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00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE (Deutschland 2013)

von Benjamin Hahn

Original Titel. 00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE
Laufzeit in Minuten. 94

Regie. HELGE SCHNEIDER
Drehbuch. HELGE SCHNEIDER . ANDREA SCHUMACHER
Musik. HELGE SCHNEIDER
Kamera. VOXI BÄRENKLAU
Schnitt. ANDREA SCHUMACHER
Darsteller. HELGE SCHNEIDER . PETER THOMS . ROCKO SCHAMONI . TYREE GLENN u.a.

Review Datum. 2013-10-07
Kinostart Deutschland. 2013-10-10

Wenn der Verbrecher in einem "Gangsterfilm" Jean-Claude Pillemann heißt, dann weiß man, dass man sich in einem Film von Helge Schneider befindet. 19 Jahre nach 00 SCHNEIDER - JAGD AUF NIHIL BAXTER kehrt der skurrile Kommissar nun in 00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE auf die Leinwand zurück.

Es ist ein Film ohne Ort. Jedenfalls ohne einen konkreten. Denn das Mülheim an der Ruhr, in dem Helge Schneiders neuer Film angesiedelt sein soll (und gedreht wurde), gibt es so nicht. Es ist eine bizarre Mischung aus dem Ruhrgebiet und Spanien. Mit steilen Felsen über dem Atlantik auf der einen und grauer Industrieromantik auf der anderen Seite. Gesprochen wird hier Deutsch, Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch und trotz des an Babel gemahnenden Sprachgewirrs versteht man sich doch untereinander.

Man mag bereits das schon albern finden oder darin einen Verweis auf die Internationalität des Ruhrgebiets entdecken, das in den letzten zwei Jahrhunderten zu dem Ballungsraum multi-kultureller Gesellschaft schlechthin wurde. Eine Eigenschaft, die man gerne in Berlin für sich in Anspruch nimmt, die aber historisch betrachtet eher dem Ruhrgebiet zugesprochen werden muss. Diese mögliche Reflektion ist eine Unterstellung an den Film und es mag schwierig sein, eine solche Tiefe auf den ersten Blick unter den albernen und grotesken Nummern zu entdecken. Doch der Film ist geprägt von einer tiefen Melancholie und Nachdenklichkeit - und seine grotesken Ideen entlehnt er gelegentlich auch der Realität.

Nicht nur ist das Mülheim des Films ein Nicht-Ort, seine erzählte Zeit ist gleichfalls eine Nicht-Zeit. Smartphones gibt es nicht, dafür aber elektrische Schreibmaschinen und alte Tonbandgeräte. Seine Touren dreht der Kommissar im Oldtimer und der Pflastermann ruft seine Preise immer noch in Mark aus und nicht in Euro. Es ist eine Welt des Gestern, in der Kommissar Schneider lebt und an der der Regisseur Helge Schneider sichtlich seinen Spaß hat. Ob er sich im Vergangenen aus wahrhaft gefühlter Nostalgie heraus suhlt oder ob der Blick zurück nicht zugleich voller Ironie für die eigene Rückwärtsgewandheit steckt, ist schwer zu sagen, denn dazu bleibt er in seiner Haltung zu ambivalent.

Klar ist nur, dass IM WENDEKREIS DER EIDECHSE eine Hommage an die Kriminalfilme der 1960er und 70er ist und sich dabei vor allem an dem ergötzt, was heute nicht mehr politisch korrekt und gesellschaftlich akzeptiert ist: Prügelnde Polizisten, die Sexverbrecher durch körperliche Strafen "erziehen" und der massenhafte Konsum von Tabak. Gerade letzteres zelebriert der Film bis zur Besinnungslosigkeit und verwickelt sich dabei mitunter in Widersprüche, was den eigenen Standpunkt zum blauen Dunst anbelangt. Immerhin lässt sich festhalten, dass der Film einen Bruch mit der Maxime gegenwärtiger US-Filme und der Politik in Helge Schneiders Heimat Nordrhein-Westfalen wagt: Nicht nur die Bösen rauchen und Zigarettenqualm ist durchaus ästhetisch.

Bereits diese Punkte deuten an, dass es unter der Oberfläche der Krimi-Komödie mächtig brodelt. Trotzdem ist IM WENDEKREIS DER EIDECHSE ein typischer Helge-Schneider-Film geblieben. Leider dramaturgisch nicht ganz so dicht und in sich kohärent wie JAZZCLUB - DER FRÜHE VOGEL FÄNGT DEN WURM, dafür aber dadaistisch und absurd bis zum Exzess. Das kann schnell überfordern, zumal sein komödiantisches Konzept vorsieht, das Pointen auch manchmal einfach wegfallen oder nur angerissen werden. Aber gerade der Abwechslungsreichtum macht den Film unvorhersehbar und damit zwar nicht gerade besonders spannend, sorgt aber für einen konstanten Fluss.

Deutlich witziger wird die ganze Sache natürlich erst dann, wenn man die Bezüge zum Ruhrgebiet dechiffrieren kann. Dass Mülheim eigentlich wirklich gleich ans Meer grenzt, ist zumindest den Tagesausflüglern in Richtung Niederlande ebenso bekannt, wie die skurrilen Gestalten, die die Fußgängerzonen des Ruhrpotts bevölkern. Und wer sich mit dem Werk Christoph Schlingensiefs auskennt, der kann in einer kleinen Szene gar einen Salut an den viel zu früh verstorbenen Ausnahmekünstler entdecken.

Helge Schneider hat für sich und seine Kunst eine ganz eigene Nische samt Publikum gefunden. Deshalb ist es umso schwerer diesen Film wirklich jedem ans Herz zu legen. Für Fans von Schneider ist der Film definitiv ein Muss und wer sich offen zeigt für eine ganz andere Form von Komik, der sollte sich in die Lichtspielhäuser der Republik wagen. Wer jedoch bereits am "Katzenklo" verzweifelt, der braucht den WENDEKREIS DER EIDECHSE erst gar nicht zu versuchen.











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