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GESPRÄCHE

Hasko Baumann im Gespräch mit André Jagusch

André Jagusch wurde 1978 in Berlin-Friedrichshain geboren. Seine Begeisterung für Filme brachte ihn schon bald mit Gleichgesinnten zusammen, mit denen er 1995 die Nine O'Clock Pictures gründete. Jagusch, Autodidakt und absolutes Naturtalent, schuf dort die Kurzfilmreihe AMERICAN SHOWDOWN, die den Actionfilm auf die finale Konfrontation reduziert. Abschluß und Höhepunkt war 2002 der fulminante AMERICAN SHOWDOWN 7. 2005 erschien die komplette Reihe auf einer liebevoll gestalteten DVD.
Der umtriebige Filmemacher erzählt vom Guerilla-Filmemachen und den negativen Reaktionen auf den hohen Gewaltanteil der SHOWDOWN-Filme (die DVD hat übrigens nicht einmal eine Jugendfreigabe).

Wer ist eigentlich Nine O'Clock Pictures? Und was machen die Mitglieder so? Das kommt auch auf der DVD nie zur Sprache. Nine O'Clock Pictures
    Nine O'Clock Pictures ist unsere Produktion, die nur dafür da ist, unseren eignen Scheiß zu machen. Früher war das einfacher als heute. Aus einer Blitzidee hat man dann an einem Tag einfach einen Film gemacht. Heute ist jeder in seinem Bereich schon professionell tätig. Nur arbeiten wir dann für andere. Da bleibt kaum Zeit für eigene Sachen. Steve Patuta komponiert Musik für Werbespots, Alexander Scheer spielt den Othello im Schauspielhaus Hamburg. Ich selbst bin freischaffender Regisseur, Kameramann und Cutter und schlage mich derzeit mit Industrie- und Imagefilmen rum.

Wie kann man sich den Verlauf von der Idee eines Nachmittags - bei Teil 1 - bis zum hochprofessionellen Teil 7 vorstellen? American Showdown
    Bei AMERICAN SHOWDOWN war das anfangs eine entspannte Sache. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt für damalige Verhältnisse viel bessere Filme gemacht, die auch auf schon auf Nachwuchsfestivals liefen. Bei AMERICAN SHOWDOWN 1 wollten wir aus Langweile nur ein bißchen rumtrashen, ohne unseren eigenen Qualitätsstandard toppen zu müssen. Nach Teil eins fiel es dann nicht schwer, die Sache einfach weiter zu machen. Das Ganze war ja nur ein Witz. Ab Teil 3 betrachteten wir die Filme dann als Trilogie, und die ersten Regeln wurden aufgestellt, aber niemand hätte schon daran gedacht, daß das mal auf einer DVD geschweige denn überhaupt mal auf einem Festival zu sehen sein würde.
Irgendwann sagte ich: Wir drehen mal wieder einen Showdown. Aber an einem oder 2 Nachmittagen war das nicht mehr zu realisieren. Wir zeigten die Filme in verschiedenen Clubs, und als die Leute, die uns kannten, immer wieder fragten, gibt’s bald einen neuen SHOWDOWN, wurde AMERICAN SHOWDOWN zu unserer Hauptaufgabe.

