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GESPRÄCHE

Mirco Hölling im Gespräch mit Jeff Lieberman

Jeff Liebermann war in den 70er Jahren ein Garant für soliden Horror, ohne Schnörkel und künstlerischen Anspruch. Seine Werke funktionierten, hatten ihre Wirkung, hinterließen aber mit Sicherheit nicht den Eindruck anderer Genrevertreter dieser Zeit wie DAWN OF THE DEAD oder THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE. Trotzdem sind Filme wie SQUIRM irgendwie im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben und der Name Jeff Lieberman in Genre-Fankreisen kein Unbekannter. Nach Jahren der Ruhe brachte er nun sein neuestes Werk SATAN'S LITTLE HELPER heraus, der die Filmgeschichte nicht verändern wird, aber solide Unterhaltung bietet.

Das Gespräch fand im Rahmen des Fantasy Filmfestes Hamburg im August 2005 in etwas hektischer Atmosphäre statt, da Herr Lieberman unbedingt noch die nächste Vorstellung besuchen wollte. Das macht den Mann nicht unsympathisch.

Jeff Lieberman Mr. Lieberman, es gab eine große Pause in Ihrer Karriere. Sie sprachen von einem Comeback mit Ihrem aktuellen Film SATAN'S LITTLE HELPER. Die letzten Kinofilme von Ihnen bekamen wir in den frühen 1980er Jahren gesehen. Was haben Sie in der Zwischenzeit getan?
In der Zwischenzeit nach JUST BEFORE DAWN habe ich einige TV-Dokumentationen gedreht, ich habe das Buch für THE NEVER ENDING STORY III geschrieben, zwar nur ein Sequel, aber immerhin ein 39-Mio-Dollar-Projekt, ich habe einige Drehbücher in Hollywood geschrieben, für die ich viel Geld bekam, aber von denen lange nicht alle verfilmt wurden.

Jeff Lieberman Ihre bekannten Filme entstammen alle dem Horror-Genre, in den 1970er Jahren haben Sie einige bekannte Horrorfilme gemacht und nun sind sie auch wieder im diesem Genre tätig. Ist das Ihr bevorzugtes Genre, weil Sie ein Fan sind?
Nein, ein Freund meinte neulich, ich sei wohl in der Midlife Crisis und in dieser neigt man ja dazu, das zu tun, was man schon als 25-jähriger getan hat. Leute kaufen sich dann einen Sportwagen usw. Mein Porsche war, das zu tun, was ich als 25-jähriger gemacht habe, nämlich Horrorfilme. Mein Freund hat mir das erst nach der Fertigstellung von SATAN'S LITTLE HELPER gesagt, aber in der Rückschau glaube ich, dass er durchaus recht haben könnte.

Jeff Lieberman Ihr Start im Filmbusiness in den 1970er Jahren waren Filme wie SQUIRM oder BLUE SUNSHINE. Worin bestand Ihre Motivation, Regisseur zu werden?
Ich war an der Kunsthochschule und begann Filme der angesagten Regisseure aus Italien und Frankreich zu sehen. Die Neorealisten und die Nouvelle Vague etc. Michelangelo Antonioni machte einen Film namens BLOW-UP. Den Film zu sehen kam für mich genau zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. Es war eine Gnade. Wenn Antonioni diesen Film nicht gemacht hätte, wäre ich vielleicht nie Regisseur geworden. Der Film packte mich, als ich 19 war und er stellte mein Leben auf den Kopf.

In SATAN'S LITTLE HELPER erinnert vieles an HALLOWEEN von John Carpenter. Das Sujet, die Maske, die Kleinstadt und selbst die Musik stellt streckenweise eine Hommage an den Film dar. War es ihre Absicht, wie seinerzeit SCREAM, an den klassischen Horror anzuschließen?
Nein, mir war klar, dass mir bei einem neuen Film ein gewisses Retro-Absicht unterstellt wird, weil ich Filme wie JUST BEFORE DAWN gemacht habe. Als eben dieser Film jetzt auf DVD erschien, haben viele Journalisten und Fans geschrieben und gesagt, dass er ganz offensichtlich von Filmen wie THE HILLS HAVE EYES oder THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE beeinflusst sei. Tatsächlich hatte ich weder diese noch irgendeinen der Filme dieser Welle gesehen. Und genauso ist es jetzt. Ich mag HALLOWEEN natürlich sehr. Es ist ein fantastischer Film, aber ich habe nicht eine Sekunde an diesen Film gedacht, während ich an SATAN'S LITTLE HELPER arbeitete. HALLOWEEN ist so fantastisch, der würde heute auch genauso gedreht werden können und würde nichts an seiner Wirkung verlieren. Wie käme ich dann also dazu, diesen Film erneuern zu wollen?

