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GESPRÄCHE

Björn Eichstädt im Gespräch mit Dana Ranga

Die Regisseurin Dana Ranga ist ein Stern im Universum der Dokumentarfilmer. Und die Psychologie im Weltall ist ihr Steckenpferd. Derzeit arbeitet sie an einem Film über den Kosmonauten Valery Polyakov, der mit 438 Tagen im All noch immer den Weltrekord in extraterrestrischer Daueraktivität hält. Zuvor erntete sie begeisterte Kritiken für ihre Dokumentation STORY, die den amerikanischen Astronauten Story Musgrave in ein mehr als besonderes Licht tauchte. Frühen Doku-Ruhm erlangte die Rumänin bereits mit ihrem Erstling EAST SIDE STORY über sozialistische Musicalfilme, der 1997 in Sundance uraufgeführt wurde. Dana Ranga

Dana Ranga ist eine begeisterte Person, und sie kann andere begeistern. Sie macht das, was sie liebt. Und sie gibt dafür alles. Von Berlin aus, wo die 1964 in Bukarest geborene Regisseurin seit 1987 lebt, geht sie ihre eigenen Wege und versucht ihren Kopf gegen die Starrheit des Kompromisses durchzusetzen. Nach Studien der Medizin, Filmwissenschaft, Publizistik und Kunstgeschichte in Bukarest und Berlin arbeitete sie als Autorin für den ORB, das Deutschlandradio, den WDR und SWR und realisierte Anfang der 90er zwei Tanzfilme. Dann stürzte sie sich in das Abenteuer der Dokumentarfilmerei.

Im Gespräch ist Ranga das, was sich in ihren Filmen ausdrückt: Eine geborene Geschichtenerzählerin. Häufig ohne Punkt und Komma, aber nie ohne Inhalt, spricht sie begeistert und offen über das manchmal entbehrungsreiche Leben als Filmemacherin und die Hintergründe ihrer Arbeit.

Das Gespräch.

STORY, Ihr aktueller Film, ist soeben auf DVD erschienen. Er erzählt die Geschichte des Astronauten Story Musgrave. Wie sind sie auf den Mann und das Thema gekommen?
    Es gab da ein paar Eckpunkte. Zu einen hat mich schon immer interessiert, warum Menschen überhaupt ins All fliegen wollen. Wo liegt die Motivation? Das war so eine Frage, die ich lange mit mir herumgetragen habe. Und dann bin ich eines Tages über eine tolle Briefmarkensammlung mit Weltraumbriefmarken gestolpert. Vor allem die aus Staaten ohne Weltraumbezug, etwa afrikanische Länder, hatten sehr schöne Darstellungen von Weltraummotiven auf kleinster Fläche. Das hatte etwas sehr Poetisches. Und schließlich hörte ich im BBC-Radio ein Interview mit Story Musgrave - da war er gerade von seinem sechsten und letzten Weltraumflug zurückgekommen. Seine Motivation erklärte er dort mit "the Quest" - also einer größeren Suche. Diese Antwort wirkte auf mich unheimlich spirituell; etwas Vergleichbares hatte ich von einem Raumfahrer noch nicht gehört. Ich war mir sicher, dass mir dieser Mann viele meiner Fragen beantworten könnte.

Und das war der Startschuss für STORY?
    Nicht ganz. Eigentlich wollte ich nach meinem ersten Erfolg mit EAST SIDE STORY einen ganz anderen Film machen. Das Projekt hieß INTERNATIONAL BLUE und war als 35-mm-Film angelegt. Der Ansatz waren Gespräche mit ungefähr acht Raumfahrern über ihre Lieblingsorte auf der Erde - vom Weltraum aus betrachtet. Daran habe ich jahrelang gearbeitet, hatte auch schon Sponsoren, aber dann ist vieles schief gegangen. Zunächst lief alles gut, das Drehbuch erhielt einen wichtigen Preis, aber dann sind die Sponsoren abgesprungen, für das deutsche Fernsehen war das alles zu ambitioniert. Und Raumfahrt interessierte Ende der 90er auch niemanden. Im Rahmen der Recherchen habe ich allerdings Story Musgrave kennen gelernt und ihn schließlich gefragt, ob ich einen Film nur über ihn machen könnte. Das war 2002.

