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300: RISE OF AN EMPIRE (USA 2014)

von Benjamin Hahn

Original Titel. 300: RISE OF AN EMPIRE
Laufzeit in Minuten. 102

Regie. NOAM MURRO
Drehbuch. ZACK SNYDER . KURT JOHNSTAD
Musik. JUNKIE XL
Kamera. SIMON DUGGAN
Schnitt. DAVID BRENNER . WYATT SMITH
Darsteller. SULLIVAN STAPLETON . EVA GREEN . RODRIGO SANTORO . LENA HEADEY u.a.

Review Datum. 2014-03-04
Kinostart Deutschland. 2014-03-06

Es kommt eher selten vor, dass Fortsetzungen inhaltlich überraschen können. Jetzt ist diese kleine Leistung ausgerechnet 300: RISE OF AN EMPIRE gelungen. Denn das Sequel zu Zack Snyders Comic-Verfilmung 300 aus dem Jahr 2007 erzählt nur in Teilen die Geschichte nach der Niederlage der Spartaner am Thermopylen-Pass. Im Mittelpunkt des Films steht das, was auf griechischer und persischer Seite vor und während der Schlacht der 300 Spartaner geschah. Eine perfekte Gelegenheit also um dem Zuschauer einen umfassenden Einblick in die griechische Geschichte zu ermöglichen. Blöd nur, dass 300: RISE OF AN EMPIRE hier ganz im Fahrwasser seines Vorgängers unterwegs ist - und sich deshalb kein Stück um historische Genauigkeit schert.

Nun mag man einwenden, dass die Quellenlage bei Ereignissen, die inzwischen rund 2500 Jahre zurückliegen, relativ heikel ist; dass niemand wirklich mit absoluter Gewissheit sagen kann, ob die Berichte der antiken Historienschreiber zutreffend oder geschönt sind und das sich deshalb eine filmische Adaption durchaus die Freiheit zur eigenen Legendenbildung herausnehmen darf. Aber muss man deshalb die Geschichte so umschreiben, dass sie in ein starres Hollywood-Korsett von Held und Bösewicht fallen? Denn in der Gegenübersetzung vom Helden Themistokles und der Antagonistin Artemisia verfolgt 300: RISE OF AN EMPIRE unfassbar stereotype Bahnen, die sich so aus keiner antiken Erzählung ergeben.

Das ist das größte Problem des Films: Er geht kein Risiko ein. Das beginnt schon damit, dass er sich ästhetisch wenig von Zack Snyders Original unterscheidet, sondern eigentlich nur alles auf die Spitze treibt. Mehr Gewalt, mehr Blut und vor allem mehr Riefenstahl. Die 18er-Freigabe in Deutschland ist deshalb auch vollkommen berechtigt - auch politisch. Denn obwohl die unter der Regie von Noam Murro entstandene Fortsetzung nicht mehr ganz so stark in eine Blut-und-Boden-Ideologie verfällt, ist der Film auf seiner gesellschaftlichen und politischen Ebene äußerst fragwürdig. Fasst man diese nämlich kurz und knackig zusammen, klingt sie wie die Rechtfertigung für sämtliche Kriege der USA in den vergangenen Jahren: Demokratie und Freiheit lassen sich nur mit dem Schwert und dem Opfer tausender Helden verteidigen.

Das ist eine stumpfsinnig unterkomplexe Betrachtung der Welt, aber tatsächlich die Prämisse des Films. Doch glücklicherweise scheitert er daran, diese Botschaft auch wirklich in den Köpfen seiner Zuschauer zu verankern. Zwischen all den herumfliegenden Körperteilen, den Fontänen aus Blut, den Triumph-des-Willens-Bildern aus dem Computer und der fast schon homophilen (aber leider nicht so gemeinten) Bewunderung männlicher, durchtrainierter Körper, vergessen es die Macher, der Geschichte einen emotionalen Kern zu geben.

Die einzige Figur des Films, die auch nur ansatzweise so aufgebaut ist, dass man ein wenig mit ihr mitfühlen könnte, ist die Gegenspielerin des griechischen (und filmischen) Helden. Sämtliche Sympathien für sie werden jedoch immer im Keim erstickt, weil die beiden Drehbuchautoren Zack Snyder und Kurt Johnstad diese Figur aus einer misogynen Weltsicht heraus geschrieben haben. Folgerichtig ist eine der fragwürdigsten Stellen des Films keine der selbstzweckhaften Gewaltspitzen, sondern eine Rape-Culture-Szene in Reinform.

Eigentlich muss man dem Film die Dreistigkeit, diese Szene wirklich ernst zu meinen, hoch anrechnen. Sie ist ein übergroßer Mittelfinger in Richtung eines politisch korrekten Kinos, das sich ein Anecken nicht mehr traut, weil es den Shitstorm im Internet schon wittern kann. Dass 300: RISE OF AN EMPIRE daraus aber nichts macht, sondern sich wiederum nur dem Zeitgeist der Machos und Reaktionären anbiedert, ist eine herbe Enttäuschung. Um zu erkennen, wie nah gesellschaftspolitische Relevanz und das Anpassen an den Geschmack eines konservativen Publikums hier nebeneinander liegen, muss man nur Themistokles "Nein" an Artemisia um einen Satz ergänzen: "Nein, ich mag lieber Männer." Das hat mit der historischen Realität zwar auch nichts gemein, aber es hätte dem Film in Sekundenbruchteilen eine außerfilmische Radikalität verliehen. Handlungslogisch macht der Satz nämlich keinen Unterschied, aber es wäre der mind fuck gewesen, den der Film bräuchte, um erinnerungswürdig zu sein.

Wer auf stumpfsinnige Action und Gemetzel mit am Computer generierten Blutfontänen steht und nur ein Grundgerüst Handlung benötigt, der wird mit 300: RISE OF AN EMPIRE sehr glücklich werden. Wer mehr sehen will als eine reine Heldenverklärung und eine stylische Liebeserklärung an das Soldatentum, der kann getrost verzichten.











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