Kinostart Deutschland. 2012-06-28

Stan Lee arbeitete nach dem Grundsatz "Every comic book is somebody's first." Wahrscheinlich meinte er damit allerdings nicht, dass man dem Publikum wieder und wieder dieselben Origin-Storys erzählen muss. Dass schon jetzt, nur zehn Jahre nach Sam Raimis SPIDER-MAN, eine Neuauflage von Spider-Mans Origin-Story in Form von Marc Webbs THE AMAZING SPIDER-MAN ansteht, erscheint jedenfalls einigermaßen überflüssig. Man muss Webbs Film deshalb nicht vorverurteilen - Spider-Man ist nicht nur der bekannteste Marvel-Held, sondern auch einer der vielschichtigsten und interessantesten und hätte durchaus Potential für eine weitere sehenswerte Interpretation (immerhin gehört Brian Michael Bendis' Quasi-Reboot ULTIMATE SPIDER-MAN wohl zu den besten Comic-Reihen, die Marvel je publiziert hat). Doch was Webb hier abliefert, ist keine interessante Neuinterpretation, sondern genau die Sorte Film, die Filmfans erschaudern lässt, wenn sie das Wort "Reboot" hören.

Peter Parker (Andrew Garfield) ist hier nicht mehr der sozial inkompetente, ausgestoßene Nerd, der er in Raimis Filmen war, sondern im Grunde ein ganz normaler Teenager, der allerdings geplagt wird von der Frage, warum seine Eltern ihn ans Kleinkind überstürzt verlassen mussten und seiner Tante Mae (Sally Field) und seinem Onkel Ben (Martin Sheen) anvertrauten. Seine Suche nach der Antwort führt ihn bald zu Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), der gemeinsam mit Peters Vater daran arbeitete, tierische Gene auf Menschen zu übertragen, um ihnen die Fähigkeit zur Selbstheilung zu geben. In dessen Labor wird Peter von einer genmanipulierten Spinne gebissen und erlangt so übermenschliche Fähigkeiten, die er, nach dem Mord an seinem Onkel Ben, als Spider-Man im Kampf gegen das Verbrechen einsetzen will.
Als Dr. Connors bei einem missglückten Selbstversuch zur übergroßen Eidechse The Lizard mutiert und nun ganz New York mit Eidechsen-Genen infizieren will, liegt es an Spider-Man, ihn zu stoppen. Und zwischen all dem versucht Peter natürlich, das Herz seiner Highschool-Liebe Gwen Stacy (Emma Stone) zu gewinnen.