Warum ausgerechnet Musgrave? Sie hatten ja noch andere Astronauten.
    Der Mann hat mich begeistert. Er hatte einige schwierige Erlebnisse in seiner Jugend und hat es irgendwie geschafft, diese Schicksalsschläge in Energie zu verwandeln. Und er hat sich trotz aller Schwierigkeiten seinen Traum erfüllt und wurde zu dem Astronauten, der am meisten Starts ins All für sich verbuchen kann. Das fand ich beeindruckend. East Side Story

War er mit dem Film sofort einverstanden?
    Ich habe ihm schon schwierige Bedingungen gestellt. Zum Beispiel totale Offenheit, die ich für den Ansatz brauchte, der mir vorschwebte. Er hat aber trotzdem zugesagt, weil er das Projekt spannend fand. Aber die Zeit wurde sehr knapp, wir hatten einen Termin, ich war pleite und wir hatten nur noch drei Monate Zeit. Also hab ich meine Lebensversicherung gekündigt, die mir nur 3000 Euro eingebracht hat und habe schweren Herzens das Haus meiner Großeltern in Rumänien verkauft, was weitere 5000 Dollar in die Filmkasse brachte. Schließlich habe ich noch meinen Traumkameramann für die Aufgabe gefunden und dann haben wir zwei Wochen gedreht.

Viel Geld war ja nicht da, das sieht man dem Film aber nicht an.
    Wir haben sehr einfach gedreht. Im ersten Teil nur auf einem Tisch mit silbernen Folien außen herum, die die Enge der Raumkapsel simuliert haben. Das Motto war: "Open the heart with Space and then deliver the message". Während dieser Phase der Dreharbeiten haben wir mit Story auch nur über den Weltraum geredet. Und dann sind wir in die Natur gegangen, denn Story Musgrave ist auch ein Naturkind mit dem Kopf im All, aber den Wurzeln auf der Erde. Dieser Teil der Dreharbeiten fand in der Nähe von Templin statt, wo wir einen alten, ausgedörrten Wald gefunden haben in den wir Story mit nacktem Oberkörper gesetzt haben. Wir wollten die Zerbrechlichkeit eines Menschen in der wilden Natur zeigen. Doch er machte nicht so mit, wie ich mir das erhofft hatte. Er erzählte von seiner Kindheit, dass alles toll war, die typische amerikanische Schiene mit der schönen Ansichtskartenfront.

Im Film öffnet er sich dann aber doch sehr. Wie haben Sie ihn dazu bekommen?
    Ich habe mich erstmal sehr mit ihm gestritten. Oberflächliche Geschichten ohne Tiefe, ohne Schmerz, wollte ich nicht. Wir wurden sehr laut und der Kameramann hat erstmal die Kamera abgeschaltet, was mich noch weiter in Rage gebracht hat. Aber dann sind die Tragödien des Lebens aus Story Musgrave herausgebrochen. Ich wollte keinen Psychofilm machen, deswegen habe ich im finalen Schnitt einiges weggelassen, aber ich habe Material bekommen, von dem ich glaubte, dass es auch anderen Menschen etwas sagen würde. Wir haben mehrere Tage Interviews im Wald geführt, teilweise mit Tränen in den Augen. Die Geschichte von Story Musgrave hat sich dann fast von alleine erzählt und am Ende war da Hoffnung und die Erkenntnis, dass es für fast alles eine Lösung gibt.

Über Story Musgrave erfährt man in STORY sehr viel, über die Filmemacherin weiß man wenig. Wie ist Ihre eigene Geschichte?
    Es gibt da viele Parallelen zu Story. Ich bin schon lange auf der Suche. Und ich musste mir auch die Frage stellen, wie ich mit schlimmen Schicksalsschlägen umgehe. Meine Mutter ist gestorben - oder vielleicht auch nur verschwunden - als ich sieben Jahre alt war. Es wurde ein großes Geheimnis um alles gemacht und ich habe immer nach der Wahrheit gesucht. Nach einer Auflösung von Lüge, Erfindung und Projektion. Dazu kam, dass ich in einem sozialistischen Land aufgewachsen bin, in dem fast nie offen über Dinge gesprochen wurde. Ich wollte Dinge erforschen, dokumentieren und aufschreiben. Mein eigentliches Thema war die Poesie der Dinge - und die Wahrheit hinter dem Vorhang. Bei EAST SIDE STORY, meiner ersten Dokumentation über sozialistische Musikfilme, war das auch schon mein Ansatz.