Jeff Lieberman Seit den späten 1990er Jahren gibt es eine Renaissance des Horrorfilms. Es begann mit Filmen wie SCREAM, THE BLAIR WITCH PROJECT und auch dem japanischen Horrorfilm und hat mittlerweile auch im Big-Budget-Kino Einzug gehalten, wenn man an VAN HELSING o.ä. denkt. Was denken Sie über diese Renaissance des Horrorgenres?
Gerade bei den Big-Budget-Hollywoodfilmen gibt es ein Problem, deren Konstrukt, die Machart, das Tempo führen dich als Zuschauer heraus aus dem Horror. Es ist alles zu groß, die Soundeffekte begleiten jede Bewegung auf der Leinwand. Immer wenn eine Tür zuschlägt, wird das den Zuschauern in Dolby 5.1 um die Ohren gehauen. Für mich hat das mehr mit Videogames zu tun und nichts mit Kino. So sehe ich das und ich habe viele dieser Filme gesehen. Sie funktionieren alle nicht.

Jeff Lieberman Welche Filme aller Genres würden Sie unseren Lesern empfehlen? Was sollte man gesehen haben?
A CLOCKWORK ORANGE muss man gesehen haben. Und Brian de Palmas frühe Filme wie SISTERS oder CARRIE. (Kommt jetzt richtig in Fahrt) Als Filminteressierter sollte man sowieso jeden Stanley Kubrick-Film gesehen haben. Alleine BARRY LYNDON ist hundert mal besser als fast alle Filme, die jemals gemacht wurden. Und wenn dir der nicht gefällt, dann schau 2002 - A SPACE ODYSSEY. Schau sie alle. Sie sind alle besser als alles andere. Kubrick war buchstäblich ein Meister. Du kannst auch nichts falsch machen, wenn Du alles schaust, was Fellini gedreht hat. Manche sind zwar schwächer als andere, aber diese Leute machen das, was Regisseure heute versuchen zu erreichen. Warum deren Meisterwerke also nicht heute schauen? Das sind wahre Meister. Was ich auf jeden Fall gelernt habe: Lerne von den Besten! Ich idolisiere niemanden, aber das liegt wohl daran, dass ich jetzt älter bin.

Und im aktuellen Filmgeschehen?
HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER hat mich stark beeindruckt.BATTLE OF ALGIERS war gut und ich liebe FINDING NEMO, einer der besten Animationsfilme aller Zeiten., das Drehbuch ist fantastisch und der ganze Film ist einfach brillant. Ich habe den Film in kürzester Zeit dreimal gesehen.

Jeff Lieberman Eine letzte Frage zu SATAN'S LITTLE HELPER: War es Satan oder war er es nicht?
(lacht) Ja und Nein. Amanda Plummer sagt es. Wenn die DVD erscheint, können Sie sie leihen oder kaufen und Sie werden es hören. Am Anfang des Films sagt es Amanda Plummer, wenn sie zu ihrem Sohn spricht. Sie gibt da die Antwort, wenn er fragt "Ist er wirklich der Teufel?". Es ist im Dialog, ich schrieb es so ins Buch, dass man natürlich nicht weiß, dass es die Antwort ist, denn es ist am Anfang des Films. Das Kind fragt "Das ist wirklich Satan, oder?" und sie sagt "Satan symbolisiert das Böse, und es ist natürlich Böses in der Welt. Aber es ist kein Typ mit Hörnern und einem Schwanz, der durch die Gegend rennt". Und als das Kind daraufhin ganz enttäuscht guckt, sagt sie "Auch wenn er ein Kostüm trägt wie sein little Helper, ist es eher der Typ hinter der Maske". Kein Mensch glaubt heute noch an einen Teufel mit Hörnern, einem Schwanz und Feuer, dass aus den Augen kommt. Das Böse ist subtiler. Und daher antworte ich auf die Frage: Ja und nein.




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