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50/50 - FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN (USA 2011)

von Sebastian Moitzheim

Original Titel. 50/50
Laufzeit in Minuten. 100

Regie. JONATHAN LEVINE
Drehbuch. WILL REISER
Musik. MICHAEL GIACCHINO
Kamera. TERRY STACEY
Schnitt. ZENE BAKER
Darsteller. JOSEPH GORDON-LEVITT . SETH ROGEN . BRYCE DALLAS HOWARD . ANNA KENDRICK u.a.

Review Datum. 2012-05-03
Kinostart Deutschland. 2012-05-03

Im Fokus der Berichterstattung zu 50/50 - FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN stand häufig die Frage, ob eine Komödie über Krebs funktionieren kann - durchaus nachvollziehbar, musste doch auch der Titel des Films mehrfach geändert werden, aus Angst, das Publikum könne durch eine zu explizite Betonung des Themas abgeschreckt werden. Das Bemerkenswerte an 50/50 ist jedoch nicht seine Komik. Die entsteht sehr natürlich und ungezwungen und dient, anders als so mancher angesichts der Beteiligung von Seth Rogen vielleicht dachte, nie der Provokation (außerdem sind lustige Filme über lebensbedrohende Krankheiten nun wirklich nichts neues - Rogen selbst spielte eine Hauptrolle in WIE DAS LEBEN SO SPIELT). Nein, was 50/50 besonders macht, ist dass er nie versucht, seine Geschichte als etwas Besonderes zu präsentieren, den Krebs seines Protagonisten nicht, wie es in (Tragi-)Komödien mit ähnlichem Thema üblich ist, zur Metapher zu machen. Hier wird kein alter Zyniker im Angesichts des Todes zum Samariter, niemand erkennt, dass sein bisheriges Leben eine Lüge war und keine BUCKET LIST muss abgearbeitet werden. Protagonist Adam (Joseph Gordon-Levitt in einer seiner besten Schauspielleistungen bisher) ist Mitte 20, hat einen guten Job beim Radiosender NPR, eine hübsche Freundin (Bryce Dallas Howard), eine schöne Wohnung. Als er erfährt, dass er Krebs hat (und, daher der Titel, eine Überlebenschance von 50%), will er vor allem einfach so weiterleben wie bisher. Der Krebs ist hier keine Plot Device und keine Manifestation seiner Probleme, sondern das Problem, punkt.

Autor Will Reiser hat im Drehbuch zu 50/50, auf Drängen seines Freundes Seth Rogen, seine eigene Krebserkrankung verarbeitet und fiktionalisiert. Rogen spielt Adams besten Freund Kyle und damit im Grunde eine Version seiner selbst (wer jetzt behauptet, das gelte für jede von Rogens Rollen, hat vielleicht nicht ganz unrecht, doch in diesem Fall basiert die Figur eben auf ihm). Das ist durchaus mutig, denn auch wenn Rogens Charakter durchaus liebenswürdig ist, zeigt der Film ihn doch auch in Momenten - seine kindliche Freude, wenn Adams verhasste Freundin einen anderen küsst, ist das unterhaltsamste Beispiel - in denen er sich egoistisch und empathielos verhält. Genau solche Momente machen ihn - und fast alle anderen Charaktere - jedoch so lebensecht und 50/50 so sehenswert. Die Figuren agieren nachvollziehbar und benehmen sich wie lebendige, eigenständige Menschen, auch und gerade dann, wenn sie unsympathisch und selbstsüchtig agieren. Auch die Komik von 50/50 resultiert vor allem daraus, dass seine Charaktere in ihrem Versuch, eigene Ängste zu überspielen, das Komische und Absurde in Adams Situation suchen. Ausnahme ist Adams Freundin Rachael, die bedauerlicherweise in der Tradition der unterträglichen, eindimensionalen Frauenfiguren wie man sie von Judd Apatow und co. kennt steht: Was sie und Adam aneinander finden ist nicht zu erklären und ihre einzige Funktion scheint zu sein, Adams Leben zur Hölle zu machen, ihn den Tiefpunkt erreichen zu lassen, bevor er mit Hilfe der jungen Psychiaterin Katherine (Anna Kendrick) wieder neuen Lebenswillen findet.

Dieser Rom-Com-Subplot ist wohl der am wenigsten glaubwürdige Teil von 50/50 - FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN. Katherine ist als Figur nicht uninteressant und Kendricks nervöser Charme wie gewohnt hinreißend, dennoch wirkt die Liebesgeschichte konstruiert und passt nicht so recht in diesen ansonsten so natürlich dahinfließenden Film. Glücklicherweise bleibt sie allerdings ein Subplot, dominiert nie den Film und wird eher beiläufig angeschnitten als wirklich auserzählt - und schafft außerdem Gelegenheit für einen der berührendsten Momente von 50/50, wenn Adam, genervt von seinem besten Freund und dessen Tendenz, Adams Erkrankung zum eigenen Vorteil zu nutzen (er versucht, bei Frauen zu landen, indem er bei ihnen Mitleid für Adam weckt und damit prahlt, wie sehr er ihn unterstützt), Katherine anruft und in einem seiner wenigen schwachen Momente seine Ängste offenlegt. 50/50 ist sparsam mit solchen Momenten. Um den Zuschauer mitfühlen zu lassen braucht er keine großen Gefühlsausbrüche, keinen Emotionen diktierenden Score, keine pathetischen Monologe, sondern kleine Gesten, Brüche in der Fassade von Adam und seinen Freunden.

Und so endet 50/50 auch denkbar unspektakulär, mit einem vorhersehbaren, mit angenehmem Understatement präsentierten Happy End. Man kann 50/50 seine Berechenbarkeit, seinen mäandernden Plot und fehlenden Spannungsbogen vorwerfen, doch dem Film geht es eben nicht um die Frage, ob Adam überlebt oder darum, wie die Krankheit ihn verändert, sondern darum, wie er darum kämpft, so bleiben zu können, wie er ist, sein Leben weiterzuführen und Normalität zu bewahren. 50/50 - FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN ist so sicher etwas zahmer als erwartet, die Komik etwas leiser und weniger dominant, doch der Film ist auch so warmherzig und ehrlich, dass man ihm das kaum als Schwäche auslegen möchte.











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