Für einen Erstling haben sie damals ja große Erfolge gefeiert.
    Ja, der Film lief weltweit auf den großen Festivals. Er startete damals in Sundance, und ich dachte, dass das jetzt immer so weitergehen würde. Aber das stimmte nicht. Jeder Film ist ein neuer Start, die Suche nach einer neuen Geschichte. Nach der Aufdeckung eines neuen Geheimnisses. Und einer neuen Form, die Filme zum Publikum zu bringen. Ich denke, dass das nur mit einer guten Geschichte oder viel Geld funktioniert. Story

Ist es eigentlich ein Zufall, dass im Titel beider Filme das Wort Story vorkommt?
    Nein. Gute Filme sind eine Geschichte. Mit einem Anfang und einem Ende. Denn Geschichten sind sehr wichtig für unser Vorankommen, zur Orientierung der Menschen. Das Leben ist ja wie ein grammatikalisch gut aufgebauter Satz, mit erstem und letztem Wort. Wichtig ist es in einem Film Zusammenhänge zu zeigen, Konsequenzen und die Spannung, die die Dinge auf der Welt zusammenhält. Und, auch wenn ich jetzt nicht moralisch klingen will, ein Lerneffekt ist wichtig. Das ist bei allen guten Filmen so. Auch meine Favoriten folgen diesem Muster, TAXI DRIVER zum Beispiel.

Wie ging es mit STORY dann weiter. Wieder der Festivalzirkus?
    Es war sehr viel schwerer als beim ersten Film. 2003 waren wir kurz nach dem 11. September und dem Absturz der Columbia. Auch der Irakkrieg hat das Klima vergiftet. Sundance wollte den Film nicht, weil Raumfahrt gerade nicht so gut ankam, einen Film über einen amerikanischen Raumfahrer konnte ich aber auch in Europa wegen der aufgeladenen Stimmung nur schwer losbekommen. Der Film war quasi auf einem Orbit gefangen. Dann hat sich schließlich der künstlerische Leiter des Filmfestivals in Marseille für STORY begeistert. Und dort wurde der Film auch gleich für die innovative Filmsprache ausgezeichnet. Ich bekam dann weitere Ehrenpreise, nur kein Geld. Und einen Kinoverleih haben wir auch nicht gefunden. Ich habe noch heute Schulden aus der Zeit. Schließlich hat Arte den Film gekauft und im Fernsehen gezeigt, aber reich wurde ich dadurch auch nicht. Aber die Kontakte waren ungemein wichtig und mein neuer Film COSMONAUT POLYAKOV über den Kosmonauten, der mehr als ein Jahr auf der MIR im All war, wird jetzt von Arte mitfinanziert.

Finanzierung und Vermarktung sind ja Schlüsselbegriffe in ihrer Geschichte. Wieso vertreiben Sie STORY selbst und gehen nicht über ein etabliertes DVD-Label?
    Ganz einfach: weil das Geld komplett zu mir kommt. Ein großer Verleih oder Vertrieb zahlt dem Filmemacher eine Garantiesumme, aber wenn der Film erfolgreich läuft, dann sieht der Macher keinen Cent mehr. Deswegen wollte ich das selber in die Hand nehmen und verkaufe den Film nun über die Website www.storythefilm.com. Auch wenn der Einstieg natürlich schwierig ist. Ein Vorbild ist sicher David Lynch, der das ja mittlerweile auch alles selber in die Hand genommen hat. Wobei er es natürlich leichter hat, weil er sehr bekannt ist. Aber auch in der Musikindustrie gibt es derzeit interessante Modelle des Direktvertriebs und der Interaktion von Künstlern und Konsumenten. Zum Beispiel Marillion, die sich zum Teil Platten von ihren Fans vorfinanzieren lassen.

Die Einstürzenden Neubauten haben das zuletzt auch gemacht.
    Genau. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Ich bin vor allem dabei für STORY Verlinkungen im Netz zu schaffen, auch auf den Seiten von Weltrauminteressierten und -organisationen. Ansonsten suche ich Sponsoren für COSMONAUT POLYAKOV, das ist ein hartes Geschäft. Und der ein oder andere Fan, der sich hier einschaltet, ist natürlich sehr willkommen.

Ist darüber hinaus bereits ein Projekt geplant?
    Ja, der dritte Teil meiner Weltraumtrilogie. Da wird es um Psychologie im Weltall gehen. Allerdings ganz ohne Astronauten. Ich will nur Gespräche mit Psychologen führen. Aber das dauert noch, jetzt will ich erstmal COSMONAUT POLYAKOV fertig bekommen.




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