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THE ACT OF KILLING (Großbritannien/Dänemark/Norwegen 2012)

von Florian Lieb

Original Titel. THE ACT OF KILLING
Laufzeit in Minuten. 115

Regie. JOSHUA OPPENHEIMER . CHRISTINE CYNN
Drehbuch. -
Musik. ELIN ØYEN VISTER
Kamera. LARS SKREE . CARLOS MARIANO ARANGO DE MONTIS
Schnitt. NILS PAGH ANDERSEN . ERIK ANDERSSON
Darsteller. ANWAR CONGO . HERMAN KOTO . ADI ZULKADRY . HAJI ANIF u.a.

Review Datum. 2013-11-13
Kinostart Deutschland. 2013-11-14

"Beispiellos in der Geschichte des Kinos", sei THE ACT OF KILLING, lässt der deutsche Regisseur Werner Herzog sich für die Vermarktung dieser von ihm produzierten Dokumentation zitieren. In dieser lässt Joshua Oppenheimer, der sich offiziell den Director's Credit mit Christine Cynn und einer anonymen Person teilt, eine Gruppe indonesischer Massenmörder ihre Verbrechen von einst nachstellen. Genauer gesagt einige der Massaker von 1965, als durch putschende Teile der indonesischen Armee ein Massenmord an Mitgliedern und Sympathisanten der Kommunistischen Partei verübt wurde. Gewerkschaftsmitglieder, landlose Bauern, Intellektuelle - jeder, der einem nicht in den Kram passte, wurde unter dem Vorwand, Kommunist zu sein, von Gangstern und Paramilitärs exekutiert. Auf eine Million beziffert Oppenheimer die Opfer, für rund 1.000 davon soll Anwar Congo verantwortlich sein.

Er ist die Hauptfigur von Oppenheimers Film, in dem dieser nach eigenen Aussagen versucht, die Offenheit und den Mut des indonesischen Massenmörders anzuerkennen. Denn durch die Aufführung jener abscheulichen Gräueltaten, so die Idee des Films, sollen die Täter selbst darüber reflektieren, was sie einst verbrochen haben. In visueller Form sieht das dann so aus, dass Congo lachend auf jener Terrasse tanzt, auf der er einst seine Morde verübte. "Am Anfang schlugen wir sie tot, aber da gab es zu viel Blut", sinniert er. Deswegen habe er auch nie eine weiße Hose getragen und irgendwann angefangen, seine Opfer mit einem Draht zu erdrosseln - was er an einem Begleiter sogleich strahlend vorführt. Wer Congos Taten verstehen will, muss verstehen, woher Congo stammt.

Vor dem Massaker von 1965 verkaufte er auf dem Schwarzmarkt Kinotickets für US-Filme. Marlon Brando und Al Pacino waren seine Helden und das Gesehene wurde nach dem Kinobesuch gerne auf den Straßen Nordsumatras nachgespielt. Als die Regierung dann Gangster wie Congo anheuerte, um Kommunisten zu töten, war das die Chance, all das zu kopieren, was man auf der Leinwand gesehen hatte. "Sadistischer als die Sachen, die man in Nazi-Filmen sieht", sei man gewesen, versichert Congo. Schließlich lag durch den Holocaust die Meßlatte hoch und in Indonesien versuchte man, ihr bestmöglich gerecht zu werden. Denn Geschichte wird von den Siegern geschrieben, weshalb man in Indonesien auch heute noch mächtig stolz ist auf die Massenmörder von damals.

Und wenn der Gouverneur von Nordsumatra berichtet, dass es viele Gangster in seinem Land gibt, dann ist das nicht bedauernd gemeint. "Das ist auch gut so", sagt er und erinnert daran, dass "Gangster" aus dem Englischen käme und "freie Männer" bedeute. Was vermutlich ein Übersetzungsfehler von Oppenheimers Film ist, da "preman" gemeint sein dürfte, die Bezeichnung für indonesische Gangster, die sich aus dem niederländischen "vrijman" ableitet. "Die Nation braucht 'freie Männer'", findet auch Jusuf Kalla, zur Zeit der Dreharbeiten noch Vize-Präsident von Indonesien. Ein Zeitungsverleger berichtet derweil, wie früher in seinen Redaktionsräumen die vermeintlichen Kommunisten verhört wurden. "Wir veränderten ihre Antworten, um sie schlecht dastehen zu lassen", erzählt er. Schließlich war es als Journalist seine Aufgabe, dass die Öffentlichkeit die Kommunisten hasst. Eine Berufsdefinition ganz nach dem Gusto eines Julius Streicher.

Stolz auf ihre Taten sind auch Congo und seine Mittäter wie Herman Koto oder Adi Zulkadry. Die Gelegenheit, diese vor der Kamera nachzuspielen, lassen sie sich nicht entgehen. Einen "schönen Familienfilm" könne man daraus machen, findet Congo und gibt die Regieanweisung: "Humor...Muss einfach drin sein". Sein dicker Kumpel Koto wird also in ein Kleid gesteckt und mit Make-up drapiert, er selbst und Zulkadry lassen sich schminken, als wollten sie als Extras für THE WALKING DEAD besetzt werden. In einer besonders pietätlosen Szene spielen sie dann mit dem Nachkommen eines damaligen Opfers eine Verhör- und Folterszene durch. Getoppt wird das von einer Folgeeinstellung, in der sich Congo von einem Film-Opfer sagen lässt "Ich danke dir, dass du mich umgebracht hast", ehe dieses ihm eine Medaille um den Hals hängt.

THE ACT OF KILLING lässt solche Szenen meist für sich stehen, bisweilen hinterfragt Oppenheimer auch die Verbrechen seiner Protagonisten, spricht die Menschenrechtsverletzungen an. "All dieses Gerede von 'Menschenrechten' geht mir auf die Nerven", lässt ihn Zulkadry wissen. Später wiederum bedauert er dann jedoch, dass es für die Angehörigen der Opfer nie eine Entschuldigung der Regierung gegeben habe. "Es wäre wie Medizin", philosophiert er. "Es würde den Schmerz lindern." Kurz darauf berichtet er wieder mit Vergnügen, wie er seinerzeit willkürlich chinesische Indonesier auf offener Straße erstochen habe. Darunter auch den Vater seiner damaligen Freundin. Congo wiederum erzählt von Albträumen, die ihn plagen würden und versucht später den Schulterschluss mit seinen Opfern. "Mutig" und "ehrlich" findet Oppenheimer das und fällt auf den Verbrecher rein.

Ursprünglich wollte der Regisseur die Überlebenden des Massakers filmen, als dies zu gefährlich zu werden schien, machte er die Täter zum Thema. Viel von dem, was THE ACT OF KILLING zeigt, ist dabei so surreal wie pietätlos, allerdings mit der Dauer in dem, was gezeigt wird, auch redundant (dabei existiert sogar ein fast 45 Minuten längerer Director's Cut). Zur Selbstreflexion nutzt keine der Figuren die Produktion, vielmehr merkt gerade Congo immer stärker, wie er Oppenheimer manipulieren kann. In seinem Versuch, den Massenmörder menschlich zu machen, riskiert er, dass dieser Mitleid generiert. Den Überlebenden jener Massaker sowie den Nachkommen der Getöteten wird die Dokumentation allerdings so nicht gerecht.











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