THE AMAZING SPIDER-MAN ist ein Comic-Film für Menschen, die Comics hassen. Oberflächlich betrachtet mag der Film näher an der Comic-Vorlage sein als Raimis Fassung (die Netzflüssigkeit kommt nicht mehr aus Peters Handgelenk, sondern aus selbst gebauten Vorrichtungen, seine Jugendliebe ist Gwen Stacy, nicht Mary Jane etc.), doch es ist überdeutlich, dass Webb und seine Autoren mit den wichtigsten Ideen und Plot-Points, dem eigentlich comichaften der Geschichte, nichts anfangen können. Die Entwicklung von Curt Connors zum Lizard setzt so spät im Film ein und wird so halbherzig und überhastet abgespult (und das bei über zwei Stunden Laufzeit), dass man das Gefühl hat, dass Marc Webb am liebsten einen SPIDER-MAN-Film ganz ohne Widersacher gedreht hätte. Sein Interesse gilt ganz offensichtlich eher Peter Parker als Spider-Man - was als Ansatz durchaus brauchbar wäre, hätte THE AMAZING SPIDER-MAN irgendetwas über Peter Parker zu sagen, was Raimis SPIDER-MAN nicht schon treffender und unterhaltsamer gesagt hat.
Die Stärke von Raimis Filmen lag darin, dass Raimi es brillant verstand, Peter Parkers persönliche Entwicklung mit Spider-Mans Kampf gegen seine Widersacher zu verzahnen. Über den Superheld Spider-Man illustrierte er das Heranwachsen des Teenagers Peter Parker, über Peters Privatleben wurde seine Motivation, gegen das Verbrechen zu kämpfen, erst greifbar und alle Veränderungen, die Raimi gegenüber der Comic-Vorlage vornahm, halfen, seine Ideen pointierter darzustellen - es war offensichtlich, dass Raimi die Vorlage liebte und sich mit ihr auseinandergesetzt hatte. Webb inszeniert seinen THE AMAZING SPIDER-MAN nun über weite Strecken als konfliktlose Teenie-Romanze, in der so wichtige Elemente wie Peters Entdeckung seiner Kräfte (in einer schlecht getimten Slapstick-Szene weginszeniert), Spider-Mans Aufstieg zum Held der Bevölkerung New Yorks, aber meistgesuchten Verbrecher der Polizei unter der Führung von Gwen Staceys Vater (Denis Leary) oder eben der Plan des Lizard zu Subplots verkommen, die eher mit der Liebesgeschichte kollidieren, als dass die einzelnen Elemente voneinander profitieren. Selbst Onkel Bens Tod, der eigentliche Auslöser für Peters Entscheidung, zu Spider-Man zu werden, ist diesmal nicht nur letztlich selbstverschuldet, sondern verkommt fast zur Randnotiz neben Peters daddy issues und dem überflüssigen Subplot um seine Eltern.

Zugute halten kann man Webb, dass er in seiner Konzentration auf die Liebesgeschichte der Figur Gwen Stacy mehr Platz einräumt, als es Raimi mit Mary Jane tat. Gwen ist mehr als die damsel in distress, sie ist eine ebenbürtige Partnerin für Peter und eine ebenso ausgearbeitete Figur (was auch damit zu tun hat, dass Peter Parkers Charakterisierung hier kaum über "ganz normal" hinausgeht). Das macht die Beziehung der beiden, die im Grunde keine echten Hürden überwinden muss, nicht interessanter, aber Webbs Film doch ein ganzes Stück progressiver als Raimis.

Und ja, in so mancher Szene reicht es durchaus aus, Garfield und Stone dabei zu beobachten, wie sie sich einander annähern. Stone spielt wie gewohnt mit unwiderstehlichem Charme, aber auch mit präzisem komödiantischem Timing, was für die einzigen wirklich komischen Momente des Films sorgt (der Versuch, Spider-Man der Comic-Vorlage folgend als lustigen Sprücheklopfer zu inszenieren, erzielt leider öfter peinliche als komische Ergebnisse) und Garfield gibt, obwohl sichtbar zehn Jahre zu alt für die Rolle, überzeugend den liebeskranken, stotternden Teenager. Auch die übrige Besetzung kann sich sehen lassen, allen voran Martin Sheen, um dessen liebenswerten Onkel Ben man sicher trauern würde, wäre man nicht damit beschäftigt, sich über Webbs Desinteresse an der Figur aufzuregen.
Denn genau hier liegt eben das große, nicht zu überwindende Problem des Films: Webb hat kein Gespür dafür, was Spider-Man zu der ikonischen Figur macht, die er ist - oder kein Interesse daran, diese Geschichte zu erzählen und reduziert die Elemente, die den Ursprung der Geschichte als Comic identifizieren, auf ein Minimum. Für Menschen, die noch immer "Realismus" als ein Kriterium an Comic-Filme anlegen, mag das ansprechend sein, doch gerade nachdem Joss Whedon in MARVEL'S THE AVENGERS gezeigt hat, wie gut Comic-Verfilmungen sein können, wenn man im Gegenteil das Comichafte umarmt und unterstreicht, muss THE AMAZING SPIDER-MAN für Comic-(Film-)Fans eine Enttäuschung sein.











AFTER DARK Film TALK | Facebook | Twitter :: Datenschutzerklärung | Impressum :: version 1.11 »»» © 2004-2018 a.s.