Wie ist Teil 7 finanziert worden und wann habt Ihr Euch entschlossen, einen derartigen Sprung in Sachen Aufwand zu machen?
    Der 7. Teil hatte am Ende ein Budget von 3500 € bzw. damals noch 7000 DM. Und das war für Zivieldienstleistende eine Menge Geld. Wir wußten Gott sei Dank bei Drehbeginn noch nicht, was uns erwartete. Am Ende opferte Mirco, der von uns am Bodenständigsten war und sein Zivildienstgehalt gespart hatte, alles für die Motorboote. Am letzten Drehtag gingen wir nach Drehschluß sogar noch ohne einen Pfennig Geld Essen und prellten die Zeche. American Showdown
Der Sprung in Sachen Aufwand war weniger geplant - oder besser gesagt schon immer mit jedem Film geplant. Ich hatte bei Teil 7 nicht mehr Equipment als bei Teil 5 oder 6: Eine Videokamera und ein Stativ. Dollyfahrten habe ich auf Rollschuhen gedreht. Ein „Kranfahrt“ von oben runter aufs Piratenschiff filmte ich vom gegenüberstehenden Riesenrad. Na gut, für die Motorbootsequenz hatten wir ab und zu ein Unterwassergehäuse von meinem Vater, der mir auch das Motorbootmodell gebaut hat, das zum Schluß explodiert.
Das einzige, was sich mit dem 7. Teil verändert hat, war die Nachbearbeitung. Bis zum 6. hatte ich immer an einem Analogen SVHS-Drei-Maschinen-Schnittplatz gearbeitet. Mit Teil 7 kam auch der Umbruch zum Digitalen Avid-Schnittplatz. Die Möglichkeit, Aufnahmen zu verschnellern oder zu verlangsamen, waren wichtige neue Tricks zu dem Zeitpunkt. Und nicht zuletzt natürlich auch der qualitative Standard. Daß beim Schneiden die Aufnahmen nicht auf SVHS kopiert wurden, was in Sachen Bildqualität erhebliche Einbußen gebracht hatte.

Du hast mal gesagt, es gab Anfeindungen bei Festivals. Wie muß man sich das vorstellen?
    AMERICAN SHOWDOWN 7 kann aus der Sicht eines Filmemachers auch ein ganz schön großkotziger Film sein. Wer die Geschichte von Teil 1-7 nicht kennt, könnte denken: "Na, da hat aber jemand Unsummen für einen Film rausgeschmissen, der mir gar nichts erzählt." Dreharbeiten zu American Showdown
Nun ist das auch immer eine Frage vom Publikum. Auf dem Filmfest Weiterstadt lief AMERICAN SHOWDOWN 7 mit großer Begeisterung. Dort sind die Leute aber auch entspannt und verfügen über eine Menge Humor. Auf einem Studentenfilmfestival, wo jeder schaut was der andere macht, und jeder Angst hat, vom anderen übertrumpft zu werden, sieht das schon ganz anders aus. Und schon gerade, wenn eher künstlerisch oder politische Themen auf dem Programm stehen. Schnell ist dort AMERICAN SHOWDOWN das Vorzeigebeispiel für den prolligen Mainstream. Es gab eine riesige Diskusion im Foyer über AMERICAN SHOWDOWN.
Ich war noch etwas benommen und rechnete eher mit einer Lobeshymne, aber was dann passierte überforderte mich ganz schön. Eine aggresive Meute brüllte mich an, was ich mit dem Film überhaupt sagen wolle. Ob ich wüßte, daß wegen solchen Filmen Sachen wie das Massaker in Erfurt passieren. Das Erfurt Massaker lag gerade mal eine Woche zurück und war ohnehin ein sehr aktuelles Thema. Nach und nach meldeten sich immer mehr Leute zu Wort und gaben ihre Kritiken zum besten. In vielen Gesichtern sah ich 23 Jährige Studenten, die sprachen wie ihre 50 Jährigen Profs. Irgend etwas hat mir daran nicht gefallen. Mir selbst fehlten die Worte. Mit so einem Angriff hatte ich nicht gerechnet. Dreharbeiten zu American Showdown
Heute möchte ich dazu aber noch was sagen. Mir ist aufgefallen, daß viele unserer Kritiker gesagt haben, daß sie Actionfilme gar nicht leiden können. Wer Actionfilme nicht leiden kann, der wird auch AMERICAN SHOWDOWN nicht leiden können, und wer für Action im Kino kein Verständniss hat, ist für mich kein richtiger Cineast.

Für mich als Wessi ist überraschend, wie oft Ihr auf der DVD Eure Ost-Herkunft betont. Geht es Euch da um den anderen Blickwinkel auf die "typisch westliche" Action? Dreharbeiten zu American Showdown
    Ich glaub, in diesem Punkt müssen wir jeden von uns ein bischen individueller betrachten. Es geht schon zum einen darum, daß der Zugang zu bisher verbotenen Dingen einen bestimmten Reiz auslöste. Für mich ist das eher eine verspätete „Los wir gehen runter mit Knarren spielen“ kleine Jungs-Geschichte. Und das hat jeder gemacht, ob im Westen oder Osten. Bis auf die, denen es von den Eltern verboten wurde. Hierfür kann man aber auch nicht die Mauer verantwortlich machen. Was aber wichtig an der ganzen Ost-West-Geschichte ist, hat mit der Mentalität zu tun. Und man muß zugeben, daß ein Bayer eine andere Vorstellung vom gesellschaftlichen Umgang im Leben hat als ein Berliner, und noch viel mehr als ein Ostberliner. So jemand kann zum Teil gar nicht nach vollziehen, warum wir so was machen. Ebenso auch umgekehrt.
Der eigentlich spannende teil unserer Jugend ist aber die Nachwendezeit. Sprich die 90er Jahre. Das ist nämlich die Zeit, in der Berlin noch wirklich gerockt hat. Leerstehende Fabriken, illegale Partys , traumhafte Kulissen ohne Drehgenehmigung. Und die neuen, noch ungenutzten Möglichkeiten.

Für mich ist Teil 7 in Sachen Inszenierung die Speerspitze deutschen Actionkinos, ganz im Ernst. Wie geht es für Dich von da aus weiter?
    Vielen Dank. Nach AMERICAN SHOWDOWN 7 hab ich erst einmal einen 40 minütigen Kinderfilm an der Ostsee gedreht. Das hat mir sehr gut getan, zumal ich nach 7 auch erst einmal die Schnauze voll hatte. Momentan schreibe ich an mehreren Projekten und kann mich nicht entscheiden, was ich als nächstes machen will. Es sieht gerade ein bisschen nach Science Fiction aus. Die Zeit, die ich nicht habe, arbeitet allerdings ganz schön gegen mich.

Bist Du totaler Autodidakt, was die Nutzung filmischer Mittel angeht, sprich: Hast Du durch das Konsumieren von Filmen gelernt? American Showdown
    Den Drang Filme zu machen hat ich schon sehr früh. Als mein Vater meiner älteren Schwester erklärt hat, wie man ein Daumenkino malt, spitzte ich die Ohren. Meine Schwester war sehr gut beim Malen von Daumenkinos, aber ich war besser. Ich machte ganze Serien. Wenn der Notizblock zu Ende war, ging auf einem anderen der 2. Teil weiter. Ähnlich wie bei AMERICAN SHOWDOWN. Damals war ich 9 oder 10 Jahre alt. Als Nächstes leierte ich meinem Vater die Super 8 aus dem Kreuz und begann, mit beweglichen Micky Maus-Figuren und Schlümpfen Puppentrickfilme zu machen.
Erst als wir eine Videokamera hatten und ich in Jugendvideoclubs auch das Material schneiden und vertonen konnte, kam das Lernen durch das Gucken von Filmen zum tragen. Dafür aber richtig. Ich war sehr schnell Spezialist, wenn es um Klischees in Film & TV ging. Getreu dem Motto, das ich auch heute noch vertrete: Mach mit , mach's nach, mach's besser.

Hast Du einen Überblick über den Underground im deutschen Genrefilm, sprich: den ganzen Amateursplatter etc.?
    Nur zum Teil. Die, die ich auf jeden Fall nennen kann und möchte, sind die Freakx und die Neverhorst Company. In Sachen Wahnsinn und Humor geben diese Jungs noch ein bißchen mehr Gas als wir.

Mit welchem Equipment hast Du gearbeitet, insbesondere bei Teil 7?
    Mit einem Digital 8 Camcorder und einem Stativ. Ein paar Lampen für die Innenaufnahmen, Unterwassergehäuse, und Rollschuhen für einige Kamerafahrten.

Gibt es für Dich die ultimative Actionsequenz in der Geschichte des Films?
    So sehr ich diesen Film auch hasse: Die Motorrad-Verfolgungsjagd in MI:2 steht bei mir ungebremst auf Platz 1 in Sachen innovative Actionsequenzen